Aikido Journal Home » Interviews » Gespräch mit Shigeo Kamata und Kenji Shimizu über Zen und Aikido Aiki News Japan

Gespräch mit Shigeo Kamata und Kenji Shimizu über Zen und Aikido

Available Languages:

von Stanley Pranin

Aiki News #89 (Fall 1991)

Übersetzt von Hartmut Melzer und Ursula Schmitt-Lellbach

Stanley Pranin: Morihei Ueshiba war zweifelsohne von der Shinto-Religion beeinflusst, besonders von der Omote-kyu des Onisaburo Deguchi. Zen war jedoch ein einflussreicher Faktor für die Kampfkünstler der Meiji-Ära. Können Sie einige dieser Leute nennen?

Shigeo Kamata: Ich glaube, Tesshu Yamaoka war der Berühmteste derer, die stark vom Zen beeinflusst waren. Sein Muto-ryu-Stil rührt vom Zen her. Die Muto-ryu wurde während der Regierungszeit des Shoguns Iemitsu Tokugawa (1623-1651) von Muneyori Yagyu (berühmter Schwertfechter, 1571-1646, der Yagyu-Shingake-ryu. Yamaokas Muto-ryu verkörpert die Idee des Yagyu-ryu, muto (Schwertlosigkeit)) entwickelt. Er schrieb ein Buch mit dem Titel ‚Heiho Kadensho’. Es besteht aus zwei Bänden, in denen der Einfluss des Zen sichtbar wird: ‚Setsuinto’ (todbringendes Schwert) und ‚Katsujinken’ (lebensspendendes Schwert).

Stanley Pranin: Ich glaube, dass Jigoro Kano und andere Fachleute der traditionellen Kampfkünste während der Meiji-Ära ebenso vom Zen beeinflusst waren.

Shigeo Kamata: Ja, das ist wahr. In der Edo-Periode wurden grosse Teile der Zen-Philosophie von der Schwertkunst übernommen, und folglich ist es nur natürlich, dass die Kampfkünstler dieser Zeit vom Zen geprägt waren, obwohl es einige gab, die es zurückwiesen.

Wenn ein Kampfkünstler jung ist, ist sein Schwert bloss ein ‚tötendes Schwert’, aber wenn er Reife erlangt, zieht er nicht einmal sein Schwert, geschweige denn, dass er einen Menschen tötet. Wir können diesen Wandel in der Schwertkunst von Bokuden Tsukahara sehen, der in seinen späteren Tagen nicht mehr darauf abzielte, mit seinem Schwert zu töten. Sieht man das negativ, so kann man diesen Wandel als Schwäche betrachten. Dabei waren es geistige Faktoren, die die Natur seiner Schwertkunst veränderten.

Auch Ueshiba Sensei scheint in seiner Jugend nur trainiert zu haben, um stark zu werden, aber nachdem er zur Omote-kyo Religion kam, konnte er die Kraft des Universums wahrnehmen, eine so viel grössere Kraft als seine eigene. Danach wandelte sich sein Aikidō von blosser Technik in eine Kunst, die auch eine mystische Kraft beinhaltete. Ich denke, wer eine Kampfkunst betreibt, strebt zuerst danach, stark zu werden. Aber schliesslich sind die Möglichkeiten der Kunst erschöpft, und während man versucht, diesen toten Punkt zu überwinden, kann man Gott wahrnehmen oder den Geist des Universums oder Zen oder irgendetwas in der Art.

Stanley Pranin: Ueshiba Sensei pflegte zu sagen: „Aikidō basiert auf dem Schwert“. Wie erklärte er Ihnen die Bedeutung des Schwertes im Aikidō?

Kenji Shimizu: Er erklärte es nicht sehr genau. Tatsache ist, dass er sehr ärgerlich wurde, wenn er uns mit Waffen üben sah. Ich denke, er war der Auffassung, dass die Basis des Aikidō das taijutsu (waffenlose Techniken) ist, und wir als noch untrainierte Schüler nichts lernen sollten, was nicht wesentlich für das Aikidō war. Zuerst hatten wir ‚waffenlose Techniken’ zu lernen, damit wir unseren Körper trainierten. O-Sensei war streng mit unserem Training und beobachtete uns gerade dann, wenn wir uns seiner Gegenwart nicht bewusst waren. Und wenn unser Training nicht seine Billigung fand, ermahnte er uns mit lauter Stimme. Er beobachtete unser Training sehr sorgfältig. Ueshiba Sensei zeigte uns oft die Prinzipien des Aiki (aiki no riai) beim Benutzen eines Schwertes. Ich glaube, heutzutage benutzen zu viele Leute das Schwert beim Aikidō. Und lebte O-Sensei noch, er würde sie heftig schelten und sagen: „Dies ist kein Aikidō!“.

O-Sensei gab uns ein Schwert und sprach: „Schlagt mich damit!“. Aber wir konnten es nie, weil wir von seinem Geist so überwältigt waren, als wären wir blosse Puppen. Er nahm unseren Geist so gefangen, dass wir ihn nicht schlagen konnten.

Stanley Pranin: Man könnte sagen, dass Sie geschlagen waren, noch ehe Sie ihn angriffen.

Kenji Shimizu: Ja, wir waren vollkommen verwirrt. Ich hörte, dass er in seinen Anfängen seinen Schülern öfters befohlen hatte, ihn mit einem echten Schwert anzugreifen, aber bevor sie ihn schlagen konnten, hatten sie schon verloren. Ich vermute, dass auch sie von seinem Geist überwältigt waren wie ein Frosch, der durch den starren Blick einer Schlange hypnotisiert wird und nicht davonhüpfen kann. In den Kampfkünsten, was in meinem Fall Aikidō ist, kann die Kraft des Geistes ohne Rücksicht auf das Alter geschult werden. Daher sollten wir uns, selbst wenn unser Gegner ein alter Mann ist, nicht erlauben, nachlässig mit unserem ki umzugehen. Zum Beispiel kann ein junger Mann vom ki eines älteren Gegners so überwältigt werden, dass er keinerlei Technikern anwenden kann. Man sagt, wenn Tesshu Yamaoka sein Schwert langsam hob, war sein Gegner gezwungen, seinen Kopf darunter zu bringen; mit dem Resultat, dass er niemanden tötete. Sobald ein Gegner seinen Kopf in einer Verneigung beugte, gab es für Tesshu keine Notwendigkeit, ihn zu töten.

Shigeo Kamata: Ich habe den Eindruck, Tesshu war ein Mensch mit einem sehr starken und kraftvollen Charakter, während er gleichzeitig ein natürlicher und entspannter Mann war. Das gleiche kann man über sein Schwert sagen. Obwohl er sehr lange trainiert hatte, stellte er seine Kunstfertigkeiten nie zur Schau.

Stanley Pranin: Kamata Sensei, in Ihrem Buch ‚Zen und Aikidō’ beschreiben Sie den zentralen Gedanken von Takuan (ein berühmter Priester, 1573-1645, der Zen Rinzai Sekte; er schrieb mehrere Briefe über Zen und Schwertmeisterschaft an seinen Freund Munenori Yagyu), den Geist menschlichen Daseins mit dem des Universums in Einklang zu bringen. Ich denke, dies ist das wichtigste Ziel. Ich habe gehört, dass Ueshiba Sensei sagte: „Aiki ist Liebe“. Glauben Sie, dass es gemeinsame Punkte zwischen den Gedanken von Takuan und Ueshiba Sensei gibt?

Shigeo Kamata: Ich glaube nicht, dass Ueshiba Sensei Takuans Buch gelesen hat, denn er war Anhänger der Omote-Religion. Aber obwohl diese beiden Männer ihre Gedanken in verschiedenen Worten ausdrückten, haben sie tatsächlich einige Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel gebraucht Takuan nie das Wort ‚Liebe’, dies ist ein moderner Begriff, stattdessen gebrauchte er den Ausdruck ‚allumfassende Umarmung’. Nach Takuan ist Liebe die Umarmung aller Dinge um uns herum. Diese Liebe ist völlig verschieden von der allgemeinen Auffassung davon, und Takuan argumentierte:

Wenn der Mensch in der Lage ist, seinen Gegner zu erfassen, ist er imstande, alle seine Gegner zu erfassen, auch wenn er von fünf oder zehn gleichzeitig angegriffen wird.

Stanley Pranin: Ich habe gehört, dass O-Sensei sagte: „Auch wenn es nur einen einzigen Feind gibt, müssen wir agieren, als wären zehntausend da; sind viele Feinde da, müssen wir sie behandeln wie einen einzigen.“ Ich denke, das ist dasselbe, was Sie gerade gesagt haben.

Shigeo Kamata: Musashi Miyamaoto sagte ebenfalls das gleiche in seinem ‚Buch der fünf Ringe’. Aber wenn sich ein Mensch ruhelos und unbehaglich fühlt, kann er nicht in der Weise reagieren, die Takuan beschrieb. Einmal umzingelt von zehn Gegnern, wird er zurückschrecken, egal wie gut man ihm beigebracht hat, zehn Feinde als einen zu betrachten. Sein Körper wird unfähig sein, sich zu bewegen, geschweige denn, sich in einem echten Kampf zu bewähren.

Bei den Kampfkünstlern heisst es seit alters her, dass es im Fall eines echten Konfliktes für den Ausübenden schwer ist, in die ma-ai (Schlagweite) seines Gegners einzutreten. Um damit umzugehen, hat die Jigen-ryu aus Satsuma (heute Präfektur Kagoshima) eine Übung, bei der ein Vorwärtsschritt in des Gegners ma-ai den eigenen Körper in die Reichweite des Gegners bringt. Bei einem echten Schwert beträgt die Distanz zwischen beiden, selbst wenn sie wie ein Meter aussieht, in Wirklichkeit drei Meter. Darum kann der Kontrahent seinen Gegner nicht niederschlagen und ihn höchstens geringfügig verletzen. Die Kagoshima Leute trainierten daher zuerst, in des Gegners ma-ai zu treten. Tritt ein Kontrahent einmal in des Gegners ma-ai, kann er geschlagen werden. Er riskiert also sein eigenes Leben, um den Gegner zu schlagen. Er ist darauf vorbereitet, niedergeschlagen zu werden, und ist darin geübt, seinen Widersacher zu schlagen, indem er den Gegner zweimal kontert. Deshalb ist es unmöglich, das Eintreten in die Reichweite des Gegners mit einem echten Schwert zu üben.

Kenji Shimizu: Im Japanischen sagen wir niku o kirashite hone o kiru (Wenn der Gegner Dein Fleisch schneidet, schneide ihn bis auf die Knochen).

Stanley Pranin: Shimizu Sensei, Sie haben viele Jahre im Ausland unterrichtet. Ich denke, Ausländer und Japaner differieren leicht in ihren Gründen, AikidÜ zu erlernen. Sind Sie jemals von Ihren ausländischen Studenten zu philosophischen Problemen befragt worden?

Kenji Shimizu: Ja, das bin ich. Am häufigsten werde ich gefragt, warum nur eine begrenzte Zahl Japaner Aikidō erlernt, trotz der Tatsache, dass sie leichten Zugang zu solch einer grossartigen Kampfkunst haben. Sie fragen mich auch, was ich über rei (Etikette) und bu (Kriegskunst) denke.

Stanley Pranin: Was antworten Sie ihnen?

Kenji Shimizu: Ich habe es schwer, Antworten zu finden. Aber es gibt tatsächlich Japaner, die fleissig Aikidō studieren. Auf die zweite Frage antworte ich folgendes: Es ist besser, einen Sieg ohne Kampf zu erreichen, und der Ausspruch rei wa sonae nari (Etikette ist Vorbereitung) ist die Weisheit, die wir anwenden, um Zwietracht zu vermeiden. Aber wenn wir schlechtes Benehmen aus Feigheit übersehen, begegnen wir einer Situation, wo ‚Gewalt der Herr und Gerechtigkeit der Diener ist’; die Welt würde durch das Gesetz des Dschungels regiert werden. Von jeher wird gesagt, dass wahre Vorbereitung üble Manieren anprangert und die Gerechtigkeit verteidigt. Wir nennen diese Vorbereitung bu (Kampfkunst). Aikidō muss erlernt werden, damit der Geist geschult wird, üble Manieren brandmarken zu können, Gerechtigkeit zu bringen und zu lernen, Gefahr intuitiv wahrzunehmen, Körperbewegungen zu erfassen und mit ihnen entsprechend und unmittelbar fertig zu werden. Ich habe den Eindruck, dass sowohl die Individuen als auch die Gesellschaft, die sich der Verhältnisse nicht bewusst sind, grundsätzlich schwach sind. Eines Tages fragte mich jemand, der meinem Dōjō beitreten wollte: „Man sagt, Aikidō sei Zen in Bewegung, ich weiss nichts über Zen. Kann ich Zen erlernen?“

Shigeo Kamata: Ich glaube nicht, dass er Zen lernen muss. Das Trainieren der Hüfte ist Ziel des Aikidō, wie auch des Zen. Wir gebrauchen das Wort seika-tanden und meinen die Hüfte. Dieser technische Ausdruck bezieht sich auf die zehn Zentimeter-Region des Unterleibs. Diesen Teil müssen wir trainieren, im Aikidō und im Zen. Shimizu Sensei rät uns, die Kreisbewegungen mit den Hüften auszuführen. Das ist schwer zu üben. Zuerst beschreibt die Hüfte einen einfachen Kreis, dann müssen wir diese Übung in drei Dimensionen ausführen, viele Kreise beschreiben. Takuan präsentierte Munenori Yagyu eine ähnliche Theorie.

Stanley Pranin: Wann wurde der Ausdruck seika-tanden zuerst gebraucht?

Shigeo Kamata: Ich kenne das genaue Datum nicht, aber es wurde durch die chinesische Heilmedizin eingeführt. Chinesische Medizin wurde zuerst in der Heian Ära in Japan eingeführt. Der Kern der Lehre ist die Ausbildung von seika-tanden, ki und Atmung, welche im seika-tanden entsteht. Im Zen trainieren wir seika-tanden und ki durch meditatives Sitzen im Za-Zen. Diesen Effekt des Za-Zen kann man im Aikidō sehen, obwohl wir uns dessen im täglichen Leben nicht bewusst sind. Aber wenn einem Ausübenden etwas Ungewöhnliches widerfährt, wird er nicht sehr beunruhigt sein.

Kenji Shimizu: Kamata Sensei hält viele Vorlesungen, und er sagt, sein Geisteszustand hat sich allmählich geändert, seit er begonnen hat, Aikidō zu studieren.

(The full article is available for subscribers.)

Subscription Required

To read this article in its entirety please login below or if you are not a subscriber click here to subscribe.

Username:
Password:
Remember my login information.