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Interview mit Seiseki Abe

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von Stanley Pranin

Aiki News #45 (February 1982)

Übersetzt von Stefan Schroeder

Der folgende Artikel wurde mit der freundlichen Hilfe von Shaun Ravens (USA) erstellt.Das folgende Interview mit Seiseki Abe wurde am 11. Juli 1981 im Dojo von Herrn Steven Seagal geführt.

Seiseki Abe Sensei ca. 1995

Editor: Meister Abe, ich glaube, das erste Mal trafen Sie Meister Ueshiba vor dem Krieg während eines Misogi-Trainings. Ist das richtig?

Abe-Sensei: Ja, ich traf Meister Ueshiba vor dem Krieg. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Meister Kenzo Futaki, ein Medizin-Professor an der Universität von Tokyo, ein “Misogi-Kai” (eine Gruppe trifft sich zu gemeinsamen Reinigungs-Ritualen) organisiert. Am Ise-Schrein (Sitz des kaiserlichen Ahnen-Schreins, gewidmet der Vorfahrin der kaiserlichen Familie, der Sonnengöttin Amaterasu Omikami) gab es ein “Misogi-Dojo”, ein wunderschönes Dojo. Nach der Niederlage wurden die Schreine und alles, was mit den Kami (Göttern) zu tun hatte, unterdrückt und das Misogi-Dojo wurde zerstört. Ich schätze, heute stehen an derselben Stelle Büros irgendeiner religiösen Organisation. Das ist wirklich bedauerlich. Wirklich schade.

Meister Futaki begann mit dem Aikido als er schon über 60 Jahre alt war. O-Sensei respektierte ihn sehr. Er war damals 65 Jahre alt, ich war erst 25. Meister Futaki war natürlich sehr gesund.

Ich erinnere mich an ein Misogi-Kai 1941. Die Reinigungsriten bestanden unter anderem darin, täglich drei Mahlzeiten zu essen, die aus insgesamt vier Tassen dünner Hafersuppe mit braunem Reis bestanden. Und wir duschten mit kaltem Wasser, um alle Unreinheiten von Körper und Geist fortzuwaschen. Wir arbeiteten daran Chinkon (Stille des Geistes) zu erreichen. Während dieser Woche sollte es auch einige Unterhaltung geben. Während einer dieser Sitzungen stand ein gewisser Meister auf und sagte: “Ihr jungen Leute habt keine Disziplin heutzutage” und er fuhr fort: “Falls einer von euch jungen Kerlen glaubt, dass er es mit mir aufnehmen kann, dann nur zu!” Drei Leute drängelten nach vorn, bereit anzugreifen. Wie er es gemacht hat, weiß ich nicht, aber sie wurden alle geworfen. Sie ergriffen Jo (Kampfstöcke) und wurden angewiesen aus allen Richtungen anzugreifen. Sie dachten nun: “Dieser alte Opa nimmt den Mund ziemlich voll.” Aber wieder, ohne dass ich sagen könnte, wie es geschah, flogen die drei wieder durch die Luft. Jeder war von den wundervollen Techniken beeindruckt. Wir waren sehr überrascht von alldem. Später wurde uns erzählt, dass ein Wunderkerl namens Morihei Ueshiba etwas unterrichtete, dass “Ueshiba Ryu Taijutsu” genannt wurde. Falls wir ihm jemals begegnen sollten, müssten wir unbedingt diese Kunst erlernen.

Das war 1941. Ich erinnere mich, dass ich das wirklich versuchen wollte. Aber niemand wusste, wo sich Meister Ueshiba aufhielt.

Das erste Mal begegnete ich Meister Ueshiba im Dojo von Meister Bansen Tanaka in Osaka. Ich wusste nicht, dass dort die Eröffnungszeremonie eines Dojos gefeiert wurde. Ich kam zufällig vorbei, als ich ein Schild bemerkte, auf dem der Name Morihei Ueshiba stand. Ich nehme an, das war eine Art (mysteriöses) Zeichen von O-Sensei; wie auch immer, ich ging hinein. Ich erfuhr, dass das Dojo erst am Tag zuvor geöffnet hatte und das die Vorführung während des Misogi-Kai von eben diesem Meister Ueshiba vollführt worden waren. Als ich dies erklärte, wurde ich sofort nach oben geführt. Ich fragte Meister Ueshiba: “Wie haben Sie so wundersames Budo gelernt?”. Er antwortete: “Durch Misogi.” Ich hatte seit 1941 Misogi geübt. Als ich hörte, dass Aikido von Misogi kam, machte es plötzlich Klick und die beiden griffen ineinander. Dann und dort entschied ich, mich dem Studium des Aikido zu widmen und bis zum bitteren Ende bei O-Sensei zu bleiben.

Der Meister erzählte mir von einem Misogi während seiner Zeit in Hokkaido, als er zu den ersten Siedlern in Shirataki gehörte.

Im Winter, inmitten all des Schnees, selbst wenn 20 oder 30 Zentimeter lagen, habe ich Misogi geübt. Ich habe auch Chinkon geübt. Jeden Morgen ging ich zum Fluss, schöpfte Wasser mit einer großen Kelle und auch wenn das Eis an den meisten Stellen dick war, an meiner Misogi-Stelle war es nur dünn.

Alleine vom Zuhören fror ich.

O-Sensei praktizierte also schon Misogi, bevor er mit der Omoto-Religion in Kontakt kam. Ich frage mich, wann Meister Ueshiba tatsächlich damit begann.

Ich weiß es nicht genau, aber ich war einige Male mit ihm bei Misogi-Zeremonien. O-Sensei und ich wurden einmal zu einem gewissen Shinto-Priester eingeladen, der tief in den Bergen hinter der Stadt Yokkaichi lebte. Dieser Priester wurde dann ein Kyoshi (lizenzierter Lehrer) als Sensei starb. Wie auch immer; es gab dort einen Wasserfall. Ich habe daheim ein Foto auf dem O-Sensei zu sehen ist, wie er dort Chinkon übt. Da er auf dem Bild unbekleidet ist, gehörte es sich eigentlich nicht zu fotographieren, deshalb steht es bei mir in einer dunklen Ecke (lacht).

War Sensei damals ungefähr 75 Jahre alt?

Das stimmt. Und extrem gesund. Sein Körper war biegsam wie der eines Siebzehn- oder Achtzehnjährigen. Über die Jahre hat er allerdings an Gewicht verloren und er beklagte sich, dass seine Muskelkraft nachließe. Wenn er aber sein Ki in sie legte, dann wurden sie - “Zack” - hart wie Stahl.

Glauben Sie, dass sich O-Senseis Techniken dieser Periode signifikant von denen späterer Jahre unterschieden?

Das in seinen späteren Jahren geübte Aikido konnten selbst junge Mädchen, Alte und Kinder ausführen. Das ist ein großer Unterschied. Ich denke, man kann sagen, dass das Training vor dem Krieg ernster und strenger war. Vor dem Krieg hatten wir starke und unnachgiebige Techniken, im Gegensatz zu den unseren Gegner kräftigenden Techniken, die wir jetzt haben. Mit anderen Worten, die starken Techniken - jedenfalls im Fall von O-Sensei, umfassten mehr als nur die Kraft jemanden zu verletzen. Er hatte eine Erfahrung (Satori) von meisterhafter Technik, die die Trainingspartner belebte. Ich glaube, das ist wirklich großartig.

Ich glaube, der Grund für die heutige Popularität des Aikido ist nicht, dass es einfach eine weitere Kampfkunst ist. Es geht darüber hinaus und gibt Leben. Es ist tatsächlich eine harmonische Vereinigung mit dem Großen Universum - eine wirklich wunderbare Sache.

Wie weit war Meister Ueshiba von der Omoto-Religion beeinflusst?

Sie meinen im religiösen Sinne von Omoto beeinflusst? Das ist schwer zu sagen. Der größte daher stammende Einfluss ist (das Konzept der) Kotodama und das Kojiki. Das brillante Kojiki und die Techniken, die O-Sensei schuf, waren untrennbar verbunden. Wenn O-Sensei über das Kojiki sprach, dann nicht in Bezug auf literarische oder gelehrte Erklärungen. Er las das Kojiki im Hinblick auf Kotodama (die Wissenschaft der dem gesprochenen Wort innewohnenden Kraft).

Als ich das allererste Mal mit Meister Seagal sprach, diskutierten wir das Kojiki. Er stellte mir einige Fragen, die sich auf die wichtigsten Fragestellungen des Kojiki bezogen - die Art Fragen, welche die meisten Japaner mangels Wissen nicht fragen könnten. Dafür respektiere ich ihn. Würde man diesen Gedanken weiter folgen, dann würde man auf das Omoto stoßen.

Diese Konzepte sind fraglos wichtig für das Aikido. Westliche Aikidoka können jedoch kaum davon erfahren. Bedeutet dies, dass sie kein wahres Aikido üben können?

Das glaube ich nicht. Aikido unterscheidet nicht zwischen Japanern und Ausländern. Denn sobald man tiefer und tiefer in das Aikido eindringt, wird man einer Art Kojiki und einer Art Kotodama begegnen. In einem anderen - umfassenderen - Sinne kann man feststellen, dass Omoto nicht die einzige Religion ist, und das Kotodama von Reverend Deguchi ist nicht das einzige Kotodama. Wenn wir nach Europa schauen, dort gibt es die Bibel, in Indien den Buddhismus, und so weiter. Alle diese jedoch - ob Christentum oder Buddhismus - verfolgen nur im Wesentlichen das eine Ziel. Im Kojiki finden wir den Ausdruck “Amenominakanushi Omikami”. Das bedeutet “Einswerden mit dem großen Universum”. Es ist das gleiche Ziel, nur anders ausgedrückt. Wenn man über Japan spricht, sollte man das Kojiki anschauen. falls man also zufällig kein Japaner ist, dann reicht es zu wissen, dass es außerhalb der physischen Techniken auch eine spirituelle Ausrichtung gibt. Falls man dieses Element in sein Training einbaut, wird man ein Aikido entwickeln. Jeder, der tiefer in dieses Budo eintaucht, welches wir von O-Sensei geerbt haben, wird schließlich eine religiöse Dimension entdecken.

Ich übe auch Shodo (Kalligraphie). Als ich die künstlerische Schönheit der Kalligraphie mit der Religion verband, fühlte ich das erste Mal, dass mir ein wenig Verständnis der Menschheit in dieser Welt gestattet wurde. Meinen sie nicht auch, dass selbst jemand, der ein (gut geschriebenes) Zeichen nicht lesen kann, irgendwo in seinem Herzen berührt wird? Das ist “Kokyu”. Das ist “Ki”.

Offensichtlich wissen Sie viele persönliche Dinge über O-Sensei. Bitte erzählen sie uns etwas über ihn.

Da gibt es viel zu viel zu erzählen (lacht). Zwanzig Jahre lang habe ich jeden Monat eine Woche mit O-Sensei verbracht. Aber es gibt eine besonders gute Geschichte, die als “selbst ein echtes Schwert schneidet nicht” bekannt ist.

Es war während einer Demonstration [von Aikido]. Meister Kazuo Chiba griff O-Sensei mit einem Holzschwert an und traf ihn hart auf den Kopf. Ich dachte sein Kopf müsste geteilt werden und sein Blut würde aus der Wunde sprudeln. O-Sensei jedoch war unbeeindruckt. Bitte denken sie daran, dass O-Sensei praktisch keine Haare mehr auf dem Kopf hatte und Chiba-Sensei starke Arme hat. Ich bin sicher, dass es eine Katastrophe gewesen wäre, falls jemand anderes getroffen worden wäre. Wir hatten diese Vorstellung aufgezeichnet. Im Allgemeinen mochte O-Sensei Aufnahmen seiner eigenen Stimme nicht sehr, deswegen mussten wir das Mikrophon verstecken (lacht). Das war eine Demonstration für die Firma Sumitomo. Viele berühmte und wichtige Leute waren dort und sahen zu. Crash! dann war da dieser Krach. Alle sprangen auf. Aber O-Sensei tat sich hervor und merkte nonchalant an: “Selbst ein echtes Schwert kann meinen Kopf nicht verletzen.”

Eine andere Sache war seine Schrittgeschwindigkeit. Wenn wir ihm sein Gepäck tragend folgten, konnten wir kaum den Anschluss halten. Das war das mysteriöseste in seinem Alltag, denn - verstehen sie - er bewegte sich, als glaubte er, sein Körper könne fliegen.

Ach ja, da war noch ein unerklärliches Ereignis. Das war damals, als Verkehrsunfälle noch nicht ein ständiges Problem waren, so wie heute. Erinnern sie sich an die alten elektrischen Straßenwagen? Heute sind sie natürlich verschwunden, da es ja jetzt die U-Bahn gibt. O-Sensei, eine weitere Person und ich fuhren mit einen Auto und stießen mit einem dieser Straßenwagen zusammen. Wenn ein Auto einen solchen Wagen streift, dann fällt das Auto natürlich um. Normalerweise wären alle Insassen schwer verletzt oder würden sogar getötet. In diesem Fall jedoch schepperte der Wagen und flog hoch in die Luft, überschlug sich und landete. Nach dem Zusammenstoß hatte der Straßenwagen gehalten. Wir stiegen aus dem Wagen aus und schoben ihn von der Straße. Wir besorgten ein anderes Auto und fuhren zum Dojo, einem Ort namens Osaka-Stadion. Bis dahin hatte ich nichts besonderes gespürt. Doch von dort fuhr ich ins Krankenhaus und dort sagte man mir, dass ich schwere Verletzungen erlitten hätte, die einen Monat zum Verheilen brauchen würden. O-Sensei hingegen war völlig unverletzt geblieben.

Ich hörte, dass O-Sensei 1954 das Studium der Kalligraphie aufnahm.

Ja, das stimmt. O-Sensei merkte einmal an: “Betreibt man die Kalligraphie, so hält man anschließend etwas (Fassbares) in der Hand. Im Aikido gilt das Gegenteil. Ich kann die Essenz nur an jemanden weitergeben, der schon Ki verstanden hat. Mit Shodo habe ich eine wundervolle Sache gefunden.” Sensei sagte dies und er übte die Kalligraphie sehr intensiv. Manchmal sah er etwas einmal an und schrieb es dann aus seiner Intuition heraus oder aus dem Eindruck heraus, den es auf ihn gemacht hatte. Wenn er sah, wie ich etwas schrieb, so sagte er: “Das ist wunderbar. Ich würde das auch gerne schreiben.” Auch wenn ich ihm nicht erklärte, dass dieses oder jenes wichtig war (für die Kunst des Schreibens), würde er - “bing” - ein Verständnis für dessen Essenz erlangen. zum Beispiel das Schreiben eines Wortes wie “Aikido” oder eines anderen Wortes - er sah es sich einmal an und konnte es sofort schreiben. er war nicht in meinem Stil gefangen. Vielmehr hatte er, durch seinen Blick, eine Intuition; und durch sein Kokyu (Atemkraft), schien er es einzuatmen. In O-Senseis Schriften ruht das gesamte große Universum - das Universum an sich und O-Sensei selbst. Die Schrift wird für immer schwingend und lebendig sein.

Meister Abe, wann ungefähr begannen sie mit der Kalligraphie?

Es war kurz bevor ich mit dem Misogi begann. Als ich entdeckte, dass Shodo für mich nicht den “Weg” bereitete, war ich wirklich deprimiert. Ich war damals bei Meister Futaki als ich verstand, wie Shodo sein sollte. Wenn ich nun Kalligraphie unterrichte, dann beginne ich genauso wie mit dem Aikidounterricht - mit Kokyu (Atmung). Natürlich hat ein Aikido-Lehrer keine Verwendung für die Techniken des Shodo, wie man bei O-Sensei sehen kann. Es ist ausreichend, wenn man mit seinem Kokyu (Atemrhythmus) des eigenen Aiki im Einklang schreibt. Das kann man nicht erzwingen. Beim Unterrichten ist es am Besten, wenn man still daneben sitzt und beobachtet. Das ist wahres Shodo, weil es Kokyu ist. Die Essenz des Pinsels findet man in Dingen, die man nicht mit dem Auge sehen kann, sozusagen im Kokyu. In der letzten Zeit ist das moderne Shodo degeneriert, kümmert sich nur noch um das Sichtbare - einfaches Pinselwerk, schnell von der Hand gehend, geistlose klischeehafte Technik. Die wahre Bedeutung der japanischen Kalligraphie ist verloren gegangen. Es ist wirklich eine Schande.

Wir haben gehört, dass sie einige Zeit mit Ueshiba-Sensei zusammen lebten. Können sie aus dieser Zeit etwas berichten?

Am frühen Morgen praktizierte er zunächst Misogi (Reinigung) mit Wasser, danach betete er am inneren Shinto-Schrein, gefolgt von Chinkon und anderen Riten. Zusammengenommen brauchte er dafür etwas über eine Stunde, es war Teil seiner täglichen Routine. Der Meister stand beim ersten Sonnenstrahl auf, so gegen 4 Uhr. Das bedeutete, dass ich eine halbe Stunde eher aufstehen musste, Misogi ausübte, meinen Keiko-gi (Trainingsuniform) anzog und in Seiza sitzend wartete, für den Fall, dass der Meister irgendetwas wünschte. Im Winter bekam ich ungefähr fünf Stunden Schlaf, da die Sonne etwas später aufgeht.

Abends ging Sensei ziemlich früh zu Bett. Nachdem er zu Bett gegangen war, musste ich ihm oft Bücher vorlesen. Manchmal sollte ich sogar populäre Romane oder Magazine vorlesen. Wenn ich während des Lesens zu einer Kampfszene kam, sprang Sensei auf, spielte die Szene. Er sagte dann: “Diese Technik funktioniert so …” Nachdem sich Sensei also abends zurückgezogen hatte, entspannte und vergnügte er sich. Tagsüber, während er auf war, ging es um schwierige Passagen vom Kojiki oder um Kotodama-Vorträge, verstehen sie. Egal was ich ihn [dazu] fragte, er konnte alles beantworten. Er hatte ganz zweifellos ein tiefes Verständnis des Kojiki.

Kommen wir zu O-Senseis Aikido. Ich konnte dies nicht üben, wenn ich nicht Gewicht verlor. Mein Körper hatte diese seltsame Eigenschaft. Wenn ich vom Honbu-Dojo angerufen wurde, dass Sensei an diesem oder jenem Tag kommen würde, dann nahm ich ab (lacht). Wenn ich mein normales Gewicht hielt, dann konnte ich nichts von dem verstehen, was O-Sensei sagte oder woran er dachte. Daher verlor ich zwei oder drei Kilogramm und fand alles sehr interessant. Mein Blutkreislauf verbesserte sich auch. Das war natürlich ebenfalls das Ergebnis von O-Senseis unsichtbarer Kraft des Ki.

Wenn O-Sensei ein Bad nahm (“Ofuro”), dann war es unsere Aufgabe das Badewasser vorzubereiten und die Wassertemperatur und den Wasserstand zu prüfen, bevor Sensei hineinstieg. Bevor er jedoch sein Bad genommen hatte, durfte keiner der Uchi-Deshi das Wasser berühren. All das Prüfen des Wassers geschah mit Hilfe eines kleinen Eimers. Dann eines Tages, aus irgendeinem Grund, prüfte einer von uns mit der Hand. Sensei wusste dies sofort und schrie: “Wer war im Bad?” Wenn man das heiße Wasser berührt, dann lösen sich die Öle der Hand auf. Sensei war empfindlich genug selbst dies zu spüren. Ich nehme an, dass dies die Fähigkeit ist, die man Kan (eine Art sechster Sinn) nennt. Derlei Dinge waren die unsichtbaren Gründe für die Härten, die wir Uchi-Deshi erleiden mussten. Aber ich meine, das war das Ki des wahren O-Sensei. Dieses Ki finden wir nicht nur im Aikido. Es ist das menschliche Ki - etwas das durch den Körper gelernt wird. Letztendlich läuft es auf das alte Sprichwort hinaus: “Budo beginnt mit Höflichkeit (Verbeugung) und endet mit Höflichkeit (Verbeugung).” O-Senseis Lehre besteht hauptsächlich aus korrekter Etikette. Natürlich ist dies eine Sache, die nicht allein durch mündliche Vorträge erlernt werden kann. Es muss durch Kan zu dir kommen, oder wie ein Reflex. Dies bekommt man im täglichen Leben beigebracht. Das ist das Wunderbare daran.

Unter meinen Werken habe ich Sammlungen von Doka (Lieder des Weges). Ich habe sie unterteilt in jene von vor dem Krieg und jene von nach dem Krieg. Dann versuchte ich durch Analyse dieser Werke von O-Sensei zu verstehen, wie das Aikido vor dem Krieg beschaffen war und wie es sich nach der Niederlage veränderte. Ich glaube, dass man alleine durch intensives Studium dieser Texte verstehen kann, was und wie O-Sensei über Aikido dachte. Dadurch bekommt man einen Zugang zu den Wandlungen, die das Aikido von seinen Vorkriegs-Aikibudo-Wurzeln zum modernen Aikido durchmachte. Von sicherem Tod (Hissatsu) zu “Bu ist Liebe.” Ich fände es großartig, wenn sich jemand fände, der diese Texte in die englische Sprache überträgt, so dass Aikido-Übende auf der ganzen Welt sie lesen können. Jedoch halte ich das für eine besonders schwierige Aufgabe.