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Das Absolute berühren: Aikido versus Religion und Philosophie

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von Peter Goldsbury

Published Online

Übersetzt von Christiane Schiemann

Teil eins: Die Fußstapfen des Meisters…

Den Titel dieses Essays habe ich hauptsächlich aus ästhetischen Gründen gewählt – er ist keine exakte Beschreibung des Inhaltes. Ich schlage vor, Aikido und Religion und Philosophie nur in einem sehr allgemeinen Sinn einander gegenüberzustellen und will nicht behaupten, daß sie sich gegenseitig ausschließen.

Es stellen sich jedoch einige Fragen. Vielfach wurden Ansprüche an die Wirksamkeit des Aikido erhoben – nicht nur im Sinne eines Systems zur Selbstverteidigung. Dem Üben spricht man eine Dimension zu, die „spirituell“ genannt werden kann. Aber dazu müssen einige Fragen gestellt werden. Kann die Ausübung des Aikido einem Menschen dabei helfen, ein guter Christ, Moslem, Agnostiker – oder sogar Atheist zu sein? Und wenn ja: wie? In welchem Sinne kann man von der Ausübung des Aikido sagen, sie „vervollständige“ das spirituelle und sittliche Leben zum Beispiel eines praktizierenden Christen? Gibt es irgendwelche Beziehungen zwischen dem Aikido als spiritueller Beschäftigung und Mystizismus? In welchem Sinne kann Aikido als „sakramental“ bezeichnet werden? In anderen Worten, führt die Aikido-Praxis automatisch zu erstrebenswerten spirituellen Ergebnissen? Ist es sinnvoll, von Aikido als einer Philosophie zu sprechen oder einem philosophischen System? Wenn nicht, worin liegt der Unterschied?

Der Gründer war tief religiös und der Meinung, daß dieser Aspekt der wichtigste Aspekt des Aikido sei. Hier ist als Beispiel eines seiner Worte, zufällig ausgewählt aus einer zeitgenössischen Aikido-Zeitschrift:

„Budo ist ein göttlicher Weg, gegeben von den Göttern, der zur Wahrheit, Güte und Schönheit führt; es ist ein spiritueller Weg, der die unendliche, absolute Natur des Universums und die endgültige Größe der Schöpfung widerspiegelt.“(1)

Das erscheint ganz entschieden spirituell, gar religiös, doch dieser Aspekt scheint wenig zu gelten nach dem Tod des Gründers. Das Training wird sicherlich als „gut für jemanden“ betrachtet, und wir hören Sätze wie „Selbsterfahrung“ oder „sein Potential entdecken“. Aber selten ist die Andeutung vertreten, Aikido verlange eine ganz bestimmte spirituelle Bindung. In einigen Ländern wird Aikido in Sport- oder Fitness-Zentren gelehrt. So ist schnell die Verbindung hergestellt zwischen einem „guten Workout“ und „gutem Training“ – aber ist das alles, worum es geht? „Nein“, werden Sie wahrscheinlich antworten. Doch was fehlt in einem „guten Workout“, für das ein „gutes Training“ sorgt?

Welcher Religion gehörte Morihei Ueshiba, der Gründer des Aikido an? Es war ein Amalgam aus shintoistischen und buddhistischen Glaubenssätzen und einer Meditationspraxis, wie sie die Omoto-Religion vertrat. Einige von Morihei Ueshibas Schülern deuten an, daß er beispielsweise Shinto dem Zen vorzog, aber das muß nicht heißen, daß er als Shintoist bezeichnet werden kann.(2) Seine „Bibel“ waren das Kojiki und Nihon-Shoki, Sammlungen alter japanischer Mythen und Legenden, und die außergewöhnliche Sammlung nachdenklicher Erzählungen, zusammengestellt von Onisaburo Deguchi, die bekannt wurde als Reikai Monogatari („Erzählungen von der spirituellen Welt“).

Während des Trainings pflegte der Gründer ausgiebig „Spirituelles“ zu diskutieren, aber fast keiner seiner Schüler behauptete von sich, diese Inhalte wiedergeben zu können oder sich auch nur daran zu erinnern. Also neigten diese Schüler dazu, die Dinge, die ihnen vertraut waren, ihr tägliches Training auf den tatami zu trennen von dem, was ihnen fremd blieb, wie die Shinto-Mythologie und die kotodama-Lehre. Der Gründer jedoch trennte nicht und schien sich zunehmend damit zu beschäftigen. Nach dem 2. Weltkrieg, als das Aikikai Hombu von Iwama zurück nach Tokyo zog, verbrachte der Gründer die meiste Zeit dort oder in Iwama, oder damit, seine Schüler in ganz Japan zu besuchen (nebst einem Besuch im Ausland, in Hawaii). Er scheint eine kleine Rolle gespielt zu haben bei der weiteren Entwicklung des Nachkriegs-Aikido und wurde eher zu einer Art Aikido-Ikone. Die übliche Erklärung ist, daß der Gründer mit seinen eigenen „spirituellen Studien“ beschäftigt war, was nahelegt, daß diese Studien uns nicht betreffen, und daß das „eigentliche“ Geschäft des Lehrens und der Verbreitung des Aikido als einer Nachkriegskunst seinem Sohn Kisshomaru Ueshiba überlassen war.

Es wurde sogar angedeutet, daß das Aikido des Gründers sich unterscheide von dem Aikido anderer Leute. In gewissem Sinne ist das wahr, wenn auch trivial; in einem anderem Sinne hätte diese Annahme, wenn wahr, weitreichende Folgen für das Aikido und seine Entwicklung.(3) So muß man mindestens die Frage stellen: wie notwendig sind die spirituellen Studien des Gründers für eine Meisterschaft im Aikido, im allgemeinen Sinne?(4) Der Gründer scheint seine späteren Jahre damit verbracht zu haben, jedem von diesen Studien zu erzählen, aber niemand scheint ihm zugehört zu haben – oder ihn verstanden zu haben. Ist das ein Problem für Leute wie uns, die wir ihn nie kennengelernt haben?

Mehrere Bücher von John Stevens und zahlreiche Artikel in Aikido Tankyu (‘Aikido-Forschung’), der halbjährlichen Publikation des Aikikai Hombu, lieferten den hauptsächlichen Anstoß für diesen Essay. Stevens hat eine Biographie über den Gründer und mindestens drei Bücher geschrieben, die man „das religiöse und philosophische System des Gründers“ nennen könnte. Aikido Tankyu ist eine reiche Quelle an Material, das eine breite Leserschaft verdient. Ich habe jahrelang Universitätsseminare gegeben über frühe Schöpfungsmythen und in diesem Zusammenhang das Kojiki und die Bibel studiert.(5)

(Die Ironie, daß ein Ausländer Japanern traditionelle japanische Kultur nahebringt, entging einigen meiner japanischen Universitäts-Kollegen nicht – sie gestanden mit schamroten Gesichtern, das Kojiki nie gelesen zu haben.) Dieser Essay diskutiert eine Vielzahl von Themen in Bezug auf Aikido und Religion, von denen einige durchaus streitbar sind, vom Standpunkt eines Menschen aus gesehen, der von der anderen Seite ausgeht: ein gläubiger Christ (katholisch in meinem Fall), aufgewachsen in einer westlichen intellektuellen und religiösen Tradition. Noch sind keine Schlüsse gezogen, meine generelle Annahme ist, daß die Vorgehensweise, ein Thema sorgfältig zu diskutieren und Fragen aufzuwerfen genauso wertvoll ist, wie Antworten zu finden. Andere, Gläubige wie nicht-Gläubige, mögen angeregt werden, zuzustimmen oder, vorzugsweise, den Punkten zu widersprechen, die hier zum Ausdruck gebracht wurden.

Die augenfälligen Unterschiede zwischen dem Aikido, wie es der Gründer selbst sich vorstellte, und dem Aikido, das von seinem Sohn Kisshomaru Ueshiba praktiziert wurde, werfen an sich eine interessante, aber schwierige Fragestellung auf, und dies ist ein Grund - abgesehen von der Länge – weshalb ich diesen Essay in zwei Teile aufgeteilt habe. Der Hauptaspekt des ersten Teils ist der Gründer, Morihei Ueshiba. Teil zwei folgt später und behandelt seinen Sohn Kisshomaru Ueshiba und generelle Fragen nach Aikido als eine Philosophie.

Die Gesichter des Göttlichen

Im Hombu Dojo gab es einen kamidana (einen Altar für die Hausgötter), wo der Gott der Kriegskünste verehrt wurde: Take-mika-zuchi-no-kami.(6) Als das Aikido nun international bekannt wurde und immer mehr nicht-Japaner kamen, um im Hombu zu trainieren, brach diese Tradition der Verehrung ab.

Was war so unangenehm an der Praxis der Verehrung der Hausgötter am kamidana, daß sie aufgegeben wurde? Wenn der Grund darin bestand, zu vermeiden, daß die nicht-Japaner den Eindruck bekämen, Aikido sei eine Religion oder eine Art von religiösem Glauben sei nötig, um es auszuüben, dann ist das ein Paradox. Der Gründer des Aikido dachte sich die Kunst des Aikido als eine religiöse Handlung und verwandte viel Zeit seines Lebens darauf, zu kommunizieren mit den verschiedenen Gottheiten, die er verehrte, gleichwohl scheint die „Internationalisierung“ des Aikido die Aufgabe von etwas verursacht zu haben, das ein entscheidender Bestandteil der Praxis im zentralen Dojo ausmachte. Spielt das eine Rolle? Vielleicht nicht, doch dieses Paradoxon sollte die Aikidoka wenigstens dazu ermuntern, die tief enthaltenen und lang gepflegten Konzepte des Göttlichen neu zu untersuchen.(7)

Bevor wir fortfahren, müssen wir das oben gegebene Zitat genauer anschauen und uns etwas klarer darüber werden darüber, wie sich der Gründer Gott oder das Göttliche vorstellte, denn das japanische Konzept des Göttlichen ist sehr ungewöhnlich. Es gibt mindestens vier Wege, Gott und Theismus zu betrachten: 1. den traditionellen Theismus, 2. den Pantheismus, 3. den Panentheismus und 4. die Glaubenssätze, die Shinto genannt werden, den „Weg der Götter“.

1. Der traditionelle Theismus (choetsu-shinron: „transzendenter Theismus“ auf Japanisch) nimmt die Existenz eines ewigen, allwissenden, allmächtigen Gottes an, der ontologisch getrennt ist von der Welt, die Er geschaffen hat. Der Glaube an einen solchen Gott ist ausschließend in dem Sinne, daß es nicht möglich ist, an weitere Götter zu glauben. Nichtsdestotrotz gibt es Unterschiede in der Art, wie die Gläubigen an so einen Gott sich Sein Verhältnis zur Welt und zu den Menschen vorstellen. Einige Christen glauben beispielsweise an eine persönliche Beziehung, die vollständig auf dem Glauben basiert, während andere an ein System von Sakramenten glauben mit Zeremonien, die ein viel engere persönliche Beziehung vermitteln (durch die Lehre der Gnade) als eine Beziehung, die hauptsächlich auf dem Glauben beruht. Die katholische Zeremonie der Messe und der Heiligen Kommunion ist ein Beispiel für eine sakramentale Beziehung. Auf diese Weise hat die Tatsache, daß Gott ontologisch getrennt ist von der Welt in keiner Weise zur Folge, daß Gott keine Beziehung zu den Menschen hätte. Die meisten Christen glauben, daß Er eine hat, und daß diese Beziehung gegenseitige Liebe ist.

2. Der Pantheismus (hanshinron auf Japanisch) geht davon aus, daß Gott und die Welt in einem abstrakten Sinne dasselbe sind. Somit ist dem Universum und seinen Gesetzen eine göttliche Dimension gegeben, und die Menschen haben das Ziel, irgendwie eine Harmonie mit dem Universum zu erreichen. Der Pantheismus hat eine ältere Geschichte als der Monotheismus und ist vielfältig, von den antiken griechischen Philosophien über den Buddhismus bis hin zu den politischen Systemen von Philosophen wie Spinoza. In diesem Fall gibt es keinen Glauben an ein oder mehrere Wesen, die „Gott“ genannt werden.

3. Der Panentheismus (ban’yu-shinron: Gesamtschöpfungs-Theismus auf Japanisch) geht davon aus, daß die gesamte Schöpfung in gewissem Sinne göttlich ist, dergestalt, daß die frühe Menschheit nicht unterschied zwischen einem Gott im Himmel und einem Gott in allen natürlichen Dingen. Diese Form des Theismus erlaubt den Glauben an die Existenz einer Vielzahl von Göttern und nimmt an, daß Gläubige verschiedenartige Aktionen ausführen in Übereinstimmung mit diesen Glaubenssätzen.

4. Der Shintoismus (kannagara-no-michi, auf Japanisch) nimmt an, daß Gott sowohl außerhalb als auch innerhalb der Welt ist. In gewisser Weise schließt der Shintoismus alle drei zuvor genannten Glaubenswege ein. Gott ist gleichzeitig getrennt von allen Dingen und doch in allen Dingen als ihr Mittelpunkt. So scheint der Shintoismus das beste beider Welten zu enthalten. Das Problem ist, daß der Begriff „Gott“ eine moderne Übersetzung des japanischen Begriffes „kami“ ist – und nicht unbedingt adäquat. Im Japanischen gibt der Begriff „kami“ eine ungewöhnlich weite Kategorie ab: die Gottheiten, die das Kojiki bevölkern und die verantwortlich waren für die Schöpfung der Welt; Gottheiten, von denen man denkt, sie wohnen in Personen, Orten, sogar bestimmten Arten von Handlungen. Nebenbei sind kami nicht die einzigen Bewohner der spirituellen Welt, die Macht über die Menschen haben. Den Seelen der Toten, sogar Tieren wie Füchsen, Hunden oder Schlangen schreibt man bestimmte spirituelle Kräfte zu. Inari-sama, ein Fuchs, wird als Gottheit verehrt. Diese Form des Glaubens nimmt hier wie auch im Panentheismus an ein großes Pantheon von Gottheiten und anderen spirituellen Wesen an, und setzt auch voraus, daß Gläubige verschiedenartige Handlungen vollziehen müssen, um mit diesen Wesen zu kommunizieren.(8) Es gibt also den Glauben, daß eine solche Kommunikation erreicht werden kann bei bestimmten Personen, die eine Art von besonderer Ausbildung durchlaufen haben.

Es sollte aus dieser Skizze hervorgehen, daß ein Anhänger des Shintoismus einen Blick auf das Göttliche hat, der sich zum Beispiel grundsätzlich von dem eines praktizierenden Christen unterscheidet. Um das Beispiel des Katholizismus zu nehmen, mit dem ich am vertrautesten bin: der katholische Christ glaubt an einen Gott, wenn auch dreieinig, und der Inhalt dieses Glaubens wurde mit der Zeit veredelt durch die christliche Theologie. Er kann ausgedrückt werden in Form eines Glaubensbekenntnisses, und die Folgerung ist, daß diejenigen, die diesem Glaubensbekenntnis nicht zustimmen, nicht als Katholiken bezeichnet werden können. Überdies zieht dieser Glaube gewisse Verpflichtungen nach sich. Der katholische Christ muß bestrebt sein, ein moralisches Leben zu führen, was bedeutet, daß das Leben eine Form der Imitation Christi ist, und dieses Leben schließt Gebet und Teilnahme an bestimmten Ritualen mit ein. Mönche und andere haben versucht, über diese Norm hinauszugehen und eine mystische Einheit mit Gott zu erreichen, alle aber haben betont, daß dies niemals allein aus menschlicher Anstrengung heraus erreicht werden kann: es ist ein reines Geschenk, und es ist nicht beschränkt auf Personen, die eine spezielle Ausbildung durchlaufen haben. Es sollte auch betont werden, daß der Katholizismus eine gewisse Exklusivität hat: ein katholischer Gläubiger zu sein schließt scheinbar andere Formen von Theismus aus. So folgt anscheinend, daß ein Katholik sich schwertun wird, Aikido auszuüben, wenn dies als eine äußere Form einer Religion verstanden wird.

Man beachte, daß ein katholischer Christ nicht gezwungen ist, die Welt als irgendwie „böse“ anzusehen. Wegen der ontologischen Trennung Gottes von der Schöpfung und der Ereignisse, die im Buch Genesis festgehalten sind, wird oft gedacht, die Welt sei grundsätzlich böse. Unsere Ahnen begingen eine schwerwiegende Sünde, und infolge dessen war die Schöpfung beschädigt. Es ist wahr, daß die Genesis viele Veränderungen als Ergebnis des Sündenfalles überliefert: der Tod und die „Schmerzen“ der Kindsgeburt sind Beispiele. Dennoch setzt der manichäische Naturbegriff mehr voraus, als das biblische Zeugnis überliefert, und der Unterschied zwischen japanischen und christlichen Naturbegriffen, den manche Japaner aufgestellt haben, hat kein festes Fundament. Im Aikido wird oft betont, daß wir uns harmonisieren müssen mit der Natur oder „dem Universum“, und man könnte denken, das dieses ungeheure Unternehmen schwerer sei für jemanden, der an Sündenfall und Ursünde glaubt. Ich denke nicht, daß das stimmt.(9)

Die Shinto-Wurzeln des modernen Japan

Ich habe oben angenommen, daß die Inhalte es Kojiki den meisten heutigen Japanern unbekannt sind, aber es gibt viele deutliche Spuren des Shintoismus im modernen Japan. Jedoch haben wir das Problem, daß die einheimische japanische Religion sich mit dem Buddhismus mischte, der im 6. Jahrhundert aus China eingeführt wurde. So ist es manchmal schwer, die beiden auseinanderzuhalten. Der Prozess dieses Zusammenwachsens hat zur Folge, wie ich oben festgestellt habe, daß in den meisten japanischen Haushalten sowohl ein shintoistischer kamidana als auch ein buddhistischer butsudan vorhanden ist, und das ist durchaus nicht ungewöhnlich.(10) So spiegelt der Schwerpunkt auf den Shintoismus und das Kojiki in diesem Essay in gewisser Weise die Tatsache wieder, daß der Gründer umfassenden Gebrauch des Kojiki machte, wenn er Erklärungen über das Aikido abgab, und ist nicht ausschließend gemeint.

Ich fragte einmal die Studenten in meinem Universitäts-Seminar, wie viele Gottheiten es gäbe. Es gab eilige Beratungen, und die gesamte Klasse einigte sich auf die Antwort: es gebe acht Millionen Gottheiten. Ich widerstand der Versuchung zu fragen, wie die Person, die sie gezählt hätte, auf diese Zahl komme, denn diese Frage wäre sinnlos gewesen. Die Anzahl der Gottheiten wird für unzählbar gehalten, und die acht Millionen sind eine traditionelle Zahl.(11)

Die meisten Japaner essen während des Neujahrsfestes spezielle Speisen und versuchen, am Neujahrstag einen Shinto-Schrein aufzusuchen. In Tokyo gehen viele zum Meiji Shrine in Shinjuku, dem der Kaiser Meiji innewohnt. In anderen Worten: der Kaiser wird an diesem Schrein verehrt als eine Gottheit. Abgesehen vom Besuch am Neujahrstag wird dieser Schrein oft von Menschen besucht, die für die erfolgreiche Entbindung eines Neugeborenen oder für Erfolg in Schul- und Universitätsprüfungen beten. Daß Kaiser Meiji auf diesen zwei Gebieten spezielle Macht hat, ist wohl etwas, was die Besucher niemals aufhören werden, anzunehmen. Desgleichen wird jedes Jahr im April ein Fest am Aiki-Schrein in Iwama gehalten, wo der Gründer des Aikido ebenfalls als kami des Schreines verehrt wird.

Durch das ganze Jahr hindurch werden Feste organisiert von den örtlichen Schreinen, von denen einige ziemlich ungestüm sind. Bei einem lokalen Fest in Okayama kleiden sich Horden junger Männer in Leinen und kämpfen darum, in den Besitz eines heiligen Balles zu kommen – es geht alles in allem darum, daß das Fest die Gottheiten des Schreines unterhält, damit die ihre besonderen „Mächte“ für das Wohl der Gemeinde einsetzen. Andere solcher Feste sind explizit phallischer Natur, und für gewöhnlich werden riesige Repliken männlicher und weiblicher Genitalien in einer Parade durch die Straßen getragen. Der Kanamara-Schrein in der Nähe von Kawasaki beispielsweise ist einer von 40 Schreinen, die Geschlecht und Fruchtbarkeit geweiht sind. Die Gottheit des Schreines ist Kana-yama-biko-no-kami, der zusammen mit seinem weiblichen Partner aus dem Erbrochenen von Izanami geschaffen wurde, als sie den Feuergott gebar, und von dem Paar glaubt man traditionell, daß es sie auch wieder gesund gepflegt habe.(12) Die sexuellen Anspielungen im Kojiki werden weiter unten deutlich gemacht.

Die Reis-pflanzen-Feste im Frühjahr und die Herbstfeste zur Ernte werden getrennt durch ein Mittsommerfest im August. Dieses jährliche Bon -Fest verursacht ein hochorganisiertes Chaos in den japanischen Transportsystemen, da die Menschen zu dem Heim ihrer Ahnen zurückkehren. Warum tun sie das? Sie tun es, weil ihre toten Vorfahren sich auf die Reise machen aus der Geisterwelt zu ihren „Heimen“ und von ihren lebenden Abkömmlingen unterhalten werden müssen. Also werden in den traditionelleren Gebieten Japans Laternen aufgehängt, um die Geister auf ihrem Weg zu leiten, und Bon-Feste werden organisiert, um sie zu unterhalten. Diese und andere Feste sind „hochprozentig“ und wurden in der Vergangenheit wohl oft herbeigesehnt als willkommene Entschuldigung, der Plackerei der täglichen Arbeit entgehen zu können.

Objektive interkulturelle Vergleiche anzustellen ist sehr schwer, doch das religiöse Gefühl der modernen Japaner beinhaltet kein festes, doktrinales Element. Auch wird keine Religion verinnerlicht auf Kosten einer anderen. Junge Japaner, die heiraten wollen, werden in der Regel eine „Wedding Hall“ nutzen, mit Zeremonie und Empfang als (ziemlich teures) Paket. Die Zeremonie kann shintoistisch, buddhistisch oder christlich sein, aber man sollte nicht davon ausgehen, daß sie tatsächlich an die Religion glauben, nach deren Riten sie ihre Eheversprechen geben. Dafür gibt es viele Gründe, aber ein wichtiger Grund ist, daß keine Weltreligion je in Japan Fuß fassen durfte. Das japanische Shogunat ist dafür bekannt, daß es die Kriegskünste zur Blüte brachte, und es war gut für die Samurai, Zen zu praktizieren, aber das Shogunat regierte nach militärischen Regeln. Es hatte große Angst vor der möglicherweise destabilisierenden Wirkung einer Religion, die von außerhalb des Landes kontrolliert wurde, und erlaubte weder dem Buddhismus noch dem Christentum, Fuß zu fassen als eine „nationale“ Religion.

Man sollte nicht denken, diese Freiheit im Glauben sei eine Art von Leichtfertigkeit. Mit dem Göttlichen umzugehen ist für Japaner und nicht-Japaner eine gleichermaßen ernsthafte Angelegenheit, und der Glaube und die religiöse Haltung eines Menschen sind kein Resultat einer eigenmächtigen Wahl. Als ich beispielsweise 41 wurde, drängte mich eine Kollegin, die eigentlich Christin ist, sehr, einen (Shinto-) Schrein zu besuchen, um yaku-doshi vorzubereiten, das traditionell unglückbringende Jahr für japanische Männer. Ich nahm ihren Rat an und vollendete, obwohl ich kein Japaner bin, das 42. Lebensjahr unversehrt.

Einige Shinto-Texte

Die meisten japanischen Aikidoka sind sich der Tatsache bewußt, daß der Gründer Shintoist war (13), aber für gewöhnlich haben sie keine Ahnung, woran er glaubte. Der Gründer betrachtete Aikido als eine Kriegskunst, die auf Liebe basierte („Liebe“ wird im Japanischen auch als „ai“ gelesen, es ist aber ein anderes Zeichen als das „ai“ in „Aikido“), und in seinen Erklärungen darüber tendierte er dazu, die frühen Teile des Kojiki heranzuziehen. Für diejenigen, die wohl niemals das Kojiki gelesen haben, hier eine kurze Zusammenfassung der einleitenden Kapitel. Unterschiedliche Gottheiten entstanden auf den „Hohen Ebenen des Himmels“, und zwei von ihnen wurden bekannt als Izanagi-no-Kami und seine Gattin Izanami-no-Kami. Die beiden Gottheiten wurden von ihren Kollegen aufgefordert, „dies treibende Land zu vervollständigen und zu trocknen“ (das Land war früher erschaffen worden, doch es trieb wie eine Qualle in einer Art öligem Meer). Sie bekamen den „himmlischen juwelenbesetzten Speer“. Sie standen auf der „himmlischen schwimmenden Brücke“ (über die göttliche Wesen zwischen Himmel und Erde reisten) und rührten das Meer und erhoben den Speer. Das Meer, das von der Speerspitze tropfte, wurde fest und wurde zu einer Insel mit dem Namen Onogoro.

Izanagi und Izanami stiegen dann herab auf die Insel und bauten eine heilige Säule und einen Palast. Sie umkreisten die Säule in einer Art werbendem Ritual und hatten schließlich Verkehr. Beim ersten Mal war ihnen kein Erfolg beschieden (weil Izanami, die weibliche Gottheit, das Ritual begann, und nicht Izanagi), und sie mußten die Handlung wiederholen. Doch schließlich gebaren sie viele Inseln. Nach der Geburt der Inseln wurden Gottheiten der Naturphänomene ebenso geboren, einschließlich des Feuers, doch Izanami wurde krank und starb als Folge der Geburt dieser Gottheit. Izanagi tötete die Feuergottheit mit einem riesigen Schwert, und eine Vielzahl an Gottheiten entstand aus dem vergossenen Blut und aus den Überresten der Feuergottheit.

Izanagi stieg in die Unterwelt, in das Land von Yomi, und begegnete seiner Frau. Man sagte ihm, er solle sie nicht ansehen. Er tat es aber trotzdem und entweihte sich selbst. Izanagi mußte sich reinigen, indem er sorgfältig in einem Fluß badete. Viele Gottheiten wurden durch diesen Vorgang geschaffen, darunter Ama-terasu (die Sonnengöttin ) und Susa-no-wo (der Sturmgott). Diese zwei Gottheiten übernehmen nach und nach die Handlung. Susa-no-wo benahm sich auf vielerlei Arten daneben, und Ama-terasu zog sich zurück in eine Höhle. Die anderen Gottheiten veranstalteten ein Fest und nutzten einen Spiegel und einen unzüchtigen Tanz, um Ama-terasu aus der Höhle zu locken. Der in Ungnade gefallene Susa-no-wo erlöste sich, indem er einen achtschwänzigen Drachen mit einem Schwert tötete. Er zerbrach das Schwert, als er den Schwanz des Drachen durchschnitt, doch ein anderes Schwert erschien, das er Ama-terasu gab. Susa-no-wo heiratete schließlich, und seine Abkömmlinge unternahmen titanische Heldentaten an Zeugung. Einer seiner Nachkommen beispielsweise war O-kuni-no-nushi, der achtzig Brüder hatte.

Was sollen wir nun damit anfangen? Einiges ist auffällig, sowohl in dem Berichten selbst, als auch die Art, wie der Gründer sie einsetzte. Eine herausragende Eigenschaft ist der Vorgang der Schöpfung an sich. Das Buch Genesis beginnt mit der einfachen und kraftvollen Aussage: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Durch den gesamten Bericht, den die Genesis gibt, wird Gott als völlig getrennt vom Schöpfungsprozeß dargestellt. Er verursacht alles (und verbringt einen Tag damit, zu ruhen!). Die Schöpfung im Kojiki ist vom Gründer zusammengefaßt, wie John Stevens ihn interpretiert:

“Es gab keinen Himmel, keine Erde, nur den leeren Raum. In dieser riesigen Leere wurde plötzlich ein einzelner Punkt offenbar. Aus diesem Punkt strömten Dampf, Rauch und Nebel und wirbelten sich zu einer leuchtenden Kugel , und das SU des kotodama wurde geboren. Mit dem SU, das sich ausbreitete, kreisförmig, nach oben und unten, rechts und links, nahmen Natur und Atem ihren Anfang, klar und rein. Der Atem entwickelte sich zum Leben, und der Klang wurde hörbar. SU ist das “Wort”, von dem die christliche Bibel spricht.”(14)

Um jegliches Mißverständniß zu vermeiden, hier die tatsächlichen Worte, wie der Gründer sie spach (transkribiert aus dem japanischen Original):

“Kirisuto ga ‘hajme ni kotoba ariki’ to itta sono kotodama ga SU de arimasu. Sore ga kotodama no hajimari de aru.” („Im Anfang war das Wort“, gesprochen von Christus [d.h., in der christlichen Bibel] ist dies kotodama SU. Dies ist der Ursprung des kotodama.) (15)

Die Berichte im Kojiki lassen sich vergleichen mit anderen mythologischen Schöpfungsberichten, und sind nur in dem Sinne primitiv, als daß viele der Gottheiten göttliche Personifizierungen von natürlichen Objekten und Phänomenen sind. Izanagi und Izanami stehen für das Männliche bzw. das Weibliche und führen buchstäblich den Schöpfungs-Akt aus, im Sinne der Zeugung. Zum Vergleich: In der Genesis sind Adam und Eva vollständig überschattet von der Andersartigkeit Jahwes, und ihrer Zeugung der menschlichen Art wird nicht viel Gewicht beigemessen. Von den Nachkommen, die sie gebären, macht einer, Kain, seine Sache gar nicht gut. Eine andere nennenswerte Eigenschaft des Kojiki ist der Gebraucht von Waffen wie dem Speer und dem Schwert, die deutlich eine primitive Kriegskultur widerspiegeln, die aber auch gelegentlich eine phallische Symbolik erhalten. Wie die frühen Bücher der Bibel sind diese Berichte aufgeschriebene Erzählungen, die aus einer viel älteren Erzähltradition stammen und geformt wurden, um Erklärungen zu bestimmten entscheidenden Ereignissen zu geben, mit Ausdrücken, die die zeitgenössischen Leser verstehen konnten. Sie haben auch einen „politischen“ Beigeschmack. Beispielsweise wurde Susa-no-wo für die Gottheit des Izumo-Clanes gehalten, und für gewöhnlich benimmt er sich nur schlecht in Gegenwart von Yamato-Gottheiten. Wenn er allein ist, ist er in der Regel mutig und freundlich. Es gibt noch drei andere Vergleichspunkte zwischen diesen frühen Teilen des Kojiki und Texten wie z.B. der Bibel, und sie sind für das Aikido von Bedeutung. Erstens sind es heilige Texte und wurden gelernt als Basis für eine persönliche Religion. Das Kojiki wurde viel beachtet von Gelehrten wie Motoori Norinaga, aber ich denke, der Gründer nutzte diese Erzählungen eher als Meditationstexte, so wie ein praktizierender Christ vielleicht das Johannes-Evangelium gebraucht. Ich denke auch, er nahm die Geschichte durchaus wörtlich. Die Sammlung von doka, bekannt als ‘Lieder des Weges’ sind eine persönliche Meditation über Lehren, die der Gründer aus dem Kojiki zog. Beispielsweise erklärte er für gewöhnlich, die Juwelen am Speer symbolisierten Liebe und Barmherzigkeit. Und obwohl die Gottheiten den Speer benutzten, ein Instrument der Kontrolle, wurde die Kontrolle durchgeführt im Sinne von Liebe und Barmherzigkeit. Der Gründer glaubte auch, selbst die ‘himmlische schwimmende Brücke’ zu sein und die „göttlichen“ Techniken des Aikido zu übertragen. Er dachte auch, wir sollten seinem Beispiel folgen.

Der zweite Vergleichspunkt ist, daß die kami des Kojiki moralisch neutral sind. Als der Gründer also erklärte, daß das Aikido eine Kampfkunst sei, die auf Liebe basiert, und als er auf das Kojiki verwies, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, gab er damit seine eigene Interpretation an. Christen betrachten ihren Gott normalerweise als den Gott der Liebe, und es gibt eine Vielzahl theologischer Schriften, die anführen, daß die Gott gleichzusetzen ist mit Güte und Wahrheit. Nichts davon ist augenscheinlich im Kojiki, zum Beispiel. Kami können sich offenbaren als segnend oder zerstörend, je nachdem, wie sie behandelt werden.

“Behandle ihn recht mit der richtigen Verehrung und kultischer Aufmerksamkeit und den angemessenen Gaben, und man kann vom kami erwarten, daß er das Dorf segnet, es beschützt und ihm beisteht, daß man sehen kann, wie die Ernte reift, daß er Fluten und Dürre abwehrt, Feuer und Pest vereitelt. Kränke ihn dagegen, entweder durch Nachlässigkeit oder indem du ihn Blut und Tod aussetzest, und sogleich wird sein Wohlwollen umschlagen in Wut, die durch Feuer, Unfruchtbarkeit und Krankheit vernichtet. “(16)

Der dritte Vergleichspunkt ist, daß Teile des Kojiki geschrieben wurden in einem bestimmten Sprachtypus, und die Interpretation dieser Sprache, bekannt als kotodama, war eine Kunst an sich. Wenn kotodama diskutiert wird, werden oft Vergleiche hergestellt zu westlichen Texten wie den ‘logos’-Passagen zu Beginn des Johannes-Evangeliums. Ich glaube nicht, daß dieser Vergleich vollständig brauchbar ist, aus Gründen, auf die ich später eingehen werde.

Die Omoto-Religion

Ich habe weiter oben festgestellt, daß die Religion des Gründers eine Verschmelzung aus Shintoistischen und Buddhistischen Glaubenssätzen und Meditationspraxen war, die außerdem mit Omoto-Ritualen angereichert war. Was für einen Einfluß hatte die Omoto-Schule auf den religiösen Standpunkt des Gründers? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, in jedem Fall ist aber eine weitere Erklärung der Hintergründe nötig.

Erstens erwähnt die oben gegebene kurze Skizze des Shinto nichts über den Kontakt zwischen der menschlichen Welt und der Weld des Göttlichen. Die Gottheiten nutzten die „schwimmende Brücke des Himmels“ um herabzusteigen, aber es werden keine Absichten erwähnt, in die andere Richtung zu reisen. Für katholische Christen wird der „offizielle“ Kontakt zwischen Gott und der Welt durch den Priester hergestellt, aber Priester müssen keine speziellen persönlichen Kräfte haben, um zum Beispiel die Taufe als Sakrament zu aktivieren.

Der religiöse Standpunkt des Gründers war ein ganz anderer. Zunächst erlegt der Shintoismus keine Beschränkungen auf in der Art und Weise, wie Gottheiten und Menschen interagieren können, und der Gründer kam aus einer Gegend Japans, die für solche eine Interaktion besonders berühmt ist. Die Kumano-Präfektur hatte eine besondere Bedeutung im Shintoismus, und das Mönchskloster auf dem Berg Koya ist immer noch ein Hauptzentrum des japanischen Buddhismus. Die Gegend war bevölkert von yamabushi und Schamanen, die alle begabt waren für eine spezielle Verbindung mit dem Göttlichen. Nao Deguchi beispielsweise, die Gründerin des Omoto-kyo, war eine Schamanin und glaubte, daß eine Gottheit, Ushitora-no-Konjin, durch sie sprach. Reikai Monogatari, Onisaburo Deguchis umfangreiche ‘Erzählungen aus der spirituellen Welt’ werden für Erinnerungen an eine wirkliche spirituelle Reise gehalten, gemacht in einem tranceartigen Zustand. (17)

Der Glaube, der all dem zugrunde liegt, war der, daß bestimmte Personen nach einer speziellen Vorbereitung – gewöhnlich einem strengen asketischen Training – bestimmte Rituale anwenden und so die kami veranlassen konnten, aus deren Welt zu der der Menschen zu kommen (das heißt, wenn die kami ihrerseits nicht uneingeladen kamen, was sie oft taten), oder selbst den Grenzen des Körpers zu entfliehen und die spirituelle Welt zu besuchen. (18) Ich glaube, daß Christen all das akzeptieren könnten mit unterschiedlichen Graden von Unbehagen, je nach ihrer Ausrichtung. Der Spiritualismus ist dem Christentum nicht fremd, aber die Offenbarung Gottes wird zu ernst genommen, um sie die Hände von irgendwelchen Einzelnen zu geben. Mehr noch, wegen ihrem Glauben an die Fleischwerdung Christi glaube ich, katholische Christen würden sich schwertun damit, Visionen oder Prophezeihungen zu akzeptieren, die wichtige Dinge einem jedem enthüllen, nicht aber dem Visionär oder dem Propheten.

Zweitens war Omoto eine von Japans „Neuen Religionen“. So, wie Menschen wie Schamanen in der Lage waren, besondere Beziehungen zu den Gottheiten zu haben, an die sie glaubten - Beziehungen, die auch Reinkarnation oder spezielle Offenbarungen der Gottheiten beinhalteten - so gab es auch eine entsprechende Tendenz, diese intensiven Beziehungen in eine neue Religion münden zu lassen. Diese Tendenz kam, so glaube ich, durch das Clan-Wesen, das charakteristisch ist für die japanische Kultur. So war Nao Deguchi ursprünglich ein Mitglied der Konkokyo, einer Religion, in deren Mittelpunkt eine Gottheit namens Konjin stand, doch nachdem ihr wachsender Ruhm begann, Schüler anzuziehen, verließ sie diese Religion und fand Omoto-kyo. Diese Religion wurde mit Onisaburo Deguchi zu einer großen spirituellen Bewegung, und obwohl sie nicht mehr die Macht hat, die sie einst besaß, gibt es einige Aikido-Bekanntschaften hier in Hiroshima, die Omoto-Anhänger sind und die Riten praktizieren.

Es ist also nicht gerade überraschend, daß in den turbulenten Zeiten der Meiji-Restauration und der Ausdehnung Japans als Militärmacht „Neue Religionen“ wie Omoto dazu tendierten, Utopien zu predigen: der bevorstehende Anbruch eines neuen goldenen Zeitalters, das der verdorbenen Vergangenheit und Gegenwart ein Ende setzen würde. Eine Grundeigenschaft des Omoto war die Idee, alle Religionen in universeller Brüderschaft zu vereinen. Das war das „umspannende Konzept“ hinter Onisaburo Deguchis „World Religious Federation“, die 1925 zusammenkam.

“Onisaburo behauptete, daß alle Religionen vom selben göttlichen Impuls abstammen, der von nur einem Gott ausgeht. Doch dieser Impuls fiel in höchst unterschiedliche kulturelle Umgebungen, und in Epochen, die geschichtlich weit auseinanderlagen, so daß sich Religionen mit großen Kontrasten bildeten. Egal wie unterschiedlich die aussehen mögen: durch die Kraft ihres gemeinsamen Ursprungs sind alle Religionen Brüder und Schwestern und sollten sich gegenseitig ehren und respektieren. Eigentlich sollten wir die Variation im Garten der Religion hoch achten. Wer möchte, daß alle Blumen gleichfarbig sind?“ Deguchi glaubte auch sehr an den Gebrauch des Esperanto, einer “Universal-Sprache, die helfen soll, die Verwirrung der Sprachen, die es schon gibt, zu überwinden“ - was eine Hilfe sein würde für diese „heilige Religion von Liebe und Brüderschaft.“ (19)

In all dem liegt eine gewisse Naivität. Erstens ist es schlicht falsch, daß eine künstliche Pseudo-Sprache wie das Esperanto jemals die Sprachkulturen ersetzen könnte, die sich über Jahrtausende entwickelt haben, geschweige denn, sie „zu überwinden“, was immer das heißen mag. Sprache funktioniert nicht auf diese Weise. Zweitens ist die „Vereinigung“ aller Religionen ein Luftschloß. Religionen neigen zur engen Verknüpfung mit der Kultur, in die sie eingebettet sind, und der Shintoismus ist gewiss keine Ausnahme. Die Vorstellung, daß so verschiedene Religionen wie der Katholizismus, der Protestantismus und der Islam sich vereinigen unter der Führung des Autors einer Erzählungssammlung wie dem Reikai Monogatari ist keine, die man ernst nehmen könnte. Ich glaube nicht, daß der durchschnittliche katholische Christ oder Moslem seine Religion als eine von vielen Blumenarten sieht. Drittens, vorausgesetzt die Idee von der „Vereinigung“ der Religionen unter einem Führer hat überhaupt einen Sinn, ist Omoto-kyo ein einzigartig schlechtes Beispiel, um als Kopf zu dienen. Omoto war selbst ein Ableger vom Konkokyo und produzierte selbst weitere Ausläufer wie Seicho-no-ie. (20)

Manchmal wird gesagt, Aikido sei keine Religion an sich, aber das Aikido-Training „komplettiere“ oder „ergänze“ religiöse Glaubenssätze und Praktiken. I frage mich, ob diese typisch japanische Denkweise nicht Spuren der oben beschriebenen Omoto-kyo-Idee aufweist. Die Idee, das Aikido-Training ergänze jemandes religiöse Aktivität ist harmlos genug, aber dies ist ganz anders als der Gedanke, daß eine Religion wie das Christentum, zum Beispiel, oder der Islam irgendwie „unvollkommen“ seien und daß eine Kampfkunst, obgleich basierend auf der Liebe, sie zur Perfektion bringen könne. Ich würde nicht erwarten, daß ein durchschnittlicher Christ oder Moslem diese Denkweise freundlich aufnimmt. Es gibt auch ein terminologisches Problem. Es mag wahr sein, daß das Aikido keine Religion ist in dem Sinne, daß eine Körperschaft von Menschen vereint ist in den gleichen Glaubenssätzen bezüglich des Göttlichen, aber der Gründer war klar der Ansicht, daß er engagiert war in einer Aktivität, die, mit allen Absichten und Vorsätzen, religiös war.

Das Göttliche „berühren“

Da ist noch eine weitere wichtige Sache, die bei jeder Untersuchung der religiösen Praktiken des Gründers und ihrer Bedeutung für das Aikido berücksichtigt werden muß: der Gebrauch, den er von dem machte, was wir lose „Meditation“ nennen, Techniken wie chinkon-kishin, und die Rolle der Sprache, oder Klänge bei der Meditation. Dieses letzte wird gemeinhin kotodama (‘Welt-Geist’) genannt und spielt vermutlich eine herausragende Rolle im spirituellen Schema der Dinge des Gründers. Chinkon-kishin wird für gewöhnlich vor dem Aikido-Training praktiziert in der Form des funa-kogi (‘Boot-rudern’) und furitama (‘den Geist schütteln’) und als beruhigende Übung hinterher, aber ich habe wenig Zeugnis von einer kotodama-Praxis im heutigen Aikido gefunden.

Ein Christ merkt schnell, wie wichig das Gebet ist. Von klein auf brachten meine Eltern mir bei, niederzuknien und mein Gebet zu sprechen, bevor ich abends ins Bett ging, und ich bin sicher, daß andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Als ich älter wurde, merkte ich, daß die meisten Gebete formelhaft waren, und daß wiederholte Anrufung der Formel einen Effekt hatte, der weit über der Bedeutung der Worte selbst lag. Der Rosenkranz ist ein gutes Beispiel dafür. Noch später wurde mir der Wert des inneren Gebetes klar, das gar keine Worte benötigt. Der Ausdruck „Meditation“ wurde manchmal sowohl für die Anrufung oder Beschwörung der Gebetsfloskeln als auch für die Art des geistigen Gebetes gebraucht, der „Kontemplation“ genannt wird. Er wird auch gebraucht für das, was man „erweitertes Bewußtsein“ nennen könnte. Hier jedenfalls gibt es wichtige Unterschiede, die erklärt werden müssen.

Lassen Sie uns anfangen mit der generellen Frage nach der Beziehung vom Wort zur Welt. Im Zitat oben, identifizierter der Gründer den kotodama-Klang SU als das ‘Wort’ in der Bibel. Das „Wort“, auf das er sich bezieht, ist natürlich der Begriff, der vom Autor des vierten Evangeliums gebraucht wurde - allerdings schrieb Johannes Griechisch, und so heißt es bei ihm „logos“. Dieses Wort hat einen kulturellen Kontext, und der Autor des vierten Evangeliums verstand diesen Kontext nicht nur, sondern gab dem Begriff eine besondere Bedeutung in seinem Evangelium. Logos ist das Substantiv zum griechischen Verb lego (sagen) und es ist ziemlich merkwürdig, daß das Nomen im Griechischen ein größeres Bedeutungsfeld hat als das Verb. „Logos“ wurde von dem Philosophen Heraklit (ca. 500 v. Chr.) gebraucht als Titel seines Diskurses, aber sogar in dieser Zeit wurde der Begriff erweitert zur Bedeutung „Wörter“, „Abhandlung“, die Logik oder Vernunft hinter dem Diskurs, und Vernunft an sich. In den ersten Sätzen des vierten Evangeliums, dessen lateinischer Text vielleicht den Katholiken meiner Generation geläufig ist, versucht Johannes die Dreifaltigkeit zu erklären. Das Evangelium beginnt so:

“Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott. … Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.”(21)

In diesen Worten findet sich gar kein Verweis auf die Schöpfung, obwohl später auf sie hingewiesen wird als das Werk des „Wortes“. In den oben zitierten Versen versucht Johannes, den Prozeß der Selbsterkenntnis und Eigenliebe in Worte zu fassen, der hinausläuft auf Vater, Sohn und Heiligen Geist. Natürlich kann „logos“ im weitesten Sinne als kotodama betrachtet werden, denn das Evangelium wird als Wort Gottes betrachtet, aber in diesem Fall wäre die gesamte Bibel kotodama, und nicht bloß „logos“.

Es stellen sich zwei Probleme, wenn ein Westlicher versucht, sich mit der kotodama-Lehre auseinanderzusetzen. Eines sind die kulturellen Voraussetzungen des Shintoismus, die oben diskutiert wurden. Im Shintoismus gibt es keine Beschränkung für die kami in der Form, wie sie Menschen erscheinen können. Also ist es durchaus nachvollziehbar, daß ein kami sich in Worten zeigen kann. Natürlich folgt daraus nicht das Gegenteil, daß Worte, ausgesprochen in einer bestimmten Art, notwendigerweise die Anwesenheit eines kami anzeigen.

Der zweite Punkt hat etwas mit der Frage von Bedeutungen zu tun, und hier muß ich John Stevens bei allem Respekt widersprechen. Die Frage, ob Worte ihre Bedeutung sozusagen in sich tragen, ist sehr alt. In Platos Dialog Cratylus, ist einer der Diskussionspunkte, ob ein Wort, „Wort“ zum Beispiel, seine Bedeutung hat, weil es Eigenschaften hat, die einzig dem Konzept folgen, für das sie stehen, oder schlicht wegen der Konvention. Nach einer aufwendigen Beweisführung wählt Plato schließlich die zweite Möglichkeit, und ihm folgten Aristoteles und seine Nachfolger. In anderen Worten, „logos“, „verbum“, „Wort“, „mot“, „tod“, „kotoba“, usw. haben keine besonderen Kräfte, vor allem, weil sie für eine bestimmte Reihe von Konzepten stehen, und so wird es einen nicht mit dem Göttlichen verbinden, wenn er die Worte von sich gibt, nur durch die Bedeutung, die die Worte haben.(22)

Das gleiche gilt für das Japanisch, aber es ist schwerer zu greifen wegen der besonderen Eigenarten der japanischen Sprache. Im Japanischen gibt es keine reinen Konsonanten außer dem „n“, und so ist jede Silbe entweder ein reiner Vokal oder ein Vokal, dem ein Konsonant vorausgeht. So verlangt die Aussprache praktisch jeder japanischen Silbe eine Ausatmung.

Daneben hat jede einzelne Silbe für gewöhnlich ein weites Bedeutungsfeld. Zum Beispiel kann der Klang SO auf 128 verschiedene Arten geschrieben werden, also mit 128 verschiedenen chinesischen Zeichen – und jedes dieser Zeichen hat eine andere Bedeutung.(23) So ist es nicht nur möglich, Japanische Silben zusammenzusetzen, die ausschließlich aus Vokalen bestehen (24), sondern auch Laute zu schreiben, deren einzelne Bestandteile eigene Bedeutungen haben. Aus diesen Gründen glaube ich nicht, daß es möglich ist, kotodama theoretisch anzuwenden ohne die dazugehörige Shinto-Theologie, und das in einer Sprache, die nicht das Japanische ist. Der Gründer glaubte an kotodama, weil er an die kami glaubte und auch, weil er Japaner war. John Stevens glaubt, der Gründer wurde mißverstanden, aber ich für mein Teil tendiere dazu, hier dem Gründer zu folgen.(25)

Natürlich kann man nicht leugnen, daß Worte eine bestimmte Kraft haben, wie jeder, der Opern hört, bestätigen kann, und ich habe lebhafte Erinnerungen an den mesmerisierenden Effekt an das Singen der Messe mit dem Gregorianischen Gesang. Eine Form des Gesanges begleitet normalerweise die Meditation, und ich will den ersten Teil dieses Essays damit beschließen, dieses Thema zu untersuchen.

Nao Deguchi verfaßte ihre fudesaki-Schriften als Ergebnis eines tranceartigen Zustands. Und von Onisaburo Deguchi sagt man, er habe die Erfahrungen, die er im Reikai Monogatari festhielt, als Ergebnis eines ähnlichen Zustandes gemacht. Kyotaro Deguchi erläutert in „The Great Onisaburo Deguchi“, daß es zwei Arten religiöser Shinto-Praktiken gebe:

“Die erste Art, kensai, besteht aus formalen Ritualen und Opfern, die vor einer Gottheit in einem ganz bestimmten Schrein ausgeführt werden: formale Zeremonien, ausgeführt vor den Göttern.”

Der Gründer verbrachte gegen Ende seines Lebens viel Zeit mit solchen Praktiken, und ein praktizierender Christ tut das gleiche in einer analogen Weise. Die zweite Art ist interessanter:

“Die andere Art, yusai, ist die Praxis, seine Seele auf den Geist der Gottheit abzustimmen, ohne feste Zeremonie, einen festen Ort oder Zeitpunkt. Die letztere beinhaltet den Prozess des chinkon (die Seele beruhigen) and kishin (eine Gesprächsweg mit der Gottheit schaffen). Dieses sind Techniken, die Menschen mit einer Gottheit in Kontakt bringen, und sie werden in viele Kategorien und Unterkategorien eingeteilt. Ich will nicht weiter ins Detail gehen und nur sagen, daß insgesamt 362 solcher Techniken existieren, die ausgeführt werden können sich selbst oder anderen zum Guten.”(26)

Das sollte Christen etwas beunruhigen, denn es weist nichts darauf hin, daß solche Übungen einen tatsächlich mit Gott in Verbindung bringen. Um diesen Punkt genauer zu erklären, muß ich einige kurze autobiographische Details einflechten.

Bevor ich mit dem Aikido begann, verbrachte ich mehrere Jahre in einem religiösen Orden, oder besser: in einem Kloster.(27) Die Ausbildung war sehr streng, und wir bekamen beigebracht, daß das „Bewußtsein der Anwesenheit Gottes“, um es einmal so zu nennen, eine Ganztagsbeschäftigung sei. (Das ist meinem Verständnis nach in vielen Punkten vergleichbar mit dem Dasein eines uchi deshi beim Gründer.)

Zum Beispiel mußten wir den größten Teil des Tages schweigend verbringen, und die nötige Konversation mußte auf Latein geführt werden. Natürlich gab es viele Medititationssitzungen, und in so einer Situation gerät man schnell über das schlichte gesprochene Gebet hinaus in einen Zustand, der „Kontemplation“ genannt werden kann. Natürlich mußten wir geistliche Texte lesen, und in der christlichen Tradition gibt es einen großen literarischen Reichtum.(28) Es gibt auch einen großen Reichtum an Wissen und Ratschlägen zu Meditationshaltungen und anderen asketischen und spirituellen Übungen, alle geschaffen, um jemanden zum „Bewußtsein der Anwesenheit Gottes“ zu bringen. Wir hatten natürlich alle schon von Zen gehört, denn viele christliche Mönche haben buddhistische Klöster besucht und von der Praxis des Zazen profitiert.(29) So wurden Fragen über Atmung und Haltung sehr wichtig, und die christlichen Mystiker geben zum Beispiel viele Anweisungen zur Rolle des Atmens bei der Meditation.

Ich fand auch sehr früh heraus, selbst wenn ich noch Novize war, daß es auch eine ständige Beschäftigung in der spirituellen Literatur gibt mit der unvermeidlichen Tatsache, daß eine solche Erfahrung des Göttlichen eine Gabe Gottes ist, und daß sie freiwillig gegeben oder vorenthalten werden kann, und damit mit der unvermeidlichen Konsequenz, daß Selbsttäuschung eine sehr viel wahrscheinlichere Möglichkeit ist als Erleuchtung.

Insbesondere wurden wir gelehrt, daß der sogenannte „Zustand erweiterten Bewußtseins“, herbeigeführt durch eine spezielle Atmung und Haltung niemals dasselbe sei wie die „Anwesenheit Gottes“. Meiner eigenen Erfahrung nach ist es sehr attraktiv, vorzugeben, in einer bestimmten Haltung zu sitzen oder auf eine bestimmte Art zu atmen, einen leichter in Kontakt mit dem Göttlichen bringt, als einfach auf einem Stuhl zu sitzen und normal zu atmen. Aber mein spiritueller Lehrer erinnerte mich sehr scharf daran, daß Dinge wie Haltung oder Atmung absolut nichts bedeuteten. Das waren asketische Übungen und weiter nichts. Tatsächlich kann ein Dauerthema in der christlich-mystischen Literatur zusammengefaßt werden unter der Bezeichnung „dunkle Nacht der Seele“, was äußerste geistige Verlassenheit bedeutet, aber es scheint, daß davon wenig Spuren in dem Material enthalten sind, das ich für diesen Essay durcharbeiten konnte. Natürlich ist das geistige Gebet genau das, was der Begriff aussagt: eine geistige Unterhaltung mit Gott, aber sie muß keine besondere oder „mystische“ Erfahrung sein.

Ich möchte selbstverständlich nicht leugnen, daß der Gründer tatsächlich die Erfahrung des Göttlichen hatte, doch Morihei Ueshiba war auch sehr deutlich ein Mann seiner Zeit und lebte zu einem der „Krisen-Zeitpunkte“ der japanischen Geschichte. Jedenfalls trennte er seine Aikido-Praxis nicht von seinen religiösen Erfahrungen, und ich glaube, daß ein ernsthaftes Studium der japanischen Kultur nötig ist, um beides zu verstehen. Andererseits kann ich woh nicht leugnen, daß es eine auffallende Kluft zwischen diesen religiösen Praktiken und dem heutigen Aikido, und diese Kluft ist öfter von „Westlern“, um es so auszudrücken, als von Japanern. Vielleicht sind die letzteren zu versunken in ihrer eigenen heutigen Kultur, um diese Kluft wahrzunehmen. Es sollte die ernsthaften „westlichen“ Aikidoka beschäftigen, ob und wie er oder sie die spritituellen Erfahrungen des Gründers „hervortretenlassen“ kann, trotz der Sprache und den Konzepten seiner/ ihrer Kultur. Es ist möglich, daß der Gründer seine spirituellen Beschäftigungen als seine eigene, persönliche Beschäftigung ansah und nicht von seinen Schülern verlangte, ihm darin zu folgen. Es wurde unterstellt, daß der Gründer das Aikido als eine göttliche Kunst ansah, während sein Sohn Kisshomaru Ueshiba das Aikido als eine universelle Kunst betrachtete. Ob es einen Unterschied gibt und wenn, woraus er besteht, soll das Thema des zweiten Teils dieses Essays sein.

Fußnoten

1. Dieses Zitat steht auf S. 25 im Aikido Today Magazine, #74 (March/April ’01).

2. Ich zweifele daran, daß der Glaube eines Shintoisten, eine Menschen, der an etwas glaubt, das „Shinto“ genannt wird, genauso betrachtet werden kann wie der Glaube beispielsweise eines Christen. Ich denke, daß weder das Objekt noch die Art des Glaubens vergleichbar sind, und ich hoffe, das im Weiteren klar darzustellen.

3. Dies kann tatsächlich auf drei Arten verstanden werden: 1. Die einfache Art ist, daß die Ausführung des Gründers sich unterscheidet von der anderer Menschen in dem Sinne, daß Ihre Aktionen grundsätzlich anders sind als meine, weil wir ganz einfach unterschiedliche Personen sind. 2. Die wichtige Art ist, daß die Ausführung des Gründers deshalb anders ist als die eines jeden anderen, weil er der Gründer war, das heißt, er erschuf diese Kunst, und niemand kann sie je auf seinem Niveau ausüben. So gesehen könnten wir nicht einmal erstreben, sie so auszuüben, wie es der Gründer tat. Das mag durchaus so sein, doch es ist auch wahr, daß wir nach Jahren der Übung unser „eigenes“ Aikido entwickeln, und dies ist etwas, wozu wir ermutigt wurden. 3. Es gibt noch eine dritte Art, in dem Sinne, daß das Aikido als Eigentum der Ueshiba-Familie betrachtet wird.

4. Natürlich wird intensives Training so wie jedes andere körperliche Training Meisterschaft auf körperlicher Ebene bringen, aber das wird normalerweise nicht als ausreichend angesehen.

5. Die Bücher von John Stevens, auf die ich mich beziehe sind: The Secrets of Aikido (1995), Invincible Warrior (1997), beide herausgegeben von Shambala; The Essence of Aikido (1993), The Philosophy of Aikido (2001), beide herausgegeben von Kodansha International. Diese Werke sind alle äußerst anregend, können aber leicht mißverstanden werden, wenn der Leser die Kultur nicht kennt, in der der Gründer lebte und atmete. Dieser Essay soll ein Beitrag zum Verständnis sein. Ich habe die japanische Ausgabe des Kojiki benutzt, herausgegeben von A. Ogihara und K. Konosu, veröffentlich bei Kogakukan im Jahr 1973, und die englische Übersetzung von Donald Philippi, erstmals veröffentlicht im Jahr 1968 von Tokyo University Press. Es ist bedauerlich, daß Philippi’s Ausgabe die einzige wissenschaftliche Bearbeitung des Kojiki in englischer Sprache ist. Es gibt keine vergleichbaren Ausgaben des Nihon-Shoki, weswegen ich hier auch keine nenne.

6. Der kamidana (shintoistischer Familienaltar) oder butsudan (buddhistischer Familienaltar) sind wichtige Bestandteile eines japanischen Haushalts, und die Tatsache, daß man beides findet, ist nicht ohne Bedeutung. Take-mika-zuchi-no-kami („werte (männliche) Gottheit des ehrfuchtgebietenden Geistes“) ist wohl die Gottheit, die die Hauptrolle spielt im älteren Teil des Kojiki. Die Gottheit entstand, nachdem Izanagi die Feuer-Gottheit getötet hatte – eine Entstehung, die den Tod Izanamis zur Folge hatte, Izanagis Gattin, und die eine Hauptrolle dabei spielte, „das Land zu unterwerfen“ (nämlich Japan). Eine Grundeigenschaft dieser Gottheit ist, daß sie ein Schwert trägt und den Anschein erweckt, damit eine ganze Region Japans unterworfen zu haben.

7. Dieser Bericht verdankt vieles einem Artikel in Ausgabe 19 des Aikido Tankyu, geschrieben von Okumura Shigenobu Shihan mit dem Titel Shinwa ni tsuite (Mythen). Okumura Shihan lieferte eine Tabelle, die die Beziehung von Gott und den Menschen in jeder der vier Arten, Theismus zu betrachten, angibt. Die Leistung meiner Diskussion soll sein, die Unterschiede, die Okumura Shihan machte, etwas zu verwischen.

8. Einige meiner japanischen Kollegen denken, daß „Gott“ keine gute Übersetzung des japanischen Wortes „kami“ sei, weil „Gott“ christlich-theologische Untertöne habe, die „kami“ nicht zu eigen sind. Ich bin mir dessen nicht sicher. Das lateinische „deus“ ist eine Ableitung des griechischen „theos“, das, ganz natürlich, gebraucht wurde, um die vielen Götter der Griechen zu bezeichnen, die scheinbar viele (menschliche?) Eigenschaften mit den japanischen kami teilen. Die Bibel hatte kein Problem mit dem Gebrauch dieser Worte, um Jahwe und Christus zu benennen.

9. Ich denke hier an Isamu Kurita, in einem Buch mit dem Titel Setsu-Getsu-Ka-no-Kokoro, veröffentlicht 1987 beim Fujitsu Institute of Management. Der Titel bedeutet ‘Spirit of the Sun, Moon and Flowers’. Die englische Übersetzung des Buches trägt den Titel „Japanese Identity“.

10. Tatsächlich wurde der butsudan zum gängigen Artikel im japanischen Haushalt, weil eine Order des Tokugawa shogunate verlangte, alle Personen sollten sich bei einem örtlichen buddhistischen Tempel einschreiben lassen. Die Order war ein Versuch, das Christentum auszurotten.

11. Die Zahl erscheint in einem Zitat des Gründers, angegeben auf S. 13 von John Stevens’ Buch „The Essence of Aikido“. Unglücklicherweise nennt Stevens nicht die Quelle dieses und anderer Zitate des Gründers.

12. Tatsächlich lautet der offizielle Name des Schreines Kanayama-Schrein, und die Gottheiten wurden früher von den örtlichen Grobschmieden verehrt, die bis zur Edo-Zeit Schwerter schmiedeten. Es ist eigenartig, daß die Gottheiten dieses Schreines auch als Fruchtbarkeitsgötter gesehen wurden und legt nahe, daß schon recht früh eine enge Beziehung zwischen dem Schwert und dem Phallus in der allgemeinen Vorstellung angenommen wurde. Kapitel 6 in Nicholas Bornoffs Pink Samurai, veröffentlicht bei Harper-Collins im Jahr 1991, enthält eine detaillierte Aufzählung japanischer Fruchtbarkeitsfeste.

13. Seit dem 2. Weltkrieg hatte der Shintoismus, mit seinem dem Bushido, dem Weg des Kriegers, verwandten Konzept einen schlechten Ruf. An manchen Punkten der japanischen Geschichte wurde die Sammlung von Mythen und Volksglauben, die als „Shinto“ bekannt waren, auch mißbraucht und zu einer Staatsdoktrin gemacht, die die Wichtigkeit eines „Japantums“ betonte: Yamato-damashi. Die Worte haben sich etwas geändert, doch die Sorge bleibt bei älteren Politikern und verursacht viel Irritation bei den asiatischen Nachbarn Japans. Es ist wahr, daß das Kojiki zusammengestellt wurde auf Befehl des Yamato-Clans, um dessen Rechtmäßigkeit über andere Clans zu rechtfertigen, doch einige Teile der Bibel hatten diese Funktion ebenfalls. Ich will in diesem Essay klarstellen, daß ich den Shintoismus nicht als politisches Instrument des Staates betrachte, aber ich glaube, daß der Gründer den Shintoismus als eine Bestätigung des Yamato-damashi ansah.

14. Die Aussage, ohne Quellenangabe, taucht auf S. 17 in John Steven’s The Secrets of Aikido auf. Der biblische Schöpfungsbericht steht in den Kapiteln 1 – 3 der Genesis, wo zwei separate Schöfpungsberichte ineinandergewoben sind zu einem eleganten Ganzen. Der Gründer bezieht sich klar auf den Beginn des Johannes-Evangeliums.

15. Diese zitierten japanischen Worte stehen auf S. 86 in Takemusu-Aiki: Aikido-Kaiso-Ueshiba-Morihei-Sensei-Kojutsu, herausgegeben von Hideo Takahashi, erstmals veröffentlicht im Jahr 1976. Die englische Übersetzung ist meine eigene. Natürlich will ich nicht Stevens Material oder seinen guten Willen bestreiten. Es wurden allerdings so viele Aussagen zu verschiedenen Gelegenheiten von unterschiedlichen Leuten dem Gründer „direkt“ zugeschrieben, daß ich der Meinung bin, in Lehrwerken wie in seinem, die ein großes Publikum erreichen, ist es nötig, die eigenen Worte des Gründers zu zitieren und die Quelle, aus der sie stammen.

Ich sollte ergänzen, daß einiges aus dem Takemusu Aiki von Sonoko Tanaka ins Englische übersetzt und veröffentlicht wurde im Aikido Journal (#116 - #119). Für diejenigen, die kein Japanisch können sind diese Ausschnitte eine wertvolle Quelle. Fr. Tanaka hat sich viel Mühe gegeben, die Worte der Gründers in gutes Englisch zu übersetzen, aber es gibt so viele Anspielungen auf das Kojiki, daß es für einen ernsthaften Studenten der religiösen Ansichten des Gründers und des kotodama sinnvoll wäre, diesen Text zuerst durchzuarbeiten. Ich denke auch, daß das ein Grund dafür ist, warum jemand, der sich ernsthaft mit dem Aikido auseinandersetzen will, Japanisch lernen muß.

16. Carmen Blacker, The Catalpa Bow: A Study of Shamanistic Practices in Japan, London, Allen & Unwin, 2. Auflage, 1986), S. 41.

17. Carmen Blacker gibt einen Zusammenfassung von Onisaburo Deguchis visionäre Reise in The Catalpa Bow (S. 202-207). Ich glaube, daß Blackers Buch unentbehrlich ist für das Verständnis der Omoto-Religion und ihren Einfluß auf Morihei Ueshiba.

18. Carmen Blacker, The Catalpa Bow, Kap. 1.

19. Die Sätze und ausgiebigen Zitate stammen aus “The Religion Called Omoto”, in The Great Onisaburo Deguchi, von Kyotaro Deguchi, Tokyo, Aiki News, 1998, S. x. Es ist wichtig, anzumerken, daß die Kommentare von William Gilkey sind, dem ehemaligen Herausgeber von Omoto International, und nicht von Kyotaru Deguchi selbst.

20. Die Details werden genannt in Yoshiro Tamura, Japanese Buddhism: A Cultural History, Tokyo, Kosei Publishing Co., 2000, S. 197-200. Siehe auch “Shinto”, Kapitel 9 in On Understanding Japanese Religion, von Joseph Kitagawa, Princeton University Press, 1987.

21. Johannes-Evangelium, Kap. 1, Verse 1, 2, 14 – im engl. Originaltext: 1611 King James version, in der dt. Übersetzung nach der Einheitsübersetzung. (Der kursiven Teile dieser Fußnote sind Ergänzungen der Übersetzerin, A.d.Ü.)

22. Der Glaube, Worte hätten magische Kräfte, ist sehr alt und bildet die Grundlage für religiöse Rituale. Die ältesten Orakel sprachen immer in Rätseln, aber es brauchte eine Kultur wie die der Griechen, mit ihrer Betonung der Dialektik, um auf den Unterschied zwischen langue und parole zu stoßen: den zwischen Äußerungen und den Konventionen, diese auszudrücken.

23. Die 128 unterschiedlichen Arten sind aufgelistet auf S. different ways are listed on 1349 des New Nelson Japanese-English Character Dictionary, herausgegeben von Charles Tuttle im Jahr 1997.

24. Ein Beispiel ist „Ooo,oooo,oo ooo“, was bedeutet „Der mutige König verbirgt sein hinteres Ende, wenn er hinausgeht“ und für diejenigen, die glauben, ich erfinde so etwas, stehen dieses und weitere Beispiele auf S. 51 in The Japanese Brain, by Tadanobu Tsunoda, Tokyo, Taishukan, 1985.

25. John Stevens nennt seine Argumente auf S. 15-20 in The Secrets of Aikido.

26. Die beiden Zitate stammen aus The Great Onisaburo Deguchi, S. 20.

27. Der religiöse Orden war die Societas Jesu, oder Jesuiten.

28. Die Texte, die mir am vertrautesten sind, sind Cloud of Unknowing, geschrieben von einem anonymen mittelalterlichen englischen Mystiker, die Spiritual Exercises of Ignatius of Loyola, und die Schriften von Teresa von Avila und des hl. Johannes vom Kreuz.

29. Daß ein solch fruchtbarer Austausch möglich ist, wird deutlich in einem Buch mit dem Titel Mystics and Zen Masters, von dem Trappisten-Mönch Thomas Merton (erstmals veröffentlicht im Jahr 1961 bei Farrar Strauss and Giroux, New York). In zwei Kapiteln “Zen Buddhist Monasticism” und “The Zen Koan” (S. 215-254), gibt Merton einen kurzen und eleganten Bericht über die Hauptunterschiede zwischen Zen- und christlichem Mönchtum.