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Interview mit Takafumi Takeno Sensei

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von Stanley Pranin

Aiki News #99 (1994)

Übersetzt von Stephan Otto

Takeno Sensei (beim Beobachten des Trainings): Beim Unterrichten von Kindern Klappt es sehr gut, Spiele zu verwenden. Kinder neigen dazu, einige Dinge, wie z.B. Shikko ho (Kniegang) nur sehr ungern zu tun. Führt man es aber als Wettrennen oder als Ringkampf durch, tritt genau der gegenteilige Effekt ein. Sie glauben, es sei Spaß. Verändert man den Zugang ein wenig, schon machen sie es mit Begeisterung. Sagt man zu den Kindern: „Mach Sit-ups! Mach Liegestütze!“, werden sie antworten: „Ich mag nicht!“ Lässt man sie jedoch darum knobeln, bekommen sie Spaß am Wettkampf.

Aiki News: Selbst so geringe Änderungen können das Training wirklich lustig gestalten. Die Atmosphäre in diesem Dojo ist sehr positiv und fröhlich, aber das Training ist ziemlich hart. Ich bin wirklich beeindruckt von der Ausgewogenheit, die sie erreicht haben.

Takeno Sensei: Nun, wir trainieren mit energischen und Ki-gefüllten Techniken, die ich von Shioda Sensei gelernt habe. Auch wenn die Übenden Spaß am Training haben sollen, möchte ich, dass ihnen die Strenge und der Ernst ihres Trainings als eine Kampfkunst, als Budo, bewusst bleibt. Im Gegensatz zum „Aikido machen“ möchte ich „Keiko“ abhalten. (Das japanische Wort Keiko hat im Gegensatz zu Renshu neben Übung, Training auch noch die Bedeutung, beim üben über „alte“ Dinge nachzudenken, sowohl aus eigener Erfahrung, als auch im Sinne der Tradition. Es wird für ernsthaftes Üben in den Künsten wie Musik oder Kampfkunst verwendet, nicht aber für sportliches Training.) Es ist unmöglich, ohne Keiko gute Techniken zu entwickeln. Deshalb möchte ich, dass alle am Training Freude haben aber auch natürliche Disziplin und eine Atmosphäre produzieren, die zu einem Kampfkunst-Dojo passt. Seit kurzem haben die Leute hier in Yamanashi begonnen, hinter Aikido mehr zu sehen als nur eine Methode, gute Manieren zu lehren. Als ich das erste Mal hierher zurückkam, war ich ziemlich überrascht von den Zielsetzungen der Trainierenden, Sie empfanden Budo nur als eine Methode, Kinder zu disziplinieren und zu erziehen. Ich spürte hier eine tiefe Kluft zwischen unseren Anschauungen. Aus diesem Grund fing ich an, kleine Vorführungen zu geben. Die Eltern, die ihre Kinder zu meinen Sunden brachten, hatten wirklich wenig Ahnung von Aikido, weshalb ich mit den Vorführungen anfing. Ich kehrte nach meinen Jahren im Yoshinkan Honbu Dojo im Januar 1988 nach Yamanashi zurück und arbeitete hart, um bis April eine Vorführung auf die Beine zu stellen. Das war in so kurzer Zeit ziemlich schwierig. Ich konzentrierte mich in erster Linie darauf, Eltern und Familien zu einem gewissen Verständnis von Aikido zu führen. Seit ich angefangen hatte, alljährlich solche Vorführungen zu geben, bildete sich langsam eine Vorstellung über den Sinn des Aikido und schließlich waren wir in der Lage, größere Veranstaltungen, wie die des letzten Jahres, zu organisieren.

Aiki News: Die Atmosphäre im Dojo ist eine ganz andere, wenn ganze Familien trainieren, nicht wahr?

Takeno Sensei: Das ist richtig. Wenn z.B. ein Familienvater Aikido trainieren möchte, ist dies ohne ein gewisses Verständnis von Seiten der Familie schwierig. Wenn Papa nach der Arbeit ein Bier trinkt, wird ihn die Familie zum Aufhören bewegen wollen, trinkt er es jedoch nach dem Aikidotraining, werden sie sagen: „Das gibt dir Kraft für morgen!“ (Lachen) Aus diesem Grund waren unsere ersten Unternehmungen darauf ausgerichtet, die Familien dazu zu bringen, Aikido zu verstehen. Bald darauf kamen auch Eltern und Ehefrauen ins Dojo und das erzeugte eine familiäre Stimmung. Einige Eltern erwähnten dies auch gegenüber Kollegen und Freunden und schließlich bekamen wir Mitglieder aus fast allen Altersgruppen. Natürlich möchte ich das noch ein wenig ausdehnen.

Aiki News: Sensei, nachdem Sie in Tokio gelebt und Aikido praktiziert hatten, was hat Sie dazu bewogen, nach Yamanashi zurückzukehren und einen Traum zu verwirklichen?

Takeno Sensei: Ich bin vor sechs Jahren nach Yamanashi zurückgekehrt. Ein Motiv war mein Traum, hier ein Dojo zu eröffnen. Aber da war auch die Tatsache, dass ich durch das sehr harte Training mit der Bereitschaftspolizei und in den Sonderkursen physisch erschöpft war. Ich konnte das Ki, das ich so lange sorgfältig kultiviert hatte, nicht zu hundert Prozent sammeln und da begann ich mir Sorgen zu machen, ob ich mir hier nicht mehr schade als nutze. Ich habe es mit Shioda Sensei besprochen, der mir auch zustimmte und zog hierher nach Yamanashi.

Aiki News: Gab es zu dieser Zeit andere Aikido-Dojos in dieser Gegend?

Takeno Sensei: Dieses Dojo wurde vor 8 Jahren gegründet. Vor dieser Zeit, 1983, wurde eine Einrichtung für die Erziehung junger Leute, die sich Hikawa Juku nannte gebaut. Dort gibt es Schulunterricht im Erdgeschoß und ein kleines 25 Matten-Dojo im oberen Stockwerk. Dies war das erste auf Yoshinkan Aikido spezialisierte Dojo in diesem Regierungsbezirk.

Nach der Eröffnung kam ich einmal pro Woche aus Tokio, um eine Basis zu schaffen und Stück für Stück die Samen für ein Dojo zu säen. Dank der Wurzeln, die dieses erste kleine Dojo bereitstellte, war ich in der Lage, mein Dojo zu gründen.

Als ich 1968 mit Aikido anfing, gab es ein Lehrerprogramm im Yoshinkan Honbu in Yoyogi – fast so wie das heutige Sondertrainingsprogramm für Trainer. Durch dieses Programm erwarb ich den dritten Dan, was mir die Möglichkeit einräumte, eine Lehrerlaubnis zu erhalten. Ich wollte eigentlich schon dann nach Yamanashi zurückkehren, aber je mehr ich Aikido trainierte, umso mehr zog es mich in seinen Bann. So kam es, dass ich mich lange Zeit beim Training im Honbu engagierte.

Eigentlich kam ich zum ersten Mal durch eine Fernsehsendung mit Aikido in Berührung. Der Moderator Keizo Takahashi ging an verschiede Orte, um Interviews durchzuführen. Der Titel dieser Episode war „Pro Wrestling gegen Aikido“ oder so ähnlich. Bei der Vorbereitung auf eine Meisterschaft entschlossen sich die damals international bekannten Pro Wrestler Kusatsu und Sanders Sugiyama etwas traditionelles, japanisches Budo in ihre Techniken einzubauen. So zogen sie los, um Aikido zu lernen.

Aiki News: Shioda Sensei erschien diesem Programm, oder?

Takeno Sensei: Ja, das stimmt. Trotz seiner kleinen Statur wirbelte er herum und schleuderte diese riesigen Catcher umher. Als ich das sah, dachte ich: „Mensch! Was ist denn das?“ Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer, Aikido sei etwas wie Judo oder Karate, aber dieser Film hinterließ einen so lebhaften Eindruck bei mir, dass ich wusste, dies ausüben zu wollen. Begierig mehr zu erfahren, besuchte ich das Yoshinkan Honbu in Yoyogi, um mir das Training anzuschauen.

Der Trainingsbereich war von einem Holzboden umgeben und dort saß ich in Seiza. Ich hatte nicht viel Übung im Seiza-Sitzen, aber irgendwie flößte mir die Atmosphäre im Dojo so eine Ehrfurcht ein, dass ich etwa eine Stunde lang so sitzen blieb. Eine einzigartige Dynamik erfüllte den Raum, so dass ich die Schmerzen in meinen Beinen nicht einmal fühlte. Als ich so zusah, drehte sich einer der Übenden zu mir um, als er eine Festhaltetechnik ausführte und sagte: „ Komm, setze Dich ruhig bequem hin!“ Ich blieb jedoch wie zuvor und nach kurzer Zeit drängte er mich wieder, mich zu entspannen. Ich dachte, er wolle mich testen und würde mich bloßstellen, wenn ich weniger formell sitzen würde: „Wie unverschämt! Hast du keine Manieren?“ würden sie sagen. Das war die Art von Spannung, die in der Luft lag. Aber dieses Aikido beeindruckte mich als Neuling, da ich so etwas noch nie gesehen hatte.

Ich hatte vorher Baseball gespielt, aber die Atmosphäre der körperlichen Anstrengung war etwas ganz anderes. Ich war beeindruckt von der Dynamik dieser Budowelt und wollte es so gerne ausüben, dass ich Shioda Sensei direkt ansprach. Zu dieser Zeit nahm das Honbu Dojo nicht ohne weiteres den ältesten Sohn einer Familie als Uchi Deshi an, weshalb ich die schriftliche Zustimmung meiner Eltern benötigte. Ich ging heim nach Yamanashi und erzählte meinem Vater, dass ich Aikido üben wolle, worauf er mich ausschimpfte. Das war zurzeit von Japans wirtschaftlichem Wachstum und Aufbruch und man hatte die Tendenz „Antiquitäten“ als Lebensgrundlage für die Zukunft in Frage zu stellen.

Ich war aber so fasziniert von Aikido, dass ich mich geradewegs ins Training stürzte. Ich glaube, mein Verhalten wurde von meinen Bekannten als etwas seltsames gewertet. Alle fragten mich: „Warum willst Du so etwas machen? Wäre es nicht besser, ein geregeltes Einkommen von einer Firma zu bekommen?“ Ich bekam auch tatsächlich ein Angebot einer Baufirma, schlug es aber aus.

Aiki News: Sie haben sich also entschlossen, ein vollberuflicher Aikidolehrer zu werden?

Takeno Sensei: So ist es. Ich hatte den Traum, Aikido nach Yamanashi zu bringen. Ich trat dem Dojo als Uchi Deshi und nicht als normaler Schüler bei. Aus meiner heutigen Warte betrachtet, war es eine gute Entscheidung. Ich stürzte mich in den Lebensstil eines Uchi Deshis, ohne viel darüber zu wissen und auch wenn sich das Training als schwierig erwies, wurde mir dies nie bewusst, da ich es als normal akzeptierte. Wenn ich als normaler Schüler angefangen hätte und erst später Uchi Deshi geworden wäre, hätte ich Vergleiche ziehen können und die wahre Härte begreifen können. Das Training war jedenfalls sehr hart, aber es hat mir nie missfallen. Einige der älteren Schüler trainierten so hart, dass du dich gefragt hast: „Sind diese Typen eigentlich noch Menschen?“ Außerhalb des Trainings waren sie wie ältere Brüder, lobten und ermutigten die jüngeren Schüler. Ich fühlte mich ihnen stärker verbunden als meinen eigenen Brüdern. Das gefiel mir sehr gut und half mir wahrscheinlich durchzuhalten.

Aiki News: Glauben Sie, dass Shioda Senseis Persönlichkeit mit zu der Atmosphäre im Dojo beitrug?

Takeno Sensei: Ja, ich glaube schon. Die Lehre von Shioda Sensei betonte die Einheit von Geist und Technik. Die damaligen Schüler versuchen mit den Jüngeren heute diese Einstellung weiter zu pflegen.

Aiki News: Wie würden Sie den Unterricht von damals mit dem heutigen vergleichen?

Takeno Sensei: Der Unterricht ist im Grunde gleich geblieben. Wie auch immer, das harte Training mit der Bereitschaftspolizei und das Sondertraining scheinen bis in alle Ewigkeit zu bestehen. Wir trainierten etwa sechs Stunden am Tag. Und nach dem Training mit der Polizei mussten wir noch das reguläre Training besuchen. Wir haben den ganzen Tag Aikido gemacht, von morgens bis abends, aber es war eigentlich recht unterhaltsam. Nach dem Sondertraining am Morgen und am Nachmittag ging ich ins reguläre Training am Abend und versuchte einen Schwarzgurt (ich trug einen weißen Gürtel) als Trainingspartner zu finden , um zu testen, wie gut die Techniken, die wir heute gelernt hatten, an ihm funktionierten. Oder ich machte etwas ähnlich Lustiges.

Aiki News: Hat Shioda Sensei damals Vollzeit unterrichtet?

Takeno Sensei: Ja, er kam jeden Tag und lehrte uns die wichtigsten Punkte. Natürlich gab es auch andere Lehrer, die ihm unterstellt waren und ebenfalls unterrichteten. In den speziellen Zusammenkünften erzählte Shioda Sensei oft über die Zeit, als er lernte oder Geschichten über Ueshiba O-Sensei und anderes.

Ich hatte häufig die Gelegenheit des direkten Kontaktes mit Shioda Sensei. Lange Zeit fungierte ich als sein Fahrer und konnte so viele Aspekte seines Lebens, auch außerhalb des Dojos, kennen lernen. Ich hatte zum Glück viele Gelegenheiten, von ihm lernen zu können. Mir wurde sehr früh in meiner Karriere erlaubt, für ihn als Uke zu dienen, worüber ich mich sehr glücklich schätze. Er hatte mich einmal K.O. geschlagen, kurz nachdem ich mit Aikido begonnen hatte, aber ich war sowieso sehr enthusiastisch.

Da fällt mir ein, ich traf einmal mit O-Sensei zusammen. Ich hatte wirklich Glück. Damals war ich Shioda Senseis Fahrer und begleitete ihn überall hin. Er besuchte das Aikikai Honbu Dojo in Wakamatsucho und weil ich nur der Fahrer war, habe ich draußen gewartet. Ich stand am Fuß der Treppe des dreistöckigen Gebäudes, als O-Sensei kam, beidseitig von zwei seiner Schüler gestützt. Er schaute mich an und fragte: „ Was machst Du hier?“ „Aha, das ist also der Ueshiba Sensei, von dem Shioda Sensei immer erzählt“, dachte ich. Seine Augen waren so stechend, ich fühlte mich absolut kraftlos, wie ein Frosch im starren Blich einer Schlange. Aber als ich ihn hier so sah, gestützt an beiden Seiten, konnte ich mir nicht helfen, ihn als –sie entschuldigen, tatterigen, alten Großvater zu sehen, „ Oh, ich kam mit Shioda Sensei und warte hier auf ihn“, entgegnete ich, worauf er antwortete: „Ach dann komm nur rein, komm nur rein!“ und gab mir ein breites Lächeln. Ich folgte ihm ein wenig bange, als er mit Hilfe seiner Schüler langsam die Stufen erklomm. Als er das Dojo erreichte befreite er sich von seinem Haori (jap. ärmelloser Mantel) und murmelte etwas zu sich selbst, aber, sobald er eintrat, stand er kerzengerade! Ich befand mich genau hinter ihm und sah so mit meinen eigenen Augen, wie er sich von einem gebrechlichen, alten Mann in eine energische Persönlichkeit verwandelte. Das war wirklich etwas Unglaubliches! Er sang eine Art von doka (Lied des Weges) und gab im Herumwirbeln stechende kiais (Kampfschreie) von sich, während er seine Schüler durch den ganzen Raum schleuderte. Ich war total verblüfft! Das war erst kurz nachdem ich mit Aikido begonnen hatte und so konnte ich das hohe Niveau von O-Senseis Vorführung nicht begreifen. Ich erinnere mich, dass er seinen Schülern befahl, ihn zu schieben und zu ziehen, aber wie sehr sie sich auch anstrengten, er blieb unbeeindruckt von ihren Bemühungen. Ich glaube nicht, dass er sehr lange vorgeführt hat. Als er fertig war und das Dojo verließ, sackte er sofort zusammen und wurde wieder der gebrechliche, alte Mann. Noch etwas murmelnd ging er die Treppe hinunter, gestützt von seinen beiden Schülern. Ich hatte alles von Anfang bis Ende beobachtet und war überzeugt, etwas Wundervolles gesehen zu haben. Wahrscheinlich habe ich ihn so gut gesehen, weil ich direkt hinter ihm stand. Das war meine einzige Gelegenheit eine von O- Senseis Vorführungen mit eigenen Augen zu sehen.

Aiki News: Ich glaube, das war bei der Kagami Biraki Feier 1969. Es gibt einen Film davon, aber es selbst gesehen zu haben… . Ueshiba Sensei verschied am 26. April desselben Jahres.

Takeno Sensei: Ich glaube, diese Geschichte wurde schon einmal veröffentlicht. Shioda Sensei scheint einmal O-Sensei gefragt zu haben: „Wann werde ich so stark sein wie Sie?” und O-Sensei antwortete: „Nie, ich werde im Augenblick meines Todes am stärksten sein.” Laut Shioda Sensei soll O-Sensei einmal, nachdem er kurz vor seinem Tod krank zusammenbrach, zu seinen Schülern gesagt haben: „Kommt, lasst uns trainieren!” und begann aufzustehen. Besorgt um seine Gesundheit, versuchten sie ihn wieder ins Bett zu schieben und drängten ihn, sich ruhig zu verhalten. Dann. Wumm! Er ließ sie alle segeln. Anscheinend erzählte einer von O-Senseis Schülern diese Geschichte. Shioda Sensei sagte, er habe erst dann die Bedeutung des Satzes: „Ich werde im Augenblick meines Todes am stärksten sein.” verstanden. O-Sensei erfüllte dieses Versprechen und Shioda Sensei erinnerte sich noch immer an diese Geschichte. Ich fühle mich geehrt, Shioda Senseis unglaubliche, intensive Techniken gefühlt zu haben - Techniken, die Dich mit einem einzigen Schlag K.O. setzen können. Kürzlich habe ich auch seine Techniken kennen gelernt, die sich so anfühlen, als weiche er im letzten Augenblick mit nur einer kleinen Bewegung aus. Der Unterschied zwischen diesen beiden ist unglaublich! Ich habe letztlich begriffen, dass seine Fähigkeit, diese plötzlichen Techniken wirkungsvoll anzuwenden von der Intensität dieser anderen (harten) Techniken kam. Wenn er plötzlich dieser starken, geraden Angriffsenergie ausweicht, ist das Gleichgewicht seiner Gegner vollkommen gestört. Shioda Sensei besaß sowohl eine starke, intensive Kraft als auch eine leichte, unheimliche Kraft, die Dir das Gefühl vermittelte, Dich an einer Wolke festzuhalten.

Das Entscheidende dabei ist, dass, wenn man einen dieser Punkte übertreibt - entweder erbarmungslos auf seinen Gegner einhämmert oder herumflattert - erlaubt dies deinem Gegner, Dich abzuschätzen. Shioda Senseis Ki kam gerade im rechten Augenblick zum Einsatz und er konnte die Gedanken seines Gegners erkennen. Daher wusste er, wie er mit ihm zu verfahren hatte. Sensei schlägt mich hart und ich erwarte wieder die gleiche Reaktion, da schmilzt seine Kraft plötzlich dahin, ich gerate ins Torkeln und weiß nicht, was geschieht. Ich will nicht fallen, aber ich falle ohnehin.

Aiki News: Es kann also unecht oder abgesprochen auf die Zuschauer wirken?

Takeno Sensei: Ja. Es gibt ein Aiki News Video von Shioda Sensei, richtig? [T26 Yoshinkan Aikido: Gozo Shioda Sensei] Seine Schnelligkeit und Stärke und sein Ausdruck an kraftvoller Energie ist wirklich bemerkenswert. Sammeln, bewahren und konzentrieren dieser Kraft ist, als ob es jeden Moment zur Explosion kommt. Ich habe gedacht, ohne diese Art komprimierter Kraft wäre ich nicht in der Lage Techniken auszuführen. Ohne diese zugrunde liegende Präzision und Strenge können meine Techniken nie rund werden. Wenn ich es aus meiner jetzigen Sicht betrachte, dann möchte ich nach wie vor dieses strenge Aikido ausüben. Als Shioda Sensei an unterschiedlichen Orten Vorführungen gab, waren die Leute immer überrascht, solch prachtvolle Techniken zu sehen. Aber immer, wenn wir sie zum Training einluden, machten sie einen Rückzieher: „Nein, das ist mir zu unheimlich!”

Bevor es Video gab, hatten wir keine Möglichkeit zu sehen, was man Dir antat, mit welcher Technik Du auf den Kopf gestellt wurdest. Du warst zu beschäftigt mit deinen ukemi (Falltechniken), nicht wahr. Wenn wir ein Video aus dieser Zeit sehen könnten, wären wir sicherlich überrascht über die wundervollen Dinge, die da abliefen. Bei Vorführungen an verschiedenen Orten warteten wir Schüler, um für Shioda Sensei Uke zu sein, während er damit beschäftigt war, den Zuschauern über Aikido zu erzählen. Diese Zeit verstrich immer quälend langsam, wobei wir uns mit Gedanken zermürbten: „Wo wird es dieses Mal weh tun? Mein Magen? Mein Kopf?” Aber wenn wir Sensei gegenüberstanden, war die Furcht wie weggeblasen. Es war ziemlich seltsam. Alles, was wir sehen konnten, war Sensei und wir konzentrierten uns darauf und stürzten uns auf ihn. Und im nächsten Augenblick befanden wir uns kopfüber in der Luft! Einige Male öffnete ich meine Augen und fand mich in einem Krankenhausbett wieder, mit der schwachen Erinnerung, an einer Vorführung teilgenommen zu haben. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Ich hatte eine Gehirnerschütterung.

Aiki News: Haben Sie sich jemals ernsthaft verletzt?

Takeno Sensei: Nein, zum Glück nie. Ich kann auf einige Gehirnerschütterungen zurückblicken, über die ich heute lache. Aber ja, ich wurde oft unverhofft K.O. geschlagen, im Dojo. Es war schon seltsam. Ich bekomme einen Schlag auf den Kopf, aber verliere nicht das Bewusstsein. Sensei macht noch einige Techniken an mir, hält plötzlich an und sagt: „Warte mal, Deine Augen sehen irgendwie komisch aus”, und erst dann wurde alles schwarz. Oft fragten die Leute: „Sensei, bitte lehre uns angewandte Techniken.” Das ist jedoch nicht möglich, weil jede Situation anders ist. Wenn sich die Art und Weise, wie Dich jemand festhält, ändert, verändert sich die ganze Technik und Du kannst niemals das Gleiche nochmals machen. Wenn Du keine solide Grundtechnik hast, wirst Du niemals in der Lage sein, Techniken anzuwenden. Shioda Sensei lehrte niemals, dass dieses oder jenes eine angewandte Technik sei. Er sagte vielmehr: „Wenn Du die Grundstellung beherrscht und die Grundbewegungen kannst, dann kannst Du Techniken anwenden. Wenn Du Dich konzentrierst und Deine Kraft fließen lässt, dann kannst Du es tun.”

Aiki News: Shioda Senseis Autobiographie [Aikido Shinsei, Takeuchi Verlag, 1985] enthält mehrere Darlegungen, wo er seine Fähigkeiten in realen Situationen anwendete.

Takeno Sensei: Ich glaube, wenn man eine Technik anwendet, kommt es auf das Öffnen, das Fallenlassen oder das ‘Sich zur Seite bewegen’ an; all das sind schon angewandte Techniken. Eigentliche Kampftechniken, mit anderen Worten angewandte Formen, werden immer aus diesen Grundbewegungen geboren. Wie Du auf eine Situation reagierst und was Du damit machst, hängt auch von Deiner Körpergröße ab. Dein Gegner wird sich schnell bewegen und Du kannst Dir nicht überlegen: „Wenn ich auf diese oder jene Weise angegriffen werde, mache ich dies oder das …. Wenn sich jemand so oder so festhält, mache ich das.” Du hast nicht die Zeit dafür. Vielmehr kommt es darauf an, wie schnell Du Entscheidungen treffen kannst und, dass Du mit einem Repertoire feiner Bewegungen reagierst. Wenn Du die Grundschule nicht beherrschst, wirst Du nicht in der Lage sein, Dich zu bewegen. Du wirst nicht in der Lage sein, diese Entscheidungen in einem Augenblick zu treffen. Wenn Du eine Entscheidung zu treffen hast und dich dann bewegst, wird es zu spät sein, denke ich. Shioda Sensei sagte immer: „Kehre zur Grundschule zurück! Verliere nie Deine Grundstellung und die Grundbewegungen aus den Augen!” Einige Leute behaupten, dass Yoshinkan Techniken steif sind, aber ich glaube, das ist ganz und gar nicht der Fall. Grundschule ist wie die Blockschrift in der japanischen Kalligraphie, in der man jeden Strich einzeln und klar schreibt. Nach dieser Übung geht es weiter in halbfließender und dann in fließender Schrift. Mit anderen Worten, Du machst Deine Schrift allmählich fließend, während Du besser wirst. Wenn Du versuchst, fließend zu schreiben, ohne die Blockschrift zu beherrschen, werden Deine Zeichen nichts weiter als Imitationen sein, tote Linien, denen die lebensnotwendige Energie fehlt.

Aiki News: Das ist, als würde man eine Bewegung O-Senseis der späten Jahre einfach nachmachen.

Takeno Sensei: Aikido Yoshinkan benutzt strenge Techniken als eine Grundlage für fließende Techniken. Aber Yoshinkan-Techniken sind auch sehr schnell. Wenn Dir die Grundlagen fehlen, wirst Du einfach nicht in der Lage sein, Dich schnell zu bewegen, im rechten Augenblick zu reagieren. Du kannst es, wenn Du weißt, was als nächstes kommt, aber …. Jemand sagte einmal: „Es muss für Shioda Senseis Ukes schwierig sein, all diese Techniken für einen Tag einzustudieren. Musst Du Dir wirklich all diese groben Techniken merken?” Diese Leute waren ziemlich erstaunt, als ich Ihnen erklärte, dass nichts geplant ist und sich alle Techniken aus dem Augenblick heraus entwickeln.

Aikido Journal: Sensei, Sie haben Kyoichi Inoue Sensei assistiert, als er an der Polizeischule unterrichtet hatte, stimmt das?

Takeno Sensei: Ja, ich lernte zwar in erster Linie von Shioda Sensei, aber dieser ließ mich an vielen anderen Aktivitäten teilnehmen. 1978 wurde ich ausgesandt, um im städtischen Polizeipräsidium Aikido zu unterrichten. Dort wurde schon seit 15 Jahren vor meiner Ankunft Aikido unterrichtet.

Ich hielt Kyu- und Danprüfungen für weibliche Polizeibeamte und für die Sicherheitsspezialisten der Polizei an der Polizeischule ab. Zusätzlich unterrichtete ich alle Einheiten der Bereitschaftspolizei in einem Rotationsverfahren. Die meiste Zeit verbrachte ich jedoch im Yoshinkan Honbu Dojo und leitete den Unterricht für ausgewählte Mitglieder dieser Einheiten.

Aikido Journal: Welche Fragen stellten Ihnen die Polizeischüler in Bezug auf den Umgang mit gefährlichen Situationen?

Takeno Sensei: Das ist schwer zu verallgemeinern, aber sie fragten z. B. nach dem Umgang mit einem Messerangriff oder was zu tun sei, wenn jemand die Uniformkrawatte packen sollte. Sie stellten Fragen über tatsächliche Situationen, die bei ihrer Arbeit vorkamen oder vorkommen könnten. Man könnte es „Kampf Aiki” nennen.

Sie wollten auch wissen, wie man mit Kriminellen unauffällig und effektiv verfährt. Das Vermeiden von unnötigen Würfen und Schlägen war für sie als Polizeivollzugs¬ beamte ein wichtiger Gesichtspunkt, da sie Bedenken hatten, ihre Handlungen könnten in der Öffentlichkeit als übertriebene Gewaltanwendung betrachtet werden. Selbst ein zu rechtfertigendes Maß an Selbstverteidigung könnte als Polizeibrutalität abgestempelt werden, wenn der Beamte Schläge einsetzt. Kurz vor ihrem Abschluss werden die Spezialisten, die im Honbu Dojo trainieren, auf Ihr Können im Umgang mit echten Situationen getestet. Sie müssen z. B. auf jemanden reagieren, der versucht, ihnen die Pistole zu entreißen. Wir testen ihre Fähigkeit, mit solchen Situationen aus dem wirklichen Leben umzugehen. Auch versuchen wir Elemente einzubringen, die bei einer Verhaftung auf die eine oder andere Weise nützlich sein könnten.

Aikido Journal: Haben Sie bei der Polizei Atemi unterrichtet?

Takeno Sensei: Ja, aber ich habe sie angewiesen, nicht auf Kontakt zu gehen. Sie können Atemi als Ablenkung oder als Test verwenden, aber ich erachte es für Polizisten als unnötig, hart zuzuschlagen. Deshalb arbeiteten wir am leichten, schnellen Atemi, vor allem zum Gesicht. Wissen Sie, für Atemi muss man die Faust nicht unbedingt fest schließen. Ich glaube, man kann ihn schneller ausführen, wenn man entspannt ist. Leicht ausgeführt, gibt einem Atemi die Möglichkeit freier mit dem Gegner zu verfahren. Ich bin sehr eigen in Bezug auf Atemi und bestehe darauf, Atemi schnell und mit guter Form auszuführen. Wenn meine Partner meinem Atemi nichts entgegensetzen, führe ich ihn bis zum Ende aus. Auf diese Weise wissen sie, ob ihre Abwehr wirkungsvoll ist oder nicht. Das gleiche gilt für den Angriff. Ich weise immer darauf hin, mit Nachdruck und nicht halbherzig zu schlagen. Auf diese Weise würdest Du getroffen, wenn Deine Abwehr fehlerhaft ist.

Mit anderen Worten: „Kenne die Stärke Deines Gegners!” Ich glaube, das Erkennen des Partners ist verbunden mit Selbsterkenntnis. In meinem Dojo verwende ich Zeit darauf, den Leuten sowohl die Wirksamkeit ihrer Technik, als auch ihre Grenzen beim Abwehren von Techniken testen zu lassen. Im Training sage ich dann meinen Schülern sich nicht zu bewegen, wenn ihr Gleichgewicht nicht wirklich gebrochen ist, nicht zu fallen, wenn ein Hebel nicht gut angesetzt ist und nicht nachzugeben, bevor eine Technik wirkungsvoll angebracht wird.

Aikido Journal: Ich glaube nicht, dass es viele Dojos gibt, welche diese Art von Training durchführen.

Takeno Sensei: Wir sind in der Lage so zu trainieren, weil alle regelmäßig kommen. Es wäre unmöglich, wenn die Leute nur einmal wöchentlich oder so, kommen würden Ich dränge meine Schüler beständig, ihre Kräfte verstehen zu lernen. Ich sage ihnen, wenn ihre Ausweichmanöver halbherzig sind, sie nicht in der Lage sind, ihren Körper zu bewegen. Auch im regulären Training sage ich meinen Schülern, kraftvoll nach vorne zu gehen, ganz egal, wer angreift. Eigentlich sage ich ihnen, nicht auszuweichen, sondern hineinzugehen. Ich glaube, auch der Versuch einen Gegner zu fassen, führt fast immer zur Niederlage. Es erscheint mir als besser, den Gegner zum Angriff einzuladen, ihm anzubieten jederzeit kommen zu können. Es ist ein großer Unterschied, wenn man einem Angreifer gegenübersteht und ruhig zu denken: „Du kannst jederzeit angreifen!” oder zu denken: „Wie wird er mich wohl angreifen?” Die zweite Version ist sehr passiv und Du bist durch Deine geistige Einstellung bereits besiegt. Auch wenn man Formen langsam übt, sollte man mit der gleichen Haltung arbeiten, auch dann solltest Du dem Angreifer immer einen Schritt voraus sein oder Du wirst nicht in der Lage sein, Deinen Körper genügend zu bewegen.

Shioda Sensei verwendet immer eine extrem energische Irimitechnik. Ich war oft sein Uke und ich glaube wirklich, dass er anstatt nur zu blocken oder auszuweichen, tatsächlich nach vorne geht. Folglich solltest Du auch beim Blocken und Ausweichen immer nach vorne gehen. Versuche deshalb beim Üben nie an einem Platz zu bleiben. Ich glaube, diese Art der Bewegung macht nicht nur schneller, sondern bringt auch die bessere Technik. Sogar beim sog. Kata- oder Formentraining solltest Du, anstatt Deinen Geist mit der Bewegungsfolge zu belasten, einfach hineingehen und die Technik ausführen. Man könnte auch sagen, nur Techniken, die prompt funktionieren, können als wahre Techniken bezeichnet werden. Techniken, während derer Ausführung man denkt: „Ah, als nächstes mache ich es so und so …” können nicht als Techniken bezeichnet werden.

Aikido Journal: Aus der Sicht anderer Kampfkünste erscheinen Aikidotechniken oft uneffektiv für den tatsächlichen Kampf.

Takeno Sensei: Vielleicht wäre es besser, das Training in verschiedene Kurse zu unterteilen. In einem Kurs, der den Schwerpunkt in Aikido als Kampfkunst sieht, ist es das Ziel, Spezialisten zu trainieren. Dementsprechend ist das Training darauf ausgerichtet, Kraft und Technik zu entwickeln. Wenn das Ziel aber Spaß und Gesundheit ist, muss das Training auch darauf ausgerichtet sein. Ein Mischen beider Formen führt leicht zu Problemen. Wenn nur einer aus von zehn Übenden die Absicht hat ein Profi zu werden, ziehen die anderen den Kürzeren.

Wir betreiben Budo Aiki, wie es uns von Shioda Sensei gelehrt wurde. Wer sich Shioda Senseis extrem scharfe Techniken anschaut, wird verstehen, was ich meine. Viele Leute sind überrascht, dass es solch ein Aikido überhaupt gibt und wollen mehr über dieses Budo Aiki erfahren. Folglich glaube ich nicht im geringsten, Aikido sei anderen Kampfkünsten unterlegen. Eigentlich, denke ich, ist es etwas worauf man stolz sein kann.

Der Lehrer muss aber seinen Unterricht je nach Schülertyp verändern. Der kämpferische Aspekt des Aikido wird verloren gehen, wenn alle Schüler gleich trainiert werden. Auch werden die gewöhnlichen Schüler kein Training akzeptieren, bei dem dieser Aspekt dominiert. Lehrer müssen auf diese verschiedenen Ziele eingehen und aus ihrem Repertoire das Entsprechende anbieten können. Natürlich bedarf es hierzu eines umfangreichen Wissens auf Seiten des Lehrers. Leute, die sich für den Budoaspekt des Aikido interessieren, sollten natürlich eine kämpferische Einstellung mitbringen. Die Profis müssen selbstverständlich auf diese Weise trainieren. Wenn man sich aber ausschließlich auf diese Trainingsform versteift, kann die eigentliche Natur des Aiki verloren gehen. Es ist also eine heikle Sache.

Aikido Journal: Ich habe so das Gefühl, als wäre eines der häufigsten Probleme im Aikidotraining, dass die richtige Art des Angriffs nicht verstanden wird. Was könnte ich tun, wenn mich jemand angreift, der stärker ist als ich? Was, wenn meine Familie angegriffen wird und es läge an mir, sie zu beschützen? Hier erscheint es wesentlich zu wissen, wie man angreift und diesen Angriff auch zu beherrschen.

Takeno Sensei: Ich weiß, dass sich die Techniken, die ich der Bereitschaftspolizei beigebracht habe, als effektiv erwiesen haben, weil ich ihre Geschichten über die Anwendung von Aikido in echten Situationen gehört habe. So überwältigte z. B. ein im Aikido trainierter Wächter in der Residenz des Premierministers einen Mann, der ein Messer schwingend das Anwesen betrat. Wenn ich die Polizei unterrichte, sind manchmal Neulinge dabei, die sagen: „Aikido, ach das ist doch das, was sie den Polizistinnen beibringen.” Aber die Erfahrenen unter ihnen wissen um die Stärke des Aikido und drängen dann oft: „Na, dann geh doch vor und probier’s mal aus!”

Wie Sie es gesagt haben, sind sich die meisten unsicher darüber, wie sie mit realen Angriffen umgehen sollen. Deshalb frage ich immer, welche Situationen sie schon erlebt haben und unterrichte entsprechend.

Aikido Journal: Ich bin sicher, alle wollen dieses kennen lernen.

Takeno Sensei: Wenn Dich jemand angreift, kannst Du ihn vielleicht mit einem Tritt oder einer Judotechnik umwerfen, aber solch harte Methoden können leicht zu unnötigen Verletzungen führen. Ich unterrichte der Polizei immer verschiedene Techniken, die sie als Alternativen in solchen Situationen einsetzen können.

Aikido Journal: An welchen weiteren Dojos unterrichten Sie derzeit?

Takeno Sensei: Neben diesem Dojo hier unterrichte ich in Dojos in Hikawa und Shirane. Ich unterrichte außerdem an der buddhistischen Universität in Kyoto und an der medizinischen Universität von Yamanashi. Der Aikidoclub der Yamanashi Universität wurde erst dieses Jahr (1994) offiziell anerkannt. Einer der Studenten sah einmal beim Training zu und ich fragte ihn, ob er es einmal probieren wolle. Meine Devise ist es, den Leuten ein Probetraining zu ermöglichen, bevor sie sich einschreiben. Im Training wurde der junge Mann von einer Frau auf die Matte gelegt. Überrascht fragte er mich, wie er so leicht geworfen werden konnte und so erzählte ich ihm ein wenig über Aikido. Egal, wie oft er es versuchte, er wurde immer geworfen. „Es ist zu einfach!” rief er die ganze Zeit. Die Frau hielt ihn ständig unter Kontrolle, indem sie locker seine Hand fasste, ein bisschen Kraft in die Technik legte und ihn warf. Später kam er mit ein paar Freunden wieder, die auch einen skeptischen Versuch wagten. Sie waren fasziniert und fragten, ob ich sie unterrichten würde. Nachdem sie regelmäßig zum Training kamen, sagte ich ihnen meine Unterstützung zu, falls sie an ihrer Universität einen informellen Club eröffnen wollten, da es dort so viele interessierte Leute gibt. Sie griffen die Idee auf und das war der Anfang des Clubs. Heute, nach drei Jahren, wurden sie offiziell als Aikidoclub anerkannt.

[An japanischen Schulen und Universitäten gibt es viele Clubs für alle möglichen Interessen. Sie haben eine äußerst hierarchische Struktur und sind von einem starken inneren Zusammenhalt geprägt. Von einmal beigetretenen Mitgliedern wird viel Engagement verlangt und man kann nicht einfach wieder austreten, ohne das Gesicht zu verlieren. Anmerkung des Übersetzers]

Aikido Journal: Wie steht es um Trainingsaustausch mit anderen Universitäten?

Takeno Sense/: Ich denke, Trainingsaustausch ist wichtig und ich dränge die Studenten dazu, wann immer möglich, daran teilzunehmen. Erst kürzlich gab es ein Gespräch über einen Trainingsaustausch mit einer bestimmten Universität in der Präfektur Chiba. Die derzeitigen Mitglieder waren davon begeistert, aber den „alten Herren” gefiel die Idee nicht und so wurde nichts daraus.

Aikido Journal: Um das Thema zu wechseln: Würden Sie uns ein wenig über Ihre Erfahrungen als Uchi Deshi im Yoshinkan Honbu Dojo erzählen?

Takeno Sensei: Damals war der Unterricht im Yoshinkan ziemlich breit gefächert und allgemein gehalten, weshalb es unmöglich war, nur von den Erklärungen allein etwas zu verstehen. Man lernte durch ständiges Wiederholen mit dem Körper. Inzwischen wurden logische Trainingsmethoden eingeführt, die das Training sogar für Anfänger relativ einfach gestalten.

Als ich Uchi Deshi war, lernten wir zuerst die Mechanik einer Technik und entwickelten diese dann zu einer fließenden Bewegung weiter. Wir übten, bis wir eine Technik in- und auswendig konnten. In den ersten drei Monaten nach meinem Eintritt war alles was ich lernte ein grundschulmäßiger Shihonage. Shihonage jeden Tag! Den ganzen Tag lang übte ich Kamae und Shihonage. So wurde damals trainiert. Du hast Deinen Körper so lange mit diesen Grundformen geschmiedet, bis Dein Körper sie wusste. Heute haben die Leute sicher eine gute Form, aber sie sollten den Prozess ein zweites Mal betrachten. Die Form fungiert als Trittbrett zum nächst höheren Niveau, als ein Resultat des Prozesses, aus dem sie entstand. Es gibt nichts im Training, was nicht wichtig ist. Im Training erwähne ich immer, nichts als Zeitverschwendung zu betrachten. Nehmen wir z. B. das Thema Kraft. Jemand, der noch nie versucht hat, Kraft in eine Technik zu legen, wird nicht verstehen, was es bedeutet, keine Kraft aufzuwenden. Ich lasse alle soviel Kraft verwenden, wie sie wollen, dann können sie selbst entdecken, dass dies nicht den gewünschten Erfolg hat. Sie merken es, ohne es gesagt zu bekommen. Die Schüler erkennen langsam die Sinnlosigkeit, sich mit Kraft durch die Techniken zu kämpfen und beginnen andere Perspektiven zu verstehen.

Es wurden zwar ausgetüftelte und logische Unterrichtsmethoden entwickelt, wenn man aber am Anfang die Logik überstrapaziert, könnten die Schüler das Wesentliche einer Technik verpassen. Wer in einem Dojo unterrichtet, trägt eine große Verantwortung. In einem einstündigen Training muss der Lehrer darauf achten, dass jeder diese Stunde voll nutzt und zufrieden ist. Ich denke, ein „Einwegunterricht” ist nicht gut. Wenn ich unterrichte, achte ich stets genau auf die Verfassung der Schüler. Ich achte auch darauf, ob viele Anfänger darunter sind oder ob die Mehrzahl Frauen sind usw. Ich verändere die Trainingsinhalte ent¬sprechend der Beteiligung. Ich sende eine bestimmte Energie aus und wenn die Schüler darauf ansprechen, kann ich sie zu einem höheren Niveau führen. Ich finde, es geht für den Lehrer weniger um das Unterrichten, als vielmehr um einen Lernprozess für ihn selbst. Das habe ich von Shioda Sensei gelernt. Der Lehrer hat darauf zu achten, wie die Schüler seine Unterrichtsmethoden aufnehmen und abzuwägen, was gut ist und was nicht. Andernfalls verfängt sich der Lehrer in bestimmten Mustern. Es ist in Ordnung, nur eine Unterrichtsmethode zu verwenden, aber man braucht noch ein paar Extras, um den Unterricht interessant zu gestalten, z. B. den Fortgeschrittenen ein paar weitere Details zu erklären. Auch wenn die Anfänger zuerst die Form üben sollen, ist es manchmal hilfreich zu sagen: „Leg etwas Kraft hinein und sieh, was passiert!”

Je nach Schülertyp, versuche ich, die gleiche Technik auf verschiedene Arten zu unterrichten. Wenn jemand verloren wirkt, gebe ich ihm individuelle Ratschläge. Das Training hier mag immer gleich erscheinen, aber eine nähere Betrachtung zeigt, wie variantenreich es eigentlich ist. Es mag ein wenig Kritik darüber geben, dass meine Unterrichtsweise ein bisschen zu locker sei, aber es ist nun einmal unmöglich für mich, in die Körper meiner Schüler zu steigen. Wenn ich mich drehe und meinen Körper bewege, dann mache ich das mit meinem eigenen Gleichgewicht, meiner eigenen Konstitution und Persönlichkeit. Es gibt keinen Weg für mich in die Körper meiner Schüler zu steigen. Alles, was ich tun kann, ist es so gut als möglich vorzuführen, ob ich mich drehe oder was auch immer mache. Folglich kann alles, was ich den Schülern erzähle, nie mehr als ein Ratschlag sein.

Wir haben Morihei Sensei, Shioda Sensei und all die anderen großen Lehrer. Shioda Sensei und die anderen „Großen” haben alle ihr einzigartiges Aikido, aber ich halte es nicht für möglich, sie einfach zu kopieren. Dies ist eins der Dinge, die Budo so interessant machen. Die Gedanken der Menschen, ihr familiärer Hintergrund und alle anderen Einflüsse, die auf sie wirken, sind komprimiert und explodieren dann in ihrer Technik.

Aikido Journal: Für Ueshiba Sense; war Budo immer stark mit Religion verbunden, oder nicht? Aber darüber hört man nicht viel im modernen Training. Halten Sie es für notwendig, Religion oder spirituelle Aspekte in das Aikidotraining mit einzubeziehen?

Takeno Sensei: Ich weiß nichts über Religion, aber ich glaube doch, dass sie wesentlich dazu beiträgt, den Geist (engl.: spirit, hier auch Kampfgeist, psychische Kraft, Ausstrahlung, A.d.Ü.) zu stärken.

Ob nun durch Religion oder etwas anderes, im Aikido ist es unverzichtbar, den Geist zu stärken. Ohne einen gewissen Anteil davon ist Aikido undenkbar und das trifft wohl auch für jedes andere Budo zu.

Besonders im Aikido haben wir „Ki”, was für sich ein unglaublich komplexes Konzept darstellt, aber auch ein sehr interessantes. Man kann es mit Worten nicht richtig beschreiben, aber es ist eine sehr feine Energie, wenn Sie so wollen, etwas sehr Tiefgründiges, durch das man den Verstand und den Geist (mind and spirit) kontrollieren kann. Ich glaube, es ist nicht möglich, diese Ki-Energie ohne spirituelle Entwicklung zu offenbaren. Es ist leicht, die Energie zur Flucht zu finden oder dazu, den leichten Weg zu wählen.

Aikido Journal: Ich habe gehört, dass in traditionellen Kampfkünsten immer der Lehrer oder der „ältere” Schüler die Rolle von Uke übernimmt. Im Aikido hingegen scheinen die Leute nicht mehr zu trainieren, sobald sie Trainer geworden sind und wenn sie einmal fünfzig Jahre alt sind, sind sie gar nicht mehr in der Lage Ukemi auszuführen.

Takeno Sense/: Das ist richtig. In den klassischen Kampfkünsten (Kobudo) übernehmen die Budoka umso mehr den Part von Uke, je mehr Erfahrung sie haben oder je höher ihr Rang ist. Das ist so, weil sie dem Partner helfen, sein Ki hervorzubringen. Eigentlich gilt dies auch für Aikido. Ich denke, Alter spielt keine große Rolle, wenn wir jetzt anfangen, diese Art von Ukemi zu entwickeln.

Es ist eigentlich sowieso nicht nötig, extra hart zu werfen. Als Uke ist es wichtig, den Partner beim Erlernen der Distanzänderungen (maai) behilflich zu sein und ihm z.B. zu zeigen, wie man einen Fall übersteht. Derjenige, der fällt (uke) kann dem anderen helfen, sein Ki zu entwickeln und das Zusammenspiel - man könnte es vielleicht „Atem” (kokyu) nennen - das zwischen beiden Partnern herrscht, zu verstehen.

Allein das Beachten dieser Dinge wird Deinem Partner helfen zu verstehen, wie man angreift und richtig Uke macht.

Gelegentlich ist es gut für Uke, zu versuchen, die Rollen zu vertauschen und zu kontern. „Kannst Du Dich bewegen? Du kannst Dich nicht bewegen, oder? Ein flinker Konterangriff wie dieser kann Dich leicht bewegungsunfähig machen!” Ich glaube, auch diese Art von Ukemi gibt es.

Mit dem Alter verändert sich die eigene Technik, also ändert sich das Ukemi natürlich auch. Es gibt viele verschiedene Arten von Ukemi. Du machst Ukemi nicht einfach, weil Du geworfen oder gehalten wirst, sondern auch, um Deinem Partner Dinge mitzuteilen, wie das Zusammenspiel zwischen Euch, das Verringern der Distanz oder den Gebrauch der Augen (metsuke). Es gibt auch verschiedene Stufen von Ukemi. Anfänger haben noch keine Vorstellung davon, wie sie eine Technik ausführen sollen, d. h. Deine Aufgabe als Uke ist es, sie durch die Technik zu führen. Anfänger versuchen immer, sich ihren Weg durch die Technik zu schieben oder zu ziehen, auch wenn man sie anweist, keine Kraft zu verwenden. Als Uke kannst Du sie aber so durch die Technik führen, dass ihnen klar wird, wie nutzlos der Krafteinsatz ist. Wenn sich die Schüler ein Bild machen können, sind sie in der Lage mit diesem Bild im Kopf zu üben und runde Bewegungen zu entwickeln. Die Rolle von Uke ändert sich völlig je nach Verständnisgrad und Trai¬ningsziel. In diesem Sinne ist Ukemi wohl einer der schwierigeren Aspekte im Aikido.

Viele junge Leute sind von Ukemi fasziniert. Es ist eine gewisse Freude, Ukemi auszuführen, da das Beherr¬schen eines neuen Ukemi wie das Erlernen einer neuen Technik ist. Natürlich ist es auch möglich, das Ukemi zu enthusiastisch zu betreiben, was zu Fehlern führt.

Aikido kommt ursprünglich von den Prinzipien des Schwertkampfes. Beim Fechten ist man in der Lage, auch ganz leichte Bewegungen des Gegenübers zu spüren, was einem den Moment des Angriffs erkennen lässt. Wir sollten solche Dinge studieren und in unser Aikido integrieren. Natürlich reden wir oft über die Prinzipien des Schwertes, aber wir trainieren nicht oft damit.

Wann immer ich mit dem Schwert trainiere oder den Jyo verwende, tue ich das im Hinblick auf Aikido und versuche dieses zu ergänzen. Es kann auch sehr anregend sein, mit dieser Einstellung Demonstrationen anderer Kampfkünste zu beobachten. Ich schaue mir das an und denke: „Das ist eine interessante Art, die Distanz zu überbrücken … Diese Beinarbeit ist interessant … Das war ein gutes Timing …” Und ich denke darüber nach, ob ich diese Dinge nicht in meinem Aikido verwenden könnte.

Wenn Du all dies mit Aikido in Verbindung setzt, dann glaube ich nicht, dass Du Gefahr läufst, das Aikido aus den Augen zu verlieren. Ohne Aikido als gemeinsamem Bindeglied wird man dazu neigen, vieles nur einseitig zu betrachten. Einige bestehen oft darauf und sagen: „Das ist anders als im Aikido! Das ist nicht Aikido!” Man kann das aber nicht wissen, ohne es ausprobiert zu haben und man kann nicht einfach solche Behauptungen aufstellen, wenn sie nur auf einer Vermutung gründen.

Aikido Journal: Was Sie hier haben, ist so etwas wie ein „Dojo-Labor”, nicht wahr?

Takeno Sense/: Ja, Sie könnten es so nennen. Ich möchte es sehr gerne als ein Umfeld sehen, das der Forschung dienlich ist. Ich selbst beherrsche nur einen kleinen Teil der Myriaden von Techniken, die ich von Shioda Sensei gelernt habe, aber ich behalte Senseis Techniken im Kopf und versuche sie zu verwirklichen. Ich glaube, Forschung ist absolut notwendig. Ich habe viel von Shioda Sensei gelernt, aber vieles davon bleibt unverdaut und es gibt vieles, was ich nicht verstehe. Das Training wird sehr ernst, wenn wir diese Sachen aus der Schublade holen, eines nach dem anderen, und es zusammen üben. Ich denke auch, es ist gut für meine Schüler, hinauszugehen und an einigen anderen Orten aktiv zu werden.

In meinem Dojo lernen die Schüler zuerst die korrekte Form, wenn aber die Grundform beherrscht wird, ermutige ich sie, ihre Techniken zu bearbeiten. Erst sollte die richtige Form entwickelt werden, aber die Form ist allemal nur eine Matrize und ab einem gewissen Punkt sollte sie sich als wahre Technik offenbaren. Die Form selbst sollte nicht verändert werden, aber ich halte es danach für möglich, die Technik verschiedenen Gelegenheiten anzupassen.

Aikido Journal: Alle Angriffe sind etwas verschieden, also muss auch die Technik angepasst werden.

Takeno Sensei: Eigentlich sogar so sehr, dass es schwierig ist, sie als Techniken zu bezeichnen. Der Ausdruck „Ein Meisterstück von einem Schwert” wird verwendet, um auf eine besonders gute Klinge hinzuweisen. Es gibt keine zwei, die sich gleichen. Ebenso gibt es keine zwei gleichen Techniken.

Technik ist nicht nur einfache Bewegung. Nur, wenn das Zusammenspiel von Geist und all den anderen Aspekten in Dir vereint und komprimiert sind, kann man von Dir sagen, Du hättest Technik. Es ist einfach, das Wort Technik auszusprechen, aber Technik wirklich zu meistern, ist ziemlich schwierig. Tatsächlich ist es die Schwierigkeit der Technik, die alles interessant macht und um deren Willen es wert ist weiterzumachen.

Wenn ich unterrichte, belästige ich meine Schüler nicht mit zu vielen Worten. Ich lasse sie frei üben. Die Schüler werden aber nicht folgen, wenn ich ihnen kein Bild meiner Idealbewegung zeichne und sie dazu anrege, sich diesem mehr und mehr zu nähern. Ich kann jedoch auch nichts verlangen, was ich selbst nicht beherrsche. Nur über die Dinge zu sprechen funktioniert nicht. Zeige ich etwas, das innerhalb meiner Möglichkeiten liegt, überzeuge ich die Schüler.

Aikido Journal: Der Trainer eines 10Om-Sprinters muss nicht in der Lage sein, selbst die 100m unter 10s zu laufen. Es reicht, wenn sein Schüler schnell ist. Aber Budo ist anders. Kann man die Technik nicht ausführen, wird niemand überzeugt sein.

Takeno Sensei: Das ist im Aiki sehr wichtig, glauben Sie nicht? Es geht nicht nur darum sein Bestes zu geben. Das Niveau ist nicht so niedrig. Wer unterrichtet, sollte echte Fähigkeiten entwickeln. Hast Du diese noch nicht, musst Du eben weiter üben. Dann musst Du Deine Schüler überzeugen.

Auf meinem jetzigen Niveau ist alles, was ich tun kann, mir selbst gegenüber hundertprozentig aufrichtig zu sein. Ich gestehe mir klar ein, was ich nicht kann oder womit ich falsch verstanden werden könnte. Nach allem, was ich weiß, könnte sich meine Technik in den nächsten fünf Jahren radikal verändern. Das mag etwas stark klingen, aber auf jeden Fall ändern sich Techniken mit den Umständen und in diesem Sinne sind sie lebendig.

Schüler behaupten oft, eine Technik funktioniere nicht oder sie seien nicht in der Lage, sie richtig auszuführen. Ein gewisser Grad an Nachahmung ist sicher notwendig, aber dann heißt es haltmachen. Es ist wichtig, sich zu fragen: „Warum ist das Gleichgewicht des Gegners nicht gebrochen? Warum funktioniert es bei mir nicht auf die gleiche Weise?” Mit solchen Fragen ermutigt man tiefer zu graben. Es reicht nicht zu sagen: „Es klappt nicht! Zeig mir, wie es geht!” Man sollte von sich aus zumindest nach dem „Warum” fragen.

Die Schüler sollten eine Einstellung haben, die sie sofort nach dem „Warum” fragen lässt. Auf dieser Suche werden sie finden, was ihnen fehlt, um es gut zu machen. Im Gegensatz dazu sehen sie, auch wenn Du die Technik noch einmal zeigst, nur die äußere Form. Die Schüler scheinen einen Moment lang zu verstehen, aber kurze Zeit später sagen sie wieder: „Ich kann es nicht!” Oder aber, die Technik versagt bei einem anderen Partner. Ich sage immer, Techniken, die nur bei bestimmten Partnern möglich sind, sind keine wahren Techniken. Nur wenn sie immer funktionieren und das Gleichgewicht eines jeden Gegners brechen, sind sie wahre Techniken.

Diese Punkte allein bieten eine ungeheure Menge an Lehrmaterial. Zusätzlich zur Bewegung und zum Ki-Fluß möchte ich, dass die Schüler andere, wirklich faszinierende Aspekte des Aikido entdecken und untersuchen. Heutzutage wird auch viel über Ki geredet, aber ich denke, es ist zu wichtig, um es auf die leichte Schulter zu nehmen. Ein ober¬flächliches Verständnis von Ki ist nicht wünschenswert.

Man kann die Ki-Kraft auch steigern ohne die Geschwindigkeit zu erhöhen. Eigentlich ist es langsamer ausgeführt sogar schwieriger. Was ich meine ist nicht wirklich langsam, sondern vielmehr mit dem richtigen Timing. Mit hohem Krafteinsatz ist es echt schwer, das richtige Timing zu finden. Schlechte Technik kann man nur schwer verstecken, wenn man sich langsam bewegt. Langsame Bewegung bringt alles an den Tag.

Es wäre interessant, Aiki in Zeitlupe zu sehen. Ich stelle mir vor, wenn man einen Film von O-Sensei oder von Shioda Sensei in Zeitlupe betrachten würde, könnte man das feine und exakte Zusammenspiel mit ihren Gegnern erkennen. Es wäre gut, auch den Ausdruck ihrer Augen zu betrachten. Shioda Senseis Augen sind so schrecklich, dass er Dich fast mit den Augen allein kontrollieren kann.

Ich habe über meine Ansichten zur Unterrichtsmethodik gesprochen, aber am Ende ist es nur der Enthusiasmus aller, der es mich auch verwirklichen lässt. Ohne diesen Enthusiasmus, der den Menschen aus dem Herzen quillt, wäre es wie in einer Firma, in der die Menschen kommen, ihre Zeit absitzen und wieder heimgehen. Eine solche Atmosphäre passt nicht zu einem Budo-Dojo. Meine Schüler helfen mir sehr, denn es ist ihr Enthusiasmus, der mich sagen lässt: „Kommt, lasst uns Aikido machen!” Meine Schüler sind meine Energiequelle.