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Interview mit Nobuyoshi Tamura (1)

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von Stanley Pranin

Aiki News #66 (February 1985)

Übersetzt von Bernd Jansa

Das folgende Interview mit Nobuyoshi Tamura Sensei wurde in zwei Teilen geführt. Die erste Sitzung war am 2. August 1983 in Marseille in Frankreich mit Herrn Didier Boyet als Interviewer. Der abschließende Teil des Interviews wurde von Stanley Pranin am 29. August 1984 im AIKI-News-Büro in Tokyo gehalten.

Sie waren einer der Uchideshi von O’Sensei kurz nach dem Krieg. Würden Sie bitte das Hombu Dojo zu dieser Zeit beschreiben?

Ich bin mir sicher, dass da noch Leute sind, die sich daran erinnern, dass das Hombu Dojo zu jener Zeit ein großes, hölzernes Gebäude war, welches an das Wohnhaus von Ueshiba Sensei angebaut war. In der Nische am Eingang hing eine Rolle mit einem Drachen darauf, wofür O’Sensei selbst Model gestanden hatte. Zur Rechten dieser Rollen waren Bokken, Jo, hölzerne Gewehre (Juken), und Trainingsstökker aufgereiht. Dann waren da hölzerne Streifen, auf denen die Namen der Inhaber schwarzer Gürtel-Ränge standen, stolz zusammen einer gegen den anderen auf der rechten oberen Wand aufgehängt. An der linken Wand war ein großes Blatt Papier mit den künstlerisch geschriebenen Dojo-Regeln, welche uns glühend anleuchteten.

Die vordere Hälfte des Dojos war ein hölzerner Flur, welcher, wie berichtet wurde, in früheren Tagen für die Kendo-Praxis benutzt wurde. Wir Anfänger machten unsere Übungen auf diesem hölzernen Flur. Auf der anderen Seite des Dojos lebten verschiedene Familien, welche im Krieg ausgebombt wurden.

Da waren 14 bis 15 Schüler und der damalige Doshu, der die Klasse unterrichtete. Die Atmosphäre war freundlich und ich konnte nicht glauben, dass dieses Dojo viele Jahre zuvor einmal das „Höllen-Dojo“ genannt wurde. Zu dieser Zeit lebten dort Menschen im Dojo, kochten dort und pendelten zur Arbeit oder zur Schule. Wir kamen zu diesem Dojo ganz einfach deswegen, weil man dort kostenlos bleiben konnte. Man kann nicht sagen, dass unsere initiale Motivation dort zu sein, dem Wunsch entsprang, Uchideshi zu werden.

In welchem Jahr war das?

Ich glaube, es war ungefähr 1953 oder 1954. Wie andere auch pendelte ich anfangs zum Dojo. Als ich 16 Jahre alt war, starb mein Vater und ich verlies das Haus, um unabhängig zu werden. Ich erhielt Hilfe von vielen Menschen an verschiedenen Stellen. Manchmal mietete ich einen Raum und manchmal lebte ich von anderen Leuten. Ungefähr zu dieser Zeit wollte Seigo Yamaguchi Sensei in seine Heimatstadt zurück, um zu heiraten. Ich wurde gefragt, ob ich in der Zeit seiner Abwesenheit auf seine Wohnung für die Zeit von ungefähr einem Monat aufpassen würde. Er sagte auch, dass ich seinen Reis essen dürfte. Es war ein sehr unerwartetes Ereignis und ich sagte sofort zu. Ein Monat ging schnell vorbei und Yamaguchi Sensei kehrte mit seiner Frau zurück. Im Ergebnis dessen hatte ich keine Bleibe mehr. Wie ich mich nun fragte, was zu tun sei, schlug mir der Sensei vor, im Dojo zu übernachten. Ich fragte ihn, wie viel dies kosten würde. Er sagte, dies wäre frei. Ich sagte: “Frei? Wirklich? Bitte erlaubt mir, dies zu tun!“. Und dann wurde ich in kürzester Zeit Uchideshi.

Wer unterrichtete zu dieser Zeit?

Weil der aktuelle Doshu der Kopf des Dojos war, unterrichtete er die Klasse. Wir nannten ihn „Wakasensei“ (junger Sensei) in diesen Tagen. Natürlich nannten wir Morihei Sensei „O’Sensei“. Zu dieser Zeit waren diese beiden die einzigen Lehrer im Hombu Dojo und so dachte ich, dies wären auch die einzigen Aikido-Lehrer überhaupt.

Kam O’Sensei jeden Morgen ins Dojo?

Als ich sagte früher, als sein Haus noch direkt am Dojo war, tauchte er im Dojo auf, wenn der Doshu gerade unterrichtete, zeigte 2 bis 3 Techniken und verschwand dann wieder wie der Wind. Manchmal unterrichtete er die ganze Klasse. Aber bei Gelegenheit sprach er auch über die Hälfte der ganzen Trainingszeit. Zu diesen Zeiten, wenn wir trainieren wollten, waren wir nicht mehr in der Lage aufzustehen, da unsere Beine taub waren. Wenn er in Tokyo war, war es auch so. Aber O’Sensei lebte gewöhnlich in Iwama. Seit seinen häufigen Reisen nach Tokyo, der Kansai-Region (Osaka-Kyoto) und wenn angefragt auch so weit wie Kyushu, war es schwer, täglich Unterricht bei ihm zu erhalten.

Verhältnismäßig gesagt, wie lange verweilte O’Sensei an jedem Ort?

Naja, da waren Zeiten wenn er in Tokyo war für eine Woche oder aber einen Monat und zu anderen Zeiten war er zwei oder drei Tage da und ging dann in die Kansai-Region. Deswegen ist es schwierig für mich, ihnen eine genaue Angabe des Verhältnisses zu machen. Wenn O’Sensei reiste, wurde er immer von jemand begleitet. Diese Reisen mit O’Sensei gingen weit bis Shizuoka, Osaka oder Shingu oder gingen nach Iwama, um ihn nach hause zu bringen und dann gleich wieder zurückzukommen. Folglich sagten einige Leute oft, es wäre eine harte Arbeit, O’Sensei zu begleiten. Ich war froh, dies zu tun. Dadurch konnte ich an schönen Orten sein, delikate Speisen essen und wurde bevorzugt behandelt wo immer ich hinging. Ein junger Mensch wie ich hätte normalerweise keine Chance, eine solche Aufmerksamkeit zu erhalten noch hätte irgendjemand Notiz von mir genommen. Ich war sehr glücklich, seitdem ich O’Senseis Begleiter war. Ich war eben noch ein Kind. Ich bin mir sicher, Sie möchten mich fragen über die wunderschönen Erfahrungen, die ich vielleicht nach Ihrer Vorstellung als O’Senseis Begleiter hatte. Doch dies waren die Dinge, die mir zur damaligen Zeiten am meisten bedeuteten (Lacher).

Was war es für ein Gefühl für O’Sensei als Uke zu fallen?

Ich war glücklich, als mich O’Sensei das erste Mal für Ukemi nahm. Ich fühlte mich plötzlich groß und hart, dass letztlich ich als einer von den Senior-Schülern ausgewählt wurde. Seitdem ich als Uke genommen wurde, konnte ich unterscheiden zwischen dem Gefühl geworfen zu werden von jemand und dem Gefühl geworfen zu sein. Deswegen, denke ich, hatte ich einen Vorteil, den die anderen nicht hatten.

In den alten Tagen lernten wir nicht, wie man Ukemi macht, so wie die Leute heute. Ukemi war etwas was man lernte, indem man geworfen wurde. Was man natürlicherweise lernte, wenn man geworfen wurde, wurde damals als wahres Ukemi betrachtet. Ich denke nicht, dass die damaligen Methoden des Aikido-Unterrichts sehr systematisch waren. Mag sein, dass es systematisch war, dann habe ich davon keine Notiz genommen. Wenn O’Sensei damals ins Dojo kam, dann warf er uns einen nach dem anderen und gab uns auf, diese Technik zu üben.

Am Anfang wussten wir nicht, welche Art von Technik er da machte. Wenn ich mit Senior-Schülern übte, warf er mich zuerst. Und dann sagte er: „Du bist dran!“. Aber ich wusste nicht, was ich machen sollte. Während ich kämpfte, um ihn zu werfen, demonstrierte O’Sensei bereits die nächste Technik. Während der ersten Periode meines Trainings, was eine lange Zeit war, wurde ich nur geworfen und hatte Schmerzen zu erleiden. Ich brauchte ein oder zwei Jahre Zeit, bis ich die Techniken ein wenig voneinander unterscheiden konnte. Ich war froh, eine Technik zu verstehen, da zeigte O’Sensei schon die nächste Technik, die ich nicht kannte. Weil ich keine Fragen stellen konnte, wie z.B.: “Sensei, ich habe diesen Punkt nicht verstanden“, wartete ich auf das nächste Mal, wenn er diese Technik vorführte. Wenn ich ihn gefragt hätte, hätte er vielleicht sogar etwas erklärt. Aber ich dachte, dass so etwas nicht möglich ist. Vielleicht war es sogar besser, die Punkte, die wir nicht verstanden hatten, in unserem Geist zu überdenken, als die Technik bis ins kleinste Detail noch einmal vorgeführt zu bekommen und sie bald darauf zu vergessen. Wir waren dadurch in der Lage, einige Tage später die Antwort durch uns selbst zu finden. Da war auch die Tendenz zu versuchen, bei der nächsten Demonstration dieser Technik durch O’Sensei, diese nicht zu verpassen.

Lassen Sie mich über einen bestimmten Vorfall sprechen. Eine Person sagte folgendes zu O’Sensei: „Sensei, immer wenn ich denke, ich bin in der Lage die Technik während der Übungen im Dojo auszuführen, fand ich für mich selbst heraus, dass ich dies aber nicht zu hause kann.“ Der Sensei lachte und antwortete ihm: „Weil ich mein Ki an jene binde, die mit mir trainieren, können sie es im Dojo aber nicht bei sich.“ Ich erinnere mich, dass ich es lächerlich fand, dass wir ohne O’Sensei nicht kämpfen können sollten. Immer wenn ich dachte, ich habe eine Technik gemeistert war ich mir nicht sicher, ob es auch derselbe Weg war, wie O’Sensei es getan hätte. Ein halbes Jahr und dann ein Jahr vergingen auf diese Weise. Folglich haben die, welche zum Training kamen und die Senior-Schüler mir unterschiedliche Punkte gezeigt und jeder sagte etwas anderes. Weil die Möglichkeiten der Individuen zu Verstehen unterschiedlich sind, haben sie, wenn sie eine Technik sahen, sie verschieden verstanden. So dachte ich, es ist besser zu warten bis O’Sensei diese Technik das nächste Mal zeigt.

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