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Warum unternimmt denn keiner was?

von Russell Pearse

Published Online

Übersetzt von Stefan Schröder

Vor kurzem ereignete sich etwas, das mir wieder einmal vor Augen geführt hat, warum ich Aikido erlerne. Dieser Vorfall ereignete sich in einem Schwimmbad in unserer Nachbarschaft, in dem meine Kinder Schwimmunterricht bekommen. Es war ein normaler Sonnabendmorgen, dutzende Kinder waren zum Schwimmen gekommen und ihre Eltern säumten den Beckenrand. Eine Frau ging nun zwischen den Leuten umher, berührte sie auf dem Kopf und sagte: “Gott ist Liebe.”

Und so machte sie weiter, berührte Kopf nach Kopf, ein Tun, das zwar nicht sehr bedrohlich, aber doch etwas verwirrend war. Sie näherte sich einer Gruppe Kinder, die sich vor dem Schwimmunterricht versammelt hatten und begann auch die Köpfe der Kinder zu tätscheln. Ein Angestellter der Badeanstalt kam auf sie zu und bat sie damit aufzuhören. Sie weigerte sich. Er griff nach ihrem Arm und wiederholte seine Aufforderung. Sie drehte sich schnell, hielt ihn fest und versuchte ihn in dem Pool zu stoßen. Er befreite sich aus ihrem Griff und daraufhin sprang sie voll bekleidet in das Becken. Dort fuhr sie fort, die Kinder auf dem Kopf zu berühren, die versuchten um sie herum zu schwimmen.

Sie durchkreuzte die Schwimmbahnen und kam in die Nähe der Bahn, in der meine Tochter schwamm. Ich kam näher, um eingreifen zu können. Ich fühlte, dass sich mein Beschützerinstinkt um so stärker rührte, je näher sie meiner Tochter kam. Die meisten Eltern beobachteten die Frau nun genau und die Kinder versuchten weiter, einen großen Bogen um sie zu machen. Mehrere Mitarbeiter forderten sie nun zum Verlassen des Pools auf und die Kinder in Ruhe zu lassen. Einer von ihnen, ein junger Mann, ging in den Pool und griff ihren Arm, um sie heraus zu führen. Sie war eine große und beleibte Frau und ihm überlegen.

Mittlerweile waren die Leute etwas unruhig geworden und einige Badangestellte waren nun am Beckenrand damit beschäftigt, die Frau zum Verlassen des Beckens zu bewegen. Sie bespritzte sie mit Wasser und sagte: “Gott ist Liebe.” Der junge Mann im Pool versuchte erneut sie zu greifen, doch plötzlich wurde sie aggressiv und schrie in wütend an: “Nein!” In diesem Augenblick änderte sich die Situation und wendete sich von seltsam und unruhig in eine potentielle Gefahr, insbesondere durch die Anwesenheit der vielen Kinder. Die Gemütsverfassung der Frau war in einem Augenblick von ruhig zu aggressiv umgesprungen.

Mir wurde klar, dass niemand dort war, der die Situation kontrollieren konnte, die meisten Leute hielten sich einfach zurück und sahen zu, während die Angestellten nicht in der Lage waren, ihre Autorität durchzusetzen. Ich entschied, dass etwas getan werden müsste und kam auf eine Gelegenheit lauernd näher. Die Chefin der Angestellten langte nach der Frau und griff ihren Arm, während sie sagte: “Kommen sie aus dem Pool, die Polizei ist auf dem Weg.” Die Frau stiess vor, packte ihren Arm und versuchte sie zu sich in den Pool zu ziehen. Ich trat vor und fasste ihr Handgelenk. Jemand kam mir zu Hilfe und griff nach ihrem Arm. Gemeinsam zogen wir sie aus dem Wasser. Während sie sich wand, gelang es mir den Griff zu wechseln und den Sankyo-Hebel anzuwenden. Vor dem Moment an hatte sich die Situation auf subtile Weise geändert. Die Umstände hatten sich von einer vagen Unberechenbarkeit in etwas gewandelt, mit dem ich auf konkrete Art und Weise umgehen konnte. Ich hatte sie im Sankyo und konnte nun die weiteren Ereignisse beeinflussen.

Eine der Angestellten und Eltern griffen nach ihr, um sie hochzuheben und wegzutragen, aber ich sagte: “Nein, lasst sie aufstehen.” Als sie aufstand, verstärkte ich den Hebel und befahl ihr: “Kommen Sie mit mir.” Ich führte sie vom Areal des Swimming-Pools, weg von den Kindern. An einer niedrigen Gartenmauer angekommen sagte ich ihr: “Setzen Sie sich”, während ich den Druck auf ihr Handgelenk und ihren Unterarm so veränderte, dass sie folgen musste.

Als sie bemerkte, dass sie sich nicht mehr rühren konnte, fing sie an sich zu wehren und meine Hand zu kratzen, während sie irgendetwas nuschelte und unzusammenhängende Stoßgebete von sich gab. Sie versuchte vergeblich mein Gesicht zu erreichen. Sie durchschritt nun schnell nacheinander wechselnde Stimmungen von Aggression zu Passivität, Wüten und Bitten, Anstrengung und Irrationalität. Sie stammelte unablässig: “Gott ist Liebe … Der Herr ist mein Hirte … Dir werden deine Sünden vergeben … Errettet die Kinder …” Ihre Augen waren weit aufgerissen und starr und schienen nicht mehr viel von der Umgebung wahrzunehmen, außer der Tatsache, dass ich jede ihrer Bewegungen unterband. Ein paar Mal versuchte sie aufzustehen und ihr Gewicht und ihre Stärke gegen mich zu wenden, aber eine geringfügige Erhöhung der Drucks auf ihr Handgelenk und ein “bitte setzen Sie sich” reichten, um sie zu kontrollieren.

Ich hielt sie für fünfzehn Minuten in diesem Griff, dann traf die Polizei ein. Ich entließ sie und sie stand sofort auf und versuchte zu fliehen. Die drei Polizisten schafften es dann mit Schwierigkeiten, sie wieder hinzusetzen und ihr Handschellen anzulegen. Später erfuhr ich, dass sie die Mutter eines der Kinder war. Noch am vorherigen Tag hatte sie in der Schule ihres Sohnes Küchendienst gehabt. Aber irgendetwas muss mit ihr passiert sein, irgendetwas war ausgeklinkt und wandelte sie von rational zu irrational. Es war eine beunruhigende Erfahrung und ich erinnere mich noch genau, dass ich in ihre blauen Augen sah und wußte, dass sie nicht bei sich war. Es gab dort kein Begreifen oder Selbstbewußtsein oder Bewußtsein ihrer Umgebung; sie war einfach unkalkulierbar.

Seitdem habe ich oft über die Verletzlichkeit unseres Sinnes für die Realität nachgedacht und darüber, ob ich richtig gehandelt habe. Wir erwarten von den Menschen sich auf vorhersehbare Weise zu verhalten und wenn wir auf eine solche Unberechenbarkeit stoßen, zwingt mich das zur Hinterfragung meiner Taten. Mir wurde klar, dass die meisten Menschen nicht mit einer solchen Situationen umgehen können, sich zurückhalten und warten, bis jemand etwas unternimmt, darauf hoffend, dass schon alles in Ordnung kommen wird. Ich habe festgestellt, dass Aikido mir einige Werkzeuge in die Hand gibt, mit denen ich eine Situation beeinflussen kann. Das war natürlich nur ein kleiner Zwischenfall ohne Gewalt, dennoch gab es eine unterschwellige Unruhe, eine Gefahr oder das Potential für Gewalt. Aikido hat es mir ermöglicht die Frau zu kontrollieren und diese mögliche Eskalation zu neutralisieren. Auf ruhige und friedliche Weise zwang ich sie, ohne dass irgendwer Schaden genommen hätte, außer vielleicht einer für sie kurzfristigen Unbequemlichkeit.

Mir ist auch klar geworden, dass man mit dem Training Verantwortung übernimmt. Allzuoft stehen die Leute am Rand und warten darauf, dass jemand etwas tut. Ich will damit nicht sagen, dass wir nun in die Bresche springen und uns zum Ziel von potentieller Gewalt machen sollen, aber manchmal muss jemand die Verantwortung übernehmen, bevor die Dinge außer Kontrolle geraten. Ich habe nun einen größeren Respekt vor der Polizei und anderen Kräften, deren Job es ist, sich aus der Menge herauszulösen und zu handeln, trotz der Gefahr und trotz der Möglichkeit verletzt zu werden. Polizisten sind dazu ausgebildet einzuschreiten, aber wenn die Polizei nicht da ist, wer soll dann eingreifen? Ermöglicht uns das Aikido in einer solchen Situation ihrer Herr zu werden und wenn ja, tragen wir dann auch eine größere Verantwortung zum Handeln?

Wir hören oft von Situationen in denen Menschen nicht eingreifen. Ich erinnere mich an die Geschichte einer Frau, die in New York auf offener Straße von einer Jugend-Gang verprügelt und vergewaltigt wurde. Trotz ihrer Schreie und ihres Weinens um Hilfe, stand ihr niemand bei und niemand rief die Polizei. Man sollte annehmen, dass mindestens ein Dutzend Leute in benachbarten Wohnungen ihr Rufen gehört haben müssen, aber alle haben wohl angenommen, dass sich jemand anderes darum kümmern würde.

Ich denke, dass es im Aikido auch viel um Achtsamkeit und Verantwortung geht. Von einfachen Dingen, wie darauf zu achten, ob etwas aufgeräumt oder gereinigt werden muss und es dann einfach selbst zu tun, bis zu der aufmerksamen Wahrnehmung unserer Umgebung, damit wir unsere Partner verantwortungsvoll behandeln und sie nicht inmitten anderer Trainierender werfen. Es geht um das Beachten der Fähigkeiten und Schwächen unserer Partner und die Übernahme von Verantwortung für ihr Wohl und sie nicht zu verletzen. Es geht um das Achten auf möglicherweise gefährliche Situationen und Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sie vermieden und neutralisiert werden.

Aikido ermöglichte mir der Situation angemessen zu begegnen. Ich konnte in einer vergleichsweise harmlosen Situation mild reagieren. In einer gefährlicheren Situation hätte mir Aikido auch ermöglicht mit stärkeren Werkzeugen zu antworten. Dies erinnert mich an eine Situation, in die ein mir bekannter erfahrener Karateka geriet. Er hatte sich während einer Fahrt mit dem Auto den Ärger dreier weiblicher Verkehrsrowdys zugezogen. Als er seinen Wagen anhielt, stoppten sie ebenfalls und attackierten ihn. Ihm war klar, dass er nicht zurückschlagen durfte, da ein Karateschlag oder -tritt ihnen ernsthafte Schäden oder Schlimmeres zugefügt hätten. Ihm war auch klar, dass er vom juristischen Standpunkt aus, als tödliche Waffen gehandhabt wurde und der Gebrauch seiner Fähigkeiten hätte ihm Klagen eingebracht. Als Konsequenz verteidigte er sich nur und landete im Krankenhaus.

Aikido handelt davon, die Wahl zu haben, die Linie zu verlassen und sich selbst in eine Position zu bringen, in der man noch mehrere Möglichkeiten hat, der Situation Herr zu werden. Die Option zu haben, einen Atemi oder Schlag anzuwenden, einen Hebel oder Wurf anzuwenden oder einfach wegzugehen. Wir trainieren, um mit Gewalt und Aggression umzugehen und auf eine angemessene Weise darauf zu reagieren. Die geschilderte Situation am Beckenrand konnte mit einem sanften Sankyo-Handgelenkhebel beherrscht werden, eine größere Gefahr wäre auf eine stärke Gegenwehr gestoßen.

Für mich besteht unter anderem darin die Großartigkeit und Schönheit des Aikido als Kampfkunst. Es ist bereits viel über das Aikido als Kunst der Harmonie und des Friedens gesagt worden. Ich habe einen kleinen Einblick in dieses Konzept erhalten, indem ich feststellte, dass Aikido eine ausgewogene Antwort in dieser Situation bot. Wir fügen uns der Situation und die Energie des Angreifers wird gegen ihn selbst gelenkt.

In jeder Situation gibt es viele Optionen und Möglichkeiten. Wenn jemand etwas unternehmen muss, warum dann nicht wir?