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André Nocquets Rückkehr nach Japan

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Aiki News #85 (Summer 1990)

Übersetzt von Stefan Schröder

1955 reiste ein französischer Judoka mittleren Alters übers Meer nach Japan. Er wurde der erste ausländische Uchi-Deshi unter Morihei Ueshiba, dem Gründer des Aikido. Er blieb nahezu drei Jahre im Aikikai Hombu-Dojo und führte ein demütiges, ernsthaftes Leben zu den Füßen des Meisters. Was motivierte diesen Franzosen mit dem stählernen Durchhaltewillen zu einem solch beschwerlichen Abenteuer? Was lehrte ihn Morihei Ueshiba? Aiki News hat zwei Tage mit André Nocquet-Sensei verbracht, der heute eine der Säulen des französischen Aikido ist, um die Antworten auf diese Fragen zu finden. Wir präsentieren hier eine Sammlung von Herrn Nocquets Erinnerungen aus diesen aufregenden Tagen und von den vielen Meistern, die seine Freunde wurden. Wir erhalten so auch einen Einblick in die spirituelle Natur von O-Sensei, wie er sie einem seiner hingebungsvollsten Schüler vermittelte.

Einführung in Jujutsu

Ich habe 1937 bei Professor Feldenkrais mit dem Jujutsu begonnen. Ich hatte vorher Griechisch-Römisches Ringen geübt und hatte wenig Vertrauen in Jujutsu. Prof. Feldenkrais lud mich ein, auf der Matte ein paar Dinge auszuprobieren und ich griff ihn dann an. Er hat bei mir ein paar Gelenkhebel angewendet und ich war wirklich unterlegen. Später kam ein japanischer Lehrer, Kawaishi-Sensei, in sein Dojo in Paris, um zu unterrichten. Herr Kawaishi hat das Judo in Frankreich begründet. Ich wurde Kawaishis 17. Schüler. Er kannte sich auch im Jujutsu gut aus. Er starb an der Parkinson-Krankheit; ich glaube, als er Mitte 60 war.

Tadashi Abe

Tadashi Abe begann sehr jung mit dem Aikido. Sein Vater war ein Schüler von Ueshiba-Sensei und sagte ihm, er solle auch beim Meister lernen. So traf er Meister Ueshiba. Er war ein Fanatiker, wie ein Samurai. Er war bereit für den Krieg. Hätte der Krieg noch länger gedauert, dann hätte er die Gelegenheit ergriffen. Er gehörte zu einer Kleinboot-Kamikaze-Einheit. Diese kleinen Boote waren mit Bomben bestückt. Doch der Krieg endete und er überlebte. Er hatte das Temperament eines Kamikaze-Soldaten. Er kämpfte viel. Er war ein angsteinflößender Typ.

Abe kam nach Frankreich und blieb einige Jahre. Er machte Abstecher nach Italien und in einige andere Länder. Er sprach ganz gut Französisch. Er hatte an der Waseda-Universität studiert und auch einige Zeit an der Sorbonne. Er war sehr intelligent. Sein Aikido war sehr hart und linear, nicht rund. Er verletzte die Leute manchmal leicht. Er liebte es zu kämpfen und suchte deswegen Streit… Er ist recht rational an die Techniken herangegangen, ähnlich wie beim Judo. Als ich einmal Ueshiba-Sensei fragte, welches die dritte Bewegung der dritten Serie war, lachte er und sagte, es gebe im Aikido keine Serien, die Kunst ist ein Ganzes. Kawaishi-Sensei hatte ein rationales System aus dem Judo entwickelt und riet Abe das gleiche zu tun. Abe unterrichtete auch in Kawaishis Dojo in Paris. Tadashi Abe hat das Aikido in Frankreich aufgebaut und dabei große Schwierigkeiten überwunden. Er reiste oft nach Italien, manchmal in die Schweiz. Er ging überall hin.

Abe vergötterte O-Sensei. Er hatte immer ein Foto von O-Sensei bei sich. Er sagte, solange man ein Foto von Ueshiba-Sensei trüge, würde man niemals verletzt.

Ich habe viele Erinnerungen an Tadashi Abe … daran wie wir gemeinsam aßen und Wein tranken. Um uns dann zu danken, sagte er: “Wir werden gemeinsam nach Montparnasse gehen.”

Er trank dann bis drei Uhr morgens Cointreau. Ich sagte: “Laß’ uns jetzt aufhören.” “Nein, noch einen.” Dann würde er noch einen trinken und plötzlich umkippen. Ich mußte ihn über die Schulter werfen und ihn im Taxi nach Hause bringen. Wir legten ihn ins Bett und er rührte sich nicht mehr. Am nächsten Tag rief er mich dann um 11 Uhr an und sagte: “Entschuldigen sie, Herr Nocquet, ich habe letzte Nacht zuviel getrunken.”

Als ich nach Frankreich zurückkehrte, ersetzte ich ihn. Er sagte: “Nocquet, ich gehe nach Italien. Sie übernehmen meine Kurse hier.” Eines Tages, 1959 oder 1960, kehrte er dann nach Japan zurück. Ich glaube via USA. Ich habe ihn nie wiedergesehen. [Später] hat er ein Import-Export-Geschäft mit Verbindungen nach Hong Kong geleitet. Er war unglaublich! Ich war für etwas über drei Jahre alleinverantwortlich für das Aikido in Frankreich und Europa.

Training in Japan

Tadashi Abe hatte mir empfohlen nach Japan zu gehen, um Meister Ueshiba zu treffen. Ich war bereits 40 Jahre alt, als ich ging. Ich blieb fast drei Jahre und lebte die ganze Zeit beim Meister, ohne Hotel. Ich lebte auf den Tatamis, aß japanisches Essen… Es war schwer für einen Westler wie mich. Außer mir war dort keiner. Der Aikikai bestand aus vielleicht 60 Leuten, nicht mehr. Ich war zu der Zeit Ueshibas einziger Uchi-Deshi. Ich kam 1955 herüber und Japan war noch sehr schwach, niemand hatte Geld. Die Lage war ernst und Ueshiba-Sensei war arm. General MacArthur hatte alle Dojos geschlossen. Das Aikido stand noch am Anfang. Meister Ueshiba sagte zu mir: “Besuche alle Botschaften in Tokyo und bitte die Abgesandten zu mir zu kommen. Ich werde dann für sie eine Vorführung abhalten.” Ich tat das und brachte sie zu ihm. Ich habe viel für das japanische Aikido geleistet…

Ich glaube, ich war der einzige, der jeden Tag mit dem Meister im gleichen Haus schlief. Später kamen Nobuyoshi Tamura und Masamichi Noro, der heute Ki no Michi unterrichtet, hinzu und schliefen auch im Dojo. Mein Trainingspartner war Tamura-Sensei. Wir hatten zu der Zeit beide den ersten Dan. Noro trug einen braunen Gurt. Wir sind jeden Tag um 5 Uhr aufgestanden und haben im Dojo gearbeitet. Frau Ueshiba, die Gattin von Kisshomaru, bereitete dann das Frühstück für uns. Sie war sehr bewegt, als sie mich kürzlich nach 32 Jahren wiedersah.

O-Sensei über Religion

Eines Tages sagte ich zu Ueshiba-Sensei: “Immer beten Sie, Ueshiba-Sensei. Dann ist Aikido wohl eine Religion.” “Nein, das ist nicht wahr. Aikido ist keine Religion, aber wenn Du ein Christ bist, dann bist Du mit Aikido ein besserer Christ. Wenn Du ein Buddhist bist, dann bist Du ein besserer Buddhist.” Ich hielt das für eine erstaunliche Antwort. Mit gefiel das. Da er Japaner war, hatte ich befürchtet, er könnte das Christentum für belanglos erklären. Ueshiba-Sensei hatte großen Respekt vor Christus. Ich lebte in einem 4-Tatami-Raum im Dojo und er klopfte an meine Tür und kam herein. Er setzte sich neben mich und ich hatte ein Porträt von Jesus Christus. Er faltete dann seine Hände in einer Geste des Respekts. Ich fragte ihn auch, ob es Gemeinsamkeiten zwischen seinen Prophezeiungen und denen von Christus gebe. Er antwortete: “Ja, denn Jesus sagte, dass seine Technik Liebe heißt und ich, Morihei, sage auch, dass meine Technik Liebe ist. Jesus schuf eine Religion, ich nicht. Aikido ist eher eine Kunst als eine Religion. Aber wenn Du mein Aikido beharrlich übst, dann wirst Du ein besserer Christ.” Ich fragte daraufhin: “Sensei, soll ich ein Christ bleiben?” Er antwortete: “Ja, natürlich. Du bist als Christ in Frankreich aufgewachsen. Bleibe Christ.” Wenn er mir gesagt hätte, ich solle ein Buddhist werden, dann wäre ich verloren gewesen. Mein Herz wurde durch Ueshiba-Sensei gefüllt, denn er hatte eine Vision von einer Welt und dass wir alle seine Kinder seien. Er nannte mich seinen Sohn.

Das Geistige gegenüber dem Körperlichen im Aikido

Wenn in das Aikido kein Geist und kein Herz gelegt werden, dann ist es nur eine körperliche Übung, denn es gibt keinen Wettkampf. Beide Elemente sind in Ueshiba-Sensei vereint. Es ist klar, dass die Technik wichtig ist, aber sie bleibt sekundär… Gleichwohl, hätte Ueshiba-Sensei nur Geist gezeigt, als ich in 1955 das erste Mal sah, dann wäre ich nicht geblieben. Aber als ich sein Tun sah und wie er jeden beherrschte, da wußte ich, wie außergewöhnlich er war. Ich habe es am Anfang nicht glauben können. Ich habe eines Tages gesehen, wie er Nikyo anwendete und ich sagte mir, dass er nur ein alter Mann ist und er das mit mir nicht machen könnte, ich hielt mich für stark. Aber als er es tat, da fiel ich zu Boden. Und Tamura war es, glaube ich, der mir dann sagte: “Du darfst Dich nicht wehren! Sonst tötet er Dich!” Ich entschuldigte mich, denn O-Sensei spürte meinen Widerstand. Er war anders als alle anderen. Tamura-Sensei und ich hatten unterschiedliche Visionen vom Aikido. Später sagte er mir: “Ich war 18 Jahre alt und wollte hart trainieren, Nikyo, Sankyo … aber nicht diese ganzen spirituellen Sachen.” Ich habe keinen Japaner jemals über den Geist des Aikido reden hören. Das ist wahr. Aber ich war höchst interessiert am Geist … Die Idee, den Angreifer mit seinem Herzen zu umschließen, lieber das Herz als das Schwert zu projizieren. Ich werde bald ein Buch veröffentlichen mit dem Titel “Coeur-épée (Das Schwert des Herzens).

Gesichter, an die man sich erinnert.

Itsuo Tsuda

Als ich 1955 nach Japan kam, hat Herr Georges Duhamel (ein berühmter französischer Schriftsteller) mir eine Empfehlung für des Ministerium für Äußere Angelegenheiten geschrieben. Ich ging dorthin und bat um einen Übersetzer, der gut Japanisch und Französisch beherrschen sollte. So jemanden gab es und dieser Mann war Itsuo Tsuda. Ich sagte ihm, er solle mit mir den Aikikai besuchen, um Meister Ueshiba zu besuchen und dort mein Übersetzer sein. So lernte er O-Sensei kennen. Das war 1955 oder 1956. Er arbeitete damals für die Air France. Wenn er da war, übersetzte er für mich die Worte von Ueshiba-Sensei und ich schrieb alles in mein Tagebuch. Zu der Zeit trainiert Tsuda nicht, er begann erst nach meiner Abreise, um 1960. Danach kam er nach Frankreich. Er eröffnete dort einen Club … und schrieb sechs oder sieben Bücher auf französisch. Gegen Ende seines Lebens war er sehr krank…

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