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Dan-Graduierungen

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von Stanley Pranin

Aiki News #69 (November 1985)

Übersetzt von Stefan Schröder

Wie wir unsere Rolle als Lieferant von Meinungen und Informationen mit den Prinzipien des Aikido in Einklang bringen können, ist eine der Herausforderungen, denen wir uns bei der Publikation unserer Zeitschrift immer wieder gegenüber sehen. In einigen Interviews, die wir geführt haben oder auch anderem Material, wird sehr scharfe Kritik geübt, die wir nicht für die Veröffentlichung in unseren Aiki News geeignet halten. Wir versuchen die Uneinigkeit zwischen Individuen und Organisationen darzustellen ohne in die unschönen Details derartiger Zwistigkeiten einzutauchen. Dort wo sich legitime Sorgen für alle ergeben bieten wir unsere Gedanken und Ansichten an und wollen diese - auch wenn sie kritisch sind - auf eine Art und Weise vorbringen, die ein konstruktives Ergebnis ermöglicht. Im Aikido gilt das gleiche wie im täglichen Leben: Die “Verpackung” ist mindestens genauso wichtig wie der “Inhalt”. Nach diesen einführenden Bemerkungen möchte ich ein Thema anschneiden, dass beinahe jeden in der Gemeinschaft der Kampfkünstler betrifft, der den Status quo verbessern möchte.

Das Thema? Dan-Graduierungen. Wenige Themen führen zu einer so emotionalen Debatte wie die Anerkennung von Fähigkeiten und von Diensten durch die Vergabe von Dan-Graden. Im Aikido gibt es - wie in jeder Kampfkunst - Individuen, die eindeutig kompetent sind, und andere, deren Hintergrund und Herkunftsangaben nicht einmal einer oberflächlichen Prüfung standhalten.

Wer seine Qualifikation zur Lehre der Kampfkünste belegen will, der wird zwangsläufig seine Legitimation irgendwie beweisen wollen. Üblicherweise nennen diese Leute ihre Lehrer und die Zahl ihrer Jahre in dieser oder jener von ihnen geübten Kampfkunst. Oftmals sind Graduierungszertifikate an einer prominenten Stelle in ihrer Schule bzw. Wirkungsstätte angebracht. Im Gegensatz dazu gibt es jene Lehrer, deren Kampfkunst-Hintergrund sehr facettenreich ist und die für kürzere Zeiten bei verschiedenen Lehrern unterrichtet wurden. Diese haben keine Zeugnisse und können keinen spezifischen Lehrer als Quelle ihrer Unterrichtsmethode benennen. Ein anderer Grund, der die Erläuterung der eigenen Erfahrungen erschweren kann, ist ein Persönlichkeitskonflikt zwischen Lehrer und Schüler, der den Schüler letztlich von seiner Schule abgeschnitten haben kann. In dieser Kategorie “traditionsloser” Individuen findet man hin und wieder kompetente Kampfkünstler mit einzigartigen und überzeugenden Methoden, ebenso allerdings auch Scharlatane. Faszinierend ist das offenbar universelle Bedürfnis seinen eigenen Ruf zu rechtfertigen. Das geht soweit, dass man sich eine falsche Vergangenheit zulegt. Mindestens ein halbes Dutzend Namen fallen einem dazu ein; manche dieser Leuten haben erfolgreiche Dojos und eine Menge Schüler, welche in seliger Unwissenheit trainieren - der Unwissenheit, dass diejenigen, in die sie ihr Vertrauen setzen, unehrlich zu ihnen sind.

Dies empfinde ich als die Krux und ich möchte einige Schritte vorstellen, die ein derartiges Vorgehen erschweren. Ich nehme - realistischerweise - nicht an, dass irgendeine der großen Kampfkunst-Organisationen diese Vorschläge umsetzt, aber vielleicht wird irgend jemand bei der künftigen Erschaffung neuer Organisationen, die mit der Vergabe von Graduierungen befasst sind, einige dieser Vorschläge berücksichtigen.

Ein großer Schritt zur Verhinderung des Missbrauchs von Dan-Graden wäre die Einführung eines Zeugnisses, das zusätzliche Informationen enthält. Welche Zusatzinformationen sollte man beifügen? Man könnte mit einer Liste der bisherigen Graduierungen beginnen, mit Datum und ausstellender Organisation. Es wäre zudem hilfreich anzumerken, ob die Vergabe des Rangs ehrenhalber oder aufgrund bestimmter (Prüfungs-)Leistungen vergeben wurde, um zwischen denen unterscheiden zu können, die aufgrund ihrer Aktivitäten zur Unterstützung und Verbreitung des Sports beigetragen haben, aber selten trainieren und jenen, die aufgrund wirklicher technischer Fähigkeit fortschreiten. Hier folgt mein Vorschlag für ein solches Graduierungs-Zertifikat:

“Otto Meier wird hiermit (ehrenhalber) der 3. Dan verliehen, etc.”
Datum: 15. September 1985 Ausstellende Organisation: Japanische Aikido Föderation
Vorherige Graduierungen: 2. Dan 4. Januar 1982 Japanische Aikido Föderation,
1. Dan 8. Juni 1979 Japanische Aikido Föderation

Man bedenke die Vorteile eines solchen Ansatzes und die vermiedenen Probleme. Jemand, der aufgrund politischer oder anderer Gründe ungewöhnlich schnell graduiert wird, würde sofort auffallen. Gleichermaßen würde das Überspringen von Rängen sichtbar (eine gängige Praxis im Aikido kurz nach dem Krieg). Wer die Organisation wechselt hätte dies durch den Eintrag der verschiedenen Organisationen in den “Vorherigen Graduierungen” dokumentiert. Ein weiterer Missbrauch wäre ebenfalls erschwert: Die überraschend häufige Praxis seiner Trainingskarriere Jahre hinzuzufügen, um der eigenen Glaubwürdigkeit mehr Gewicht zu verleihen.

Ein weiterer Schritt zur Verbesserung der Integrität von Organisationen wäre die Bekanntgabe der Graduierungen auf Anfrage. Kürzlich waren wir im Kodokan (Judo-Welt-Hauptquartier) und wir waren verblüfft festzustellen, dass wir detaillierte Auskünfte über den Aufstieg des Lehrers bekamen, über den wir etwas erfahren wollten. Die meisten Organisationen veröffentlichen Graduierungen in ihren offiziellen Nachrichten, sobald sie ausgesprochen werden; diese Information ist also ohnehin anfänglich öffentlich. Ich schlage vor diese Praxis zu erweitern und eine Vorgehensweise ähnlich wie im Kodokan zu praktizieren.

Ein letzter Punkt scheint mir wert erwähnt zu werden. Es ist wichtig die Graduierungszertifikate zu übersetzen (nehmen wir an, das Original ist in japanischer Sprache). Ausländische Empfänger sollten neben dem Original eine englische oder französische Fassung erhalten. Es muss nicht betont werden, dass jede zusätzliche Information über die erbrachte Leistung verloren wäre, wenn niemand diese Informationen lesen kann.

Ich hoffe, dass diese Ideen sich eines Tages als hilfreich erweisen werden und dass Organisationen, welche sie anwenden, sich des steigenden Respekts erfreuen, der sich durch die eingebaute Integrität eines solchen Dan-Vergabesystems ergibt.