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Aikido und Unabhängigkeit: Aikido ohne den Einen Wahren Meister

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von Peter Goldsbury

Aikido Journal #119 (2000)

Übersetzt von Stefan Schröder

Aikido ist eine Kampfkunst voller Widersprüche, und einige davon werden von denen produziert, die diese Kunst lehren, dies gilt insbesondere für den Unterricht von Nicht-Japanern. Ich selbst begann mit dem Aikido, weil es keine Wettkämpfe gibt. Ich hatte genug von der üblichen englischen Diät an Cricket und Rugby. Marathon zu laufen war schmerzhaft und ist zudem eine einsame Angelegenheit. Aikido schien meiner Geisteshaltung mehr entgegen zu kommen. Man brauchte einen Partner, es gab keine Wettkämpfe und so konnte jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit fortschreiten, ohne sich beim nächsten Turnier den Hals zu brechen. Stattdessen gab es nur das Training: Die gleichen komplexen Aikido-Bewegungen werden wieder und wieder trainiert, hunderte und aberhunderte von Malen. Wir stellten außerdem fest, dass Aikido in jedem Alter erlernt werden kann und die “totale Abwesenheit” von physischer Kraft forderte. Das hielt unseren Lehrer aber nicht davon ab, uns vor einer zweistündigen Unterrichtseinheit auf einen 10-Meilen-Lauf zu schicken, weil wir in so schlechter Form waren und in guter Verfassung zu sein nach seiner Meinung kein Widerspruch zu der Aussage über Kraftgebrauch im Aikido darstellt. Da ich eher ein Ausdauersportler bin, machte mir das nichts aus, aber ich widerspreche jedem der behaupten möchte, dass man für diese Anstrengungen nicht doch mehr als die “totale Abwesenheit” von körperlicher Kraft benötigt. Jetzt, 30 Jahre später, erkenne ich, dass all dies einen Platz in dem Aikido-Plan aller Dinge hat, ähnlich dem himmlischen Plan für die gesamte Menschheit.

Einer meiner Lehrer brachte mir das Aikido als eine Kunst des Wohlwollens nahe. Durch den Rhythmus von Angriff und Verteidigung tragen die Partner zum gegenseitigen Wohl bei. Aikido hat offensichtlich starke Verbindungen zum Shinto, einem alten japanischen Glaubenssystem, in dem es unzählige Vorfahren und Gottheiten gibt, deren einzige Aufgabe es ist, für das Wohlbefinden der Menschen zu sorgen. Wir erfuhren auch, dass der japanische Kaiser eine Rolle in diesen Bemühungen spielt. Gleichwohl ist der Zusammenhang zwischen dem Aikido und den Shinto-Gottheiten niemals präzise erklärt worden.

Ein anderer Lehrer stritt den Zusammenhang zwischen Aikido und dem Shinto ab und betonte stattdessen die Verbindungen zum Zen-Buddhismus. Aikido, so lernten wir, basierte auf der antiken Schwertkunst der Samurai, die alle Zazen übten. Wir sollten desgleichen tun. Wir wurden ermutigt in unglaublich schmerzhaften Haltungen zu sitzen und an gar nichts zu denken. Diejenigen, die damit Schwierigkeiten hatten, wurden durch den Schlag mit einem Instrument namens Kyosaku ermutigt. (Dieses Gerät war hart genug, um Prellungen oder sogar Blutungen zu verursachen.) Diese Übung hatte den Zweck unsere spirituelle Achtsamkeit im Aikido und seinen Techniken zu erhöhen, die immer funktionieren sollten und manchmal auch Verletzungen verursachten. Wir wurden auch zum Training mit hölzernen Schwertern, Stöcken und Messern angehalten, auch wenn wir nicht genau wussten warum; es fügte dem Training aber etwas Realismus und Schwung bei. Außenstehende sahen in unserem Lehrer ein Monster, aber seine Schüler liebten ihn. Ich glaube, von allen Lehrern die ich hatte, war er derjenige, der seine Schüler dazu zwang, sich folgende Fragen zu stellen: Warum übe ich Aikido? Möchte ich dies mit Hingabe tun? Glaube ich wirklich, dass es mein Leben ändert und wenn ja, auf welche Weise?

Wieder ein anderer Lehrer, ein wunderbarer Siebzigjähriger, der bevorzugt die jungen Heißsporne des Dojos warf, hatte nichts mit Zen am Hut. Er widersprach der These, O-Sensei habe Zazen geübt und lebte das Motto: “Ken vor Zen.” Nach seiner Auffassung sollte man die Zeit, die man mit Meditieren verbrächte, besser für Schwertübungen nutzen. Am besten mit einer traditionellen Schwertkunst wie Kantori-Shinto-Ryu. Er verbrachte allerdings auch nicht viel Zeit mit dem Aiki-Ken.

All diese Lehrer behaupteten engen Kontakt mit O-Sensei gehabt zu haben und benannten ihn als den wichtigsten Zeugen für ihre jeweilige Position. Daraufhin frage ich mich doch, wie die Lehrer der gleichen Kampfkunst, die sich der Verbreitung der Wahrheit verschrieben haben, derartig widersprüchliche Versionen des Aikido vertreten und dabei noch so unterschiedliche Lehrmethoden haben.

Der bemerkenswerte Unterschied zwischen Lehrern und Lehrmethoden führt zu weiteren Fragen, insbesondere der Angehörigen der westlichen Kultur: Welche Rolle soll der Lehrer im eigenen “Aikido-Leben” spielen? Soll man nur einen Lehrer haben? Oder viele gleichzeitig? Oder verschiedene nacheinander? Und in letzterem Fall: Wer ist der wirkliche Meister des Übenden? (Aufgrund der Gefahr sexistisch zu klingen, zögere ich den anderen Titel zu verwenden.) Gibt es im Aikido eine natürliche Entwicklung in Richtung Unabhängigkeit? Unter welchen Umständen verläßt man seinen Lehrer und wendet sich einem anderen zu?

Ost gegen West

Ich denke diese Fragen interessieren viele Aikidoka, nicht nur außerhalb Japans. Das übliche Paradigma eines “Aikido-Lebens” basiert auf erzieherischen und kulturellen Annahmen, die fundamental japanisch sind. Der künftige Aikidoka geht in ein Dojo, tritt ein und übt für den Rest ihres/seines Lebens. Der Dojo-leitende Shihan ist auf dem Weg voraus und die lebendige Verkörperung der Werte des Aikido (deswegen werden sie ja Shihan). Sie oder er übernimmt die Verantwortung für den neuen Schüler, welcher sozusagen einen [Vertrauens-]Blankoscheck unterschreibt. Selbst wenn der Neuling nur einmal in der Woche trainiert oder auch nur einmal im Monat, so wird sie/er doch immer als Deshi (Schüler) dieses Shihan angesehen und diese Beziehung vertieft sich mit den Jahren. Der Schüler eröffnet vielleicht eines Tages ein Ableger-Dojo, welches aber ein Teil der Organisation des Shihan bleibt. Wenn es aus irgendeinem Grund zum Konflikt kommt, wird die Beziehung beschädigt. Der Schüler wird in der Gruppe zur Unperson und muss entweder eine neue Gruppe finden oder das Aikido aufgeben. Es gibt erschreckend viele enttäuschte Ex-Aikidoka, auch in Japan.

In den sogenannten “westlichen” Ländern orientiert sich die Bildung an anderen Werten als in Japan, dennoch wird hier ebenfalls mit Hingabe Aikido geübt, mit anderen Werten funktioniert es also auch. Der Lehrer wird nicht als absolut hingenommen, die Schüler lernen in ihrer Kultur, dass sie eine Art Handel erwarten können. Man bezahlt seinen Beitrag, wofür man eine Gegenleistung erwarten darf. Ein Unterrichtsprogramm zum Beispiel, ein gehöriges Maß an Erklärungen, was man erwarten kann und nicht zuletzt, für Schüler mit Meistergrad, eine Anerkennung ihres Status und ein gewisses Maß an Unabhängigkeit. Schüler sind für ihre Ausbildung selbst verantwortlich und sind es gewöhnt, Entscheidungen selbst aufgrund logischer Erwägungen zu treffen, wobei der Lehrer nur eine beiläufige Rolle spielt. Das sind, selbstverständlich, westliche Standards. Ihre Anwendung oder Vernachlässigung hängt von der Vision ab, welche die (heute noch hauptsächlich japanischen) Shihan von ihrer Kunst haben.

Die aufgebrachten Fragen zeigen die unterschiedlichen Einstellungen der Lehrer und Schüler und die Wichtigkeit dieser Fragen wurde mir bei einem Seminar, welches ich kürzlich besuchte, wieder verdeutlicht. Der Gastlehrer, ein hochrespektierter Hombu-Shihan, erklärte das “homerische” Zeitalter des Aikido für beendet. Damals gingen die Schüler nach Wakamatsu-Cho und erklärten ihre absolute Hingabe an den Gründer, heute ist das Aikido mehr ein kommerzielles Unternehmen. Er betonte außerdem, dass man heute Lehrbücher bräuchte. Aikido werde heute auch in japanischen Hochschulen gelehrt und es müsse schließlich einen gemeinsamen Lehrplan geben. Die dahintersteckende Implikation ist offenbar, dass die Ausbildung nicht mehr allein dem Lehrer überlassen werden sollte. Lehrhilfen, wie Bücher und Videos, seien notwendig. Der Lehrer fügte hinzu, dass er seinen Unterricht jetzt tatsächlich vortrage. Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass der Lehrer von Japan sprach, nicht dem Ausland. Er hatte sein Aikido noch vom Gründer selbst empfangen, der nicht formal unterrichtete (in dem Sinne, das ein spezielles Thema in einer speziellen Stunde abgehandelt würde) und der für seine Techniken nicht einmal Namen gebrauchte.

Die Einstellung dieses Lehrers lag am anderen Ende des Spektrums, verglichen mit einem meiner früheren Lehrer, der ebenfalls Unterricht beim Gründer genossen hat. Er war noch im “homerischen Modus” und verlangte von seinen Schülern, sich Klarheit über ihr wirkliches Engagement zu verschaffen (nur 100% Engagement wurde wirklich akzeptiert) und sich den richtigen Meister zu suchen. Wenn man das nicht schafft, sollte man gar nicht erst mit dem Aikido beginnen. Eine Abfolge verschiedener Lehrer zu haben ist nur dann zu etwas nütze, wenn die Suche letztlich zu einem Ergebnis führt. Was ebenso daraus folgt ist: Wenn man seinen Einen Wahren Meister gefunden hat, benötigt man keine weiteren Lehrhilfen. Wie auch der Meister, der für Lehrbücher warb, hatte dieser Generationen von hoch motivierten und technisch begabten Aikido-Schülern ausgebildet.

Einer gegen Viele

Im Rest dieses Artikels werde ich die Frage diskutieren, ob dieser Lehrer Recht hat, mit einem Blick auf die vorher aufgeworfenen Fragen bezüglich Ausbildung, Engagement und Reife. Ich werde zwei Fälle betrachten:

  • Ein engagierter Schüler hat nur einen einzigen Lehrer während seiner Laufbahn.
  • Ein engagierter Schüler hat mehrere Lehrer, ob nun gleichzeitig oder nacheinander.

Ich denke hier nicht an den professionellen Aikido-Lehrer. Hierzu fühlen sich nur wenige berufen. Stattdessen denke ich an die vielen hunderte von Schülern in Japan und anderswo, die in Reichweite eines Dojos leben und deren Fokus ihres sozialen Lebens, ihres ganzen Lebens vielleicht, das regelmäßige Training ist.

Einer…

Ich nehme an, das diese erste Möglichkeit, dass also ein Schüler nur einen Lehrer hat, die Norm im Aikido darstellt, auch wenn ich das nicht beweisen kann (die Soziologie des Aikido ist noch kein anerkanntes Fach). Lediglich das Studium der Literatur und meine ureigenen Trainingserfahrungen in zehn Dojos in drei Ländern kann ich als Grund anführen. Selbst im Hombo-Dojo in Tokyo, in dem es viele Lehrer gibt, werden die Praktizierenden ermutigt bei anderen Lehrern zu üben, ohne einen Lehrer zu bevorzugen. Langzeit-Schüler werden üblicherweise einen dieser Lehrer im gewissem Sinne als “ihren” Lehrer betrachten.

Man sollte meinen, einen einzigen Lehrer während des Aikido-Lebens zu haben, hätte viele Vorteile. Man muss nur einen Stil erlernen, selbst, wenn dieser sich über die Jahre ändert; man gewöhnt sich an die Lehrmethode; Schüler und Lehrer lernen sich sehr gut kennen. Wenn der Lehrer sein Handwerk beim Begründer oder dessen Sohn erlernte, wird das technische Niveau voraussichtlich hoch sein. Ich denke, dass eine gleichbleibende Ausführungsweise einer Basistechnik am Anfang sehr wichtig ist, sagen wir: bis etwa zum 4. Dan. Das verleiht einem ein starkes und verläßliches Fundament auf dem die zukünftige Kreativität aufgebaut werden kann. Wenn man es genauer betrachtet, ist die Notwendigkeit seine eigenen Fragen, stillen Einwände und persönlichen Vorlieben zu vergessen und sich zu 100% nach dem Lehrer zu richten stets ein elementarer Bestandteil des Trainings in den Kampfkünsten gewesen. Doch es gibt die konstante Gefahr der “Verhärtung”: Die Verknöcherung der Ansichten, ähnlich der Verknöcherung der Gelenke, Hand in Hand mit einem Mangel an Reife. Der Schüler wird nicht ermutigt andere Ausführungen der gleichen Techniken, die gleichsam gültig sein können, Ernst zu nehmen. Er wird ebenso nicht ermutigt sich ein eigenes unabhängiges Urteil über diese Techniken zu bilden. Diese Urteilsfähigkeit wird wichtiger, wenn der Schüler fortschreitet und ist absolut notwendig, wenn er zu unterrichten beginnt oder sich gar von seinem Shihan lossagt.

Ein anderes Problem, das aus der fast mystischen Beharrlichkeit meines Lehrers darauf, dass man seinen wahren Lehrer finden müsse oder das Training aufgeben, ist, dass dem Schüler damit eine unangenehme Verantwortung und Freiheit aufgebürdet wird, der vielleicht nicht einmal weiss, worauf er achten muss. Der Meister könnte natürlich darauf antworten, dass wenn man seinen wahren Lehrer fände, dann würde man dies schon sofort bemerken, aber genau das ist der Punkt. Wenn der Lehrer nicht O-Sensei ist, dann wird die Angelegenheit kompliziert. Erinnern wir uns an die Zeiten der Samurai, als junge Männer nichts besseres zu tun hatten, als auf der Suche nach Abenteuern los zu ziehen und entweder als Schüler eines Meisters endeten oder tot. Es wird manchmal vergessen, dass diese Leute an der Spitze der sozialen Pyramide standen und von der Unterstützung vieler hundert Leute abhängig waren, die es sich nicht leisten konnten ihre Zeit mit der Suche nach ihrem wahren Meister zu verbringen. Ein wichtiger Aspekt des Aikido nach dem Krieg ist die Eignung für alle Menschen.

Ich denke, die wenigsten Aikido-Praktizierenden wählen ihren Lehrer bewußt aus, weil einfach außerhalb der großen Ballungsräume nicht viele Lehrer zur Verfügung stehen, selbst in Japan. Man hört vom Aikido, guckt sich das Training im nächstgelegenen Club an, tritt ein und wird so ein Mitglied einer vielleicht sogar großen Organisation, deren Kopf oft ein japanischer Shihan ist, den man aber nur während Prüfungen oder einem Sommer-Seminar zu sehen bekommt, falls es solche gibt. Von einem solchen Schüler kann auch mit viel Phantasie nicht behauptet werden, er hätte seinen Meister ausgewählt. Vielleicht hat er in gewissem Sinne eine Organisation gewählt, aber das ist eine andere Sache.

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