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Alles in Schwarz-Weiss

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von David Lynch

Aikido Journal #119 (2000)

Übersetzt von Stefan Schröder

Es war wohl eine Weltpremiere, als kürzlich zwei hochrangige japanische Sensei in Straßenkleidung in unserem Dojo unterrichteten, während alle Schüler ihre Dogi und Hakama trugen.

Diese drastische Abweichung von der Kleiderordnung erklärt sich so: Diese Sensei waren im Urlaub und hatten eigentlich gar nicht vor zu trainieren. Ich habe sie erst kurz vor Beginn der Unterrichts zur Leitung der Übungsstunde überredet, so dass keine Zeit blieb, um passende Anzüge beizubringen.

Da bei uns alle Schüler und Meister Hakama tragen, unabhängig von der Graduierung, waren die einzigen nicht korrekt verhüllten Beine die der Lehrer. Das störte sie aber überhaupt nicht und sie haben dadurch auch keineswegs den Respekt der Schüler verloren, als sie ihre Ärmel hochkrempelten, ihre Schuhe auszogen und auf die Matte traten. Es wurde eine sehr entspannte und erfreuliche Übungsstunde.

Dies war ganz anders, als ich einmal in einem Dojo in Australien beim Unterricht zuschaute. Da mich niemand gefragt hatte, habe ich mich oder meinen Rang nicht zu erkennen zu gegeben.

Als ich also zusah, kam einer der Instruktoren auf mich zu und lud mich zur Teilnahme ein, obwohl in nur Straßenklamotten trug. “Wir sehen das hier nicht so eng”, sagte er, führte mich auf die Matte und stellte mich zu einem großen, bärtigen Kerl, der mit seinem ordentlichen weißen Dogi und seinem schwarzen Hakama höchst eindrucksvoll aussah.

Ich muss im Vergleich dazu ziemlich heruntergekommen ausgesehen haben und fühlte mich gleich in mehrerlei Hinsicht unwohl, denn es war außerdem noch Hochsommer und ich begann bald zu schwitzen.

Mein Partner nahm zunächst an, ich sei ein blutiger Anfänger und schien unzufrieden, mit mir trainieren zu müssen, wurde dann aber ziemlich ärgerlich, nachdem ihn mein erster Wurf ziemlich unsanft auf den Rücken befördert hatte. Ich hatte das nicht beabsichtigt, aber er war recht steif und liess sich führen wie eine Karre Ziegelsteine. Ein heißes Training folgte und ich war mehr Flüssigkeit als Festkörper, als ich mich nach dem Training in ein Taxi goss, um ins Hotel zurückzukehren. Dennoch hat es Spaß gemacht.

Es war das erste Mal, dass ich in Straßenkleidung trainiert hatte und inkognito obendrein, aber ich bin damit wohl in guter Gesellschaft, denn es gibt einige alte Fotos von O-Sensei, die ihn ohne das korrekte Aikido-Outfit nur in Hemd und Hose auf der Matte zeigen, Die Zeiten ändern sich und heute kann man, wie ich in einem Katalog nachlesen muss, mehr als $500 für einen Luxus-Aikidogi (nur die Jacke und die Hose, also ohne Hakama) ausgeben.

In einem neuen Buch über die Geschichte der Neuseeländisch-Japanischen-Beziehungen habe ich die überraschende Tatsache gelesen, dass einige der japanischen Einwanderer, die vor über 100 Jahren nach Neuseeland kamen, Jujutsu im Zirkus vorgeführt haben! Viele davon haben sich von diesen bescheidenen Anfängen zu anständigen Bürgern gemausert.

Dies ist doch ein scharfer Kontrast zu den heutigen Aikido-Instruktoren, die, wenn sie das Ausland besuchen, Business-Class- oder sogar Flugtickets Erster Klasse verlangen, zuzüglich einer erheblichen Gebühr und diverser Spesen. Das missgönnt man ihnen nicht, denn schließlich haben sie lange für ihre Anerkennung gearbeitet. Sicherlich können sie es sich auch leisten Luxus-Dogi zu tragen…

Auf der anderen Seite haben viele der Lehrer, die in Morihei Ueshibas Fussstapfen getreten sind, bei weitem nicht seine Größe, trotz ihrer manchmal das Gegenteil behauptenden Äußerungen, denn Demut ist nicht gerade ihre Stärke. [A.d.Ü. Dieser Absatz beinhaltet ein leider unübersetzbares Wortspiel.]

Weil du sagst, du seiest reich und wohlbegütert und hättest keine Not an jedwelchen Dingen, so weisst du doch nicht, was für ein armseliger Wicht du bist, arm, blind und nackt; ich rate dir: Nimm von mir Gold, vom Feuer geprüft, auf das du reich seiest; und weisses Kleid, auf dass du dich bedeckest und deine Nacktheit verborgen bleibt; und salbe deine Augen, auf dass du sehen mögest.

Offenbarung

Alle, die wir Aikido unterrichten, fragen uns dann und wann, wie weit unsere Imitation von O-Sensei gehen soll, da wir doch weit von seinem Level der technischen und spirituellen Perfektion entfernt sind.

Er überwand mit Leichtigkeit alle Arten physischer Herausforderung und sprach über den tieferen Sinn des Lebens mit einer Überzeugung, die sich aus eigener Erfahrung speiste. Wenn er sagt: “Aikido ist Liebe”, dann hat das eine starke Wucht, wohingegen die gleiche Äußerung bei anderen uns mit einem vagen Gefühl zurücklässt: “Das ist ja alles gut und schön, aber was bedeutet das?”

Wenn wir unsere Lehre mit der des Begründers vergleichen, dann fühlen wir uns leicht, als schmückten wir uns mit fremden Federn oder, um einen japanischen Ausdruck zu verwenden, “wir Sumo-ringen mit eines anderen Lendenschurz”.

Was wir tun, sieht vielleicht so aus, was wir sagen, hört sich vielleicht so an, aber den “Weg zu gehen” ist nicht so leicht. Vielleicht ist es ein Maß für die Größe O-Senseis, dass dieses Problem für die ihm Nachfolgenden besteht.

Ich erinnere mich, dass der verstorbene Doshu einmal nach einer Demonstration sagte: “Ich habe euch gezeigt, wie man mit mehreren Angreifern umgeht, aber ich behaupte nicht, dass ich das selbst könnte.” Das scheint mir ein lehrreiches Beispiel an Ehrlichkeit und Demut zu sein.

Bis dahin vollführen wir die Bewegungen, tragen die ordentliche weiße Baumwollkleidung und erreichen unter unseren Schülern eine gewisse Glaubwürdigkeit, obwohl wir wissen, dass wir vielleicht weit vom ursprünglichen Aikido entfernt sind, das wie verblassende Kopien von Kopien immer schwieriger zu entziffern wird, je weiter die Zeit schreitet. Es auf diese Weise zu betrachten kann deprimierend sein, aber gleichsam merkwürdig befreiend.

Obwohl ich ein Jünger Buddhas geworden bin, ist mein Herz noch nicht erleuchtet. Ich bin wie der verlorene Sohn, der seinen Vater im Stich läßt. Ich sehe, dass ich trotz vieler Übung das Gelernte nicht anwenden kann, ich bin nicht besser als ein Unwissender. Ich bin wie ein Mann, der über das Essen spricht, ohne jemals davon gekostet zu haben und jemals zufriedengestellt zu werden. Wir sind in diese beiden Hindernisse verstrickt: Wissen und Lernen einerseits, Ärger und Leiden andererseits. Ich sehe, dass dies an unserem Unverständnis der ewig und friedlichen Natur des wahren Geistes liegt. Bitte, mein Gott Tathagata, habe Mitleid mit uns. Zeige uns den geheimnisvollen erleuchteten Geist und eröffne unsere wahren Augen für die Erleuchtung.

Die Surangama-Sutra

Es heißt, die Aufrichtigkeit sei eine wundervolle Sache; wenn man sie vortäuschen kann, dann hat man es geschafft.

Es ist unvermeidbar, dass jedes Aikido-Training eine Art Täuschung ist. Wir zeigen den Leuten die ganze Zeit, wie irgendetwas gehen könnte, während wir uns gleichzeitig der Kritik der Wettkampf-orientierten Künste (oder Sportarten) ausgesetzt sehen, bei denen wenigstens etwas beweisbar ist, durch Sieg oder Niederlage.

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