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Humor als Schleier für verbale Gewalt

von Stanley Pranin

Aiki News #14 (November 1975)

Übersetzt von Stefan Schröder

Kürzlich besuchte ich ein Kino in der Nähe, um mir zwei Marx-Brothers-Filme anzusehen. Ich hatte sie als Kind gesehen und erinnerte mich, dass ich sie damals lustig fand, weswegen ich einen angenehmen, ausgelassenen Abend erwartete. Als Erwachsener jedoch war meine Reaktion eine gänzlich andere. Mir fiel besonders die dem Humor zugrundeliegende negative Grundhaltung auf. Viele der “humoristischen” Dialoge bestanden aus Beleidigungen, Bedrohungen und vielerlei Anspielungen. Dies leitete bei mir einen Denkprozess ein, innerhalb dessen ich die Dinge untersuchte, die wir gewöhnlich “lustig” finden. Das Ergebnis war überraschend: Viele dieser Dinge waren nur kaum verschleierte Arten der verbalen Attacke und Gegenattacke.

Wort-Attacken benötigen, so wie jede Art des aggressiven Verhaltens, sowohl Täter wie Opfer. Auf einer philosophischen Ebene besteht kaum ein Unterschied zwischen einem verbalen und einem physischen Angriff. Aikido befasst sich im weiteren Sinne mit der Erkennung und Neutralisierung dieser beider Arten der Aggression.

Während wir auf der Matte Aikido üben, erlernen wir, einen feindseligen Angriff zu erkennen und uns mit ihm zu harmonisieren; und zwar so, dass wir sowohl Schaden von uns abwenden, als auch unser Angreifer — möglichst — nicht verletzt wird. Aikido ist in diesem Sinne eine Art der Selbstverteidigung, die keinen Sieg und keine Niederlage kennt. Die Worte “Sieg” und “Niederlage” sind Begriffe aus der Welt des Wettkampfs und kommen nur dort vor, wo Interessenkonflikte existieren.

Aikido betrachtet die Welt nicht auf eine dualistische Weise, in der sich zwei Gegensätze gegenüberstehen. Aikido als die “Kunst der Nicht-Niederlage” zu beschreiben ist mehr als eine sprachliche Spitzfindigkeit. Wir als Sprecher der englischen Sprache und somit Kinder der aristotelischen Gedankenwelt sind es gewöhnt, die phänomenologische Welt in polare Gegensätze einzuteilen: “Gut-Schlecht”, “Plus-Minus”, “Ein-Aus” sind nur einige Beispiele. Die Macht dieser prozeduralen Vorgehensweise spiegelt sich auf dramatische Weise in unseren erstaunlichen Errungenschaften auf den Gebieten der Wissenschaft und Technik nieder. Nichtsdestotrotz gibt es auch viele Gebiete, auf denen diese Methode die Welt zu sehen unangemessen, ineffizient und Spannungen erzeugend ist. Es gibt Aspekte der zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen diese Weltsicht des “Entweder-Oder” jede Kommunikation lähmt und Konflikte befeuert.

Als Übende im verbalen Aikido bemerken wir leichter Sprachattacken. Welche Tonfall schlägt der Sprecher an? Welche Annahmen stecken implizit in einem abgegebenen Kommentar? Gibt es andere Signale, wie zum Beispiel die Körpersprache, die eine erhöhte Anspannung des Redners verraten? Wenn wir uns mit einem tieferen rationalen und intuitiven Verständnis der Natur von Verbalattacken ausstatten und die Vorboten solcher Vorfälle erkennen, dann können wir durch geschickten Einsatz der Sprache eine Konversation in ruhigere Gewässer führen und so Negativität verringern. Die Rolle des Humors in der menschlichen Kommunikation anzuerkennen, kann wertvolle Anhaltspunkte bei der schwierigen Balance bieten, die so wichtig im sprachlichen Umgang miteinander ist.