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Das richtige Verhalten für Kampfkunst-Lehrer

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von Hogen

Published Online

Übersetzt von Stefan Schröder

In allen menschlichen Betätigungsfeldern, so auch in den Kampfkünsten, müssen Lehrer und Schüler zu Beginn zielorientiert arbeiten. Der Kampfkunst-Lehrer trägt hier eine höhere Verantwortung als die Lehrer anderer Fachgebiete, denn er lehrt das eigene Leben zu verteidigen, wenn man mal die spirituellen Aspekte der fernöstlichen Kampfkünste beiseite läßt. Der Kampfkunst-Lehrer wird niemals ein gutes Lehrsystem errichten können, wenn er nicht eine klare Vision von dem hat Was und Wofür er lehrt. Ich bin sicher, dass die Kampfkunst-Lehrer der Koryu ihre Lehrmethode auf folgendem gründen müssen:

Die wichtigste Aufgabe des Koryu-Lehrers ist die aufrichtige Erhaltung des Stils, den er gelernt hat. Während der letzten Jahrzehnte haben wir die Gründung einer Vielzahl von neuen Schulen oder die Veränderung traditioneller Schulen erlebt. Die Gründe für diese Schöpfungen oder die Benutzung eines bekannten Koryu-Namens variieren, aber meist geht es nur ums Geldverdienen. Aber wir wollen die Motive mal beiseite lassen - das größte Problem für die Erschaffer neuer Schulen oder Veränderer einer alten Schule ist, dass ihr Produkt sich noch nicht bewähren konnte. Die ursprünglichen Koryu-Kampfkünste Japans sind in Hunderten von Jahren des Krieges erprobt und haben wortwörtlich überlebt. Es klingt etwas grausam, aber diese Schulen sind auferstanden aus dem Blut ihrer Gegner. Sie haben überlebt, da sie effektiv sind, weil sie für Jahrhunderte aufpoliert wurden. Man kann nachweisen, dass die Schulen, die nicht so effektiv waren, ausgestorben sind. Wenn aber nun heute eine neue Schule erfunden wird oder eine klassische verändert, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Stil im Kampf um Leben und Tod getestet wird, nahezu Null. Und selbst wenn sie geprüft wird, dann beschränkt sich die Erfahrung auf den Horizont des “Erfinders”, mit anderen Worten, auf die Erfahrung nur einer Generation; sie kann kein ausgefeiltes Produkt Dutzender Generationen sein. Somit ist die Erhaltung der Koryu kein blinder Traditionalismus, sondern das Erlernen einer hocheffektiven Technik, ein Vermächtnis aus Blut und Schweiss der Altvorderen, weitergegeben wie sie gelernt wurden. Die Lehrer der Koryu müssen ihre Kunst strikt bewachen, damit ihre Schüler und auch sie selbst nicht “ihr eigenes Ding machen”.

Es gibt noch ein weiteres Problem: Als Folge des nun lange andauernden Friedens sind viele traditionelle Kampfkünste von der Realität abgetrennt und formal geworden. Seit dem Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts üben mehr und mehr Angehörige des westlichen Kulturkreises die Kampfkünste des Fernen Ostens, viele angeregt durch Bücher und Filme. Ihre Anzahl ist heute schon sehr groß. Als ich das erste Mal nach Japan kam, hatte ich auch das Image von den starken Koryu im Hinterkopf. Während meines sechsjährigen Aufenthalts in Japan hatte ich oft die Gelegenheit die Koryu-Kampfkünste bei jährlichen Demonstrationen und anderen Veranstaltungen zu beobachten. Was ich sah unterschied sich leider völlig von dem Image, das ich durch Bücher und Filme gewonnen hatte. Ich weiss nicht, wie es um die Koryu-Kampfkünste in anderen asiatischen Ländern bestellt ist, aber in Japan die meisten traditionellen Schulen extrem formalistisch geworden und haben sich weit von der Praxis entfernt. Von den Schulen, die ich gesehen habe, waren wohl nur zwei oder drei nicht davon betroffen. Eine Koryu-Kampfkunst zu erhalten bedeutet also auch, den Bezug zur Realität nicht zu verlieren, wodurch die Kunst unanwendbar würde.

Einer der wichtigsten Schritte zur Erhaltung einer Koryu-Kampfkunst ist, dass die verschiedenen Lehrer in ihren Erklärungen einheitlich, konsistent und übereinstimmend sind. Idealerweise gibt es eine einzige Informationsquelle im Dojo. Hilfreich ist auch die Einführung einer strikten Regel, die den Schülern verbietet, die Techniken zu diskutieren oder sich gegenseitig zu erklären, selbst wenn die Schüler eng miteinander verwandt sind.

Der Lehrer eines Koryu muss immer beobachten was er lehrt und seinen Schüler ein gutes Vorbild sein. Das Gezeigte muss immer mit dem Gesagten übereinstimmen, sonst werden sie Schüler das Dojo verlassen.

Der Koryu-Kampfkunstlehrer muss jede nur erdenkliche Maßnahme ergreifen, um Verletzungen im Dojo zu verhindern. Das Prinzip muss lauten: “Verletze keinen anderen. Verletze nicht dich selbst.” In den Kampfkünsten gibt es natürlich keine Garantie für Verletzungsfreiheit, egal welchen Aufwand man betreibt. Falls doch jemand zu Schaden kommt, dann ist es die Aufgabe des Lehrers Erste Hilfe zu leisten, die Rehabilitation des Schülers zu unterstützen und dem Schüler nach der Wiederherstellung den Wiedereinstieg in das Training zu ermöglichen.

Sollte der Koryu-Lehrer herausgefordert werden, so sollte er sich nicht lächerlich machen und auch darauf achten, den Herausforderer nicht zu verletzen. Der Lehrer muss genau darauf achten, dass die Technik, wenn er sie an einem Schüler vorführt, wirksam ist und der Schüler ihm keinesfalls überlegen sein darf. Wenn die Schüler auch nur einmal sehen, dass die Technik ihres Lehrers nicht funktioniert, werden sie das Dojo verlassen, auch wenn sie dies dem Lehrer nicht offen sagen.

Der Koryu-Lehrer muss sich an die höchsten ethischen Standards halten und nach einer besseren Gesellschaft streben. Er muss immer betonen, dass das Dojo nicht nur ein Platz zur Stärkung des Körpers, sondern auch ein Ort zur Formung des Charakters und Geistes ist.

Der Koryu-Lehrer muss jede Mühe auf sich nehmen, um seine Schüler zum Ziel zu führen. In einer seiner Schriften über die Fechtkunst erklärte Yamaoka Tesshu, dass der Eintritt in ein Dojo nicht eine Frage der räumlichen Bewegung ist, sondern eine Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler aufgebaut wird. Es ist die Aufgabe des Schülers sich an alle Regeln des Dojo zu halten. Obwohl Yamaoka Tesshu dies nicht erwähnt, hat der Lehrer auch ein Verpflichtung gegenüber dem Schüler. Mit anderen Worten bedeutet der Eintritt in eine Kampfkunstschule die Aufnahme einer wechselseitigen Verpflichtung zwischen Lehrer und Schüler. Es muss nicht extra erwähnt werden, dass die treibende Kraft des Fortschritts des Schülers dessen persönlicher Einsatz ist. Wenn der Lehrer es jedoch versäumt eine geeignete Umgebung zu schaffen, werden die Fähigkeiten des Schülers bruchstückhaft und unvollständig bleiben. Ich denke, die Lehrmethode eines Dojos muss eine klare Zielsetzung besitzen, der jeder Schüler folgen muss, bis er in der Lage ist, dass zu tun, wozu er angewiesen wird. Es muss unbedingt vermieden werden, dass der Schüler gesagt bekommt, er solle dieses oder jenes versuchen, ohne dass er dazu fähig wäre. Es gibt keine andere Möglichkeit, als das der Schüler beharrlich gelenkt wird, bis er tun kann, was man ihm sagt.

Der Kampfkunstlehrer darf keinen seiner Schüler bevorzugen. Ein altes japanisches Sprichwort sagt: “Lehne den Kommenden nicht ab, eile dem Gehenden nicht nach.” Der Lehrer soll alle Schüler gleich behandeln.

Der Kampfkunstlehrer muss eine Lehrmethode verwenden, die ihn und auch seine Schüler befriedigt. Es ist wichtig verschiedene Lehrmethoden im Repertoire zu habe, um die Lehre an die Fähigkeiten der Schüler anzupassen. “Wie gut, dass ich heute ins Dojo gekommen bin.” - Was gibt es Besseres, als wenn die jüngeren und älteren Schüler das Dojo mit diesen Gedanken verlassen?

Wie man schon am Namen des “Daito-Ryu Aikijujutsu” erkennt, liegt der Unterschied zu anderen Jujutsu-Schulen im Gebrauch der Prinzipien des Ki. Heutzutage sind schon viele Kampfkunst-Übende mit dem Begriff “Aiki” vertraut, aber meist hört man davon nur in einem philosophisch-abstrakten oder theoretischen Zusammenhang. Der Lehrer des Daito-Ryu muss seinen Schülern immer vermitteln, was das wahre Aiki ist. Neben vielem anderen, gehört dazu gleich zu Anfang des Brechen des Gleichgewichts eines Angreifers in dem Moment, in dem er mich angreift. Es ist wichtig, dass die Schüler dieses Prinzip nicht nur mit ihrem Verstand begreifen, sondern auch mit ihrem Körper.

Daito-ryu Aikijujutsu
Aufsatz zur Prüfung zum 1. Dan
März 2004