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Wie man einen japanischen Sensei einlädt

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von Stanley Pranin

Aiki News #63 (September 1984)

Übersetzt von Stefan Schröder

Unsere Aktivitäten bei der Publikation der AIKI NEWS schließen den Kontakt mir sowohl japanischen wie auch ausländischen Aikidoka ein. Oft sehen wir uns mit interkultureller Kommunikation konfrontiert und haben aus erster Hand die vielen Schwierigkeiten und Fallen erlebt, die hierin liegen. Wir haben viele wohlmeinende Individuen nach Japan kommen sehen, genau wie Japaner, die das Ausland besuchten, die sich dann auf eine Art und Weise aufführten, die zwar in ihrem kulturellen Kontext angemessen wären, die aber plötzlich völlig missverstanden werden. Glücklicherweise können viele der Stolpersteine solcher Begegnungen durch das Wunder des Aikido-Trainings mit seiner konfliktlösenden Dimension aus dem Weg geräumt werden. Eines dieser Gebiete der interkulturellen Kommunikation, ist die Reise von Aikido-Lehrern ins Ausland, um Aikido zu unterrichten. In solchen Trips steckt ein enormes Potential zur Förderung des Aikido und zur Stärkung von freundschaftlichen Banden zwischen Aikidoka. Es bieten sich aber viele Gelegenheiten für Missverständnisse, so dass einige sachdienliche Ratschläge angebracht scheinen.

Lassen Sie mich zunächst meine Gedanken darüber anbringen, was Gruppen unbedingt tun und unterlassen sollten, wenn sie einen japanischen Lehrer einladen wollen. Danach will ich es wagen einige meiner Beobachtungen kund zu tun, die reisewilligen japanischen Lehrer hilfreich sein können.

Die erste und wichtigste Sache, die man immer im Auge haben sollte, ist, dass die Einladung eines Sensei aus Japan eine teure Angelegenheit ist. Selbst wenn man am Ende noch mit einem Gewinn dastehen will, sind die vorweg zu leistenden Ausgaben erheblich. Das bedeutet, dass Dojos über die nötigen finanziellen Mittel verfügen müssen, bevor der Lehrer ihrer Wahl eingeladen wird. Man sollte Schätzungen und vage Voraussagen in diesem Zusammenhang vermeiden.

Mit Ausgaben für folgendes muss man unter anderem rechnen: Flugticket, Hotel, Speisen, Werbung, Hallenmiete, Geschenk für den Lehrer und seine(n) Begleiter. Die Summe all dieser und weiterer Rechnungen bestimmt den erforderlichen Betrag, um die Einladung von Erfolg zu krönen.

Betrachten wir die einzelnen Posten. Zunächst das Flugticket. Man beachte, dass viele Lehrer bevorzugt oder nur mit einem “Tomo” oder Begleiter reisen, der üblicherweise auch sein Uke sein wird, der eventuell auch als Übersetzer fungiert und der für den Lehrer als Hilfe bereit steht. Dies bedeutet, dass oftmals gleich zwei Tickets für alle Reisen gekauft werden müssen. Manche Lehrer reisen auch gerne alleine, aber nach meiner Erfahrung ist dies eher die Ausnahme als die Regel.

Als nächstes folgen die Unterkunft und die Kosten der Verpflegung. Je nachdem wie viele Orte der Lehrer besuchen wird, muss für einen Teil oder den kompletten Aufenthalt ein Hotelzimmer gebucht werden. Es sollte ein Hotel gewählt werden, dass komfortabel ist und guten Service bietet. Ein Hotel erster Klasse wäre schön, aber man sollte im Auge behalten, dass je teuerer das Hotel ist, desto weniger Geld für das Abschiedsgeschenk bleibt. Für die Mahlzeiten gilt die gleiche umsichtige Vorgehensweise. Die Ausgaben in Restaurants sollten nicht zu hoch ausfallen oder alternativ aus einem anderen Topf bezahlt werden, damit nicht die hohen Rechnungen hinterher zu Abzügen bei der Entlohnung des Lehrers führen. Wenn der Lehrer zum Essen eingeladen wird und weitere Schüler oder Freunde dabei sind, sollten man vorher klären, dass aus den bereits genannten Gründen jene für ihre Mahlzeit selbst aufkommen müssen. Und da ich gerade dabei bin, noch ein letzter Hinweis zu diesem Thema. Vielleicht ist es auch möglich den Lehrer bei einem der Schüler oder einem der lokalen Lehrer unterzubringen und daheim zu verpflegen. Wenn der Lehrer diesem Arrangement zustimmt, kann viel Geld gespart werden, was sich dann in einer persönlicheren Behandlung und darüber hinaus in einem größeren Abschiedsgeschenk niederschlagen kann.

Kommen wir zur Werbung und Mietkosten. Das Seminar des Lehrers wird natürlich so gut wie möglich beworben, um die größtmögliche Teilnehmerzahl zu erreichen und so auch für einen finanziellen Erfolg zu sorgen. So sind alle glücklich und werden den Lehrer in Zukunft wieder einladen wollen. Die Eigentümer der Dojos, die ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, sollten auch eine Kompensation für ihren Aufwendungen bekommen, da sie auch zum Erfolg der Veranstaltung beitragen. Das Arrangement sollte so klar wie möglich abgesprochen werden, gegebenenfalls ist auch ein schriftlicher Vertrag sinnvoll. Wenn eine fremde Einrichtung gemietet wird, gelten die gleichen Vorgehensweisen.

Kommen wir nun zu dem delikaten Thema des Geldgeschenkes, welches dem Lehrer üblicherweise für seine Bemühungen übergeben wird. Auch hier gilt die Regel im Voraus zu einem klaren Einvernehmen über die finanziellen Rahmenbedingungen des Besuch zu kommen. Es erschwert die Diskussion, dass viele Senseis nicht gerne offen über diese Angelegenheit sprechen. Dieses Problem kann manchmal umgangen werden, indem ein vertrauenswürdiger Schüler des Lehrers als Vermittler eingesetzt wird, der idealerweise schon Erfahrung mit sowohl Japanern, als auch mit Ausländern hat. Jedoch wird eine dritte Partei vielleicht zu Zeitverlusten und Missverständnissen führen. Auf jeden Fall muss dieses Thema aber angesprochen werden. Soweit ich weiß, gibt es keine festen Regeln und auch keine gestaffelten Entgelte hinsichtlich Graduierung und Status, aber ich kenne einen Fall, in dem eine tägliche Grundgebühr für den Unterricht in Höhe von $200 plus einer Gewinnbeteiligung vereinbart wurde. Vielerlei Umstände beeinflussen den Betrag, aber falls man Mühe hat die erforderlichen Summen aufzubringen, ist es vielleicht zu früh für eine Einladung.

Es gibt noch einige andere Überlegungen, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Wenn zum Beispiel der Unterricht geplant wird, sollten ausreichend Ruhetage eingeplant werden (Reisetage zählen nicht dazu). Zwei bis drei aufeinanderfolgende Tage mit Unterricht sollten das Maximum sein. In gleicher Weise sollte die Anzahl der Unterrichtsstunden pro Tag vernünftig begrenzt werden. Drei Stunden täglich sind wohl eine sichere Obergrenze. Man sollte stets im Hinterkopf behalten, dass eine Auslandsreise und die ungewohnte Umgebung eine anstrengende Erfahrung sein können.

Manchmal ist es auch nötig für einen Übersetzer zu sorgen. Man sollte nicht annehmen, dass jeder Japaner diesen Job übernehmen kann. Ich habe Japaner mit besonderen Sprachausbildungen getroffen, die sich als vollkommen ungeeignet für eine solch spezialisierte Aufgabe erwiesen haben. Es ist immer besser einen Schüler des Sensei anzuwerben, der die Lehrmethode und das Vokabular kennt, völlig unabhängig von der Muttersprache des Schülers.

Eine andere Angelegenheit, die oft übersehen wird und die ein schlechtes Licht auf die Veranstaltungen werfen kann, ist die “Territorialität”. Als Konsequenz des stetigen Wachstums des Aikido in den letzten Jahren und der nunmehr häufigen Reisen von Aikidoka nach Japan, hat die Zahl der ins Ausland reisenden japanischen Lehrer entsprechend zugenommen. Man könnte in die Situation geraten, dass in der betreffenden Gegend bereits ein japanischer Lehrer aktiv ist, der dieses Gebiet als sein “Territorium” betrachtet. Aus diesem Grunde gebietet es die Höflichkeit, diesen im Voraus über den Besuch des Senseis zu informieren, selbst wenn man nichts weiter mit ihm oder ihr zu tun hat. Selbst wenn seine Antwort missbilligend ausfällt, so wird doch wenigstens niemand überrumpelt. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass eventuelle Sorgen des eigenen Lehrers hinsichtlich dieser Territoriumsverletzung beschwichtigt werden. Bestenfalls gelingt es sogar eine Brücke zu schlagen, so dass künftig fruchtbar und zum gegenseitigen Nutzen mit dem lokalen japanischen Lehrer gearbeitet werden kann.

Noch ein Wort der Warnung. Es ist weder fair noch höflich vom eingeladenen Lehrer irgendwelche Auslagen aus eigener Tasche zu erbitten oder diese von ihm zu erwarten, selbst wenn er diese später zurückerhält. Man sollte alle im Vorfeld entstehenden Kosten übernehmen und die Anzahl der Dinge minimieren, um die er sich vor seiner Reise kümmern muss.

Betrachten wir nun die ganze Angelegenheit aus dem anderen Blickwinkel. Was kann der Lehrer von seinem Gastgeber erwarten? Der erfahrene Lehrer wird aus der Natur der Einladung ablesen können, ob der einladende Schüler über die finanziellen Mittel verfügt, um die Verantwortung für diese Reise schultern zu können. Falls dies nicht der Fall sein sollte, täte er dem Schüler einen Gefallen, indem er ihn ermuntert die Reise solange zu verschieben, bis eine ausreichende finanzielle Basis errichtet wurde. Es ist auch hilfreich einen Kommunikationskanal offen zu halten, über den alle Fragen und Zweifel über die Reise beantwortet werden, möglichst im Voraus.

Für die Reise in die meisten Länder muss ein Reisepass oder Visum beschafft werden. Die Erfahrung zeigt, dass es viel weniger kompliziert ist ein “Touristen-Visum” zu beantragen und dies mit dem “Besuch einer Freundes” zu begründen, sobald man in Kontakt mit den Botschaften oder den Einwanderungsbehörden gerät.

Hinsichtlich der Etikette sollte man sich als Gast in einem fremden Land eine tolerante Grundhaltung zulegen. Trotz der bekannten Etikette aus dem Dojo werden viele Ausländer nicht mehr als ein oberflächliches Verständnis des korrekten Benehmens besitzen und sich auf eine Art und Weise verhalten, die in Japan unangebracht oder sogar grob wäre, doch dies geschieht ohne böse Absicht. Genau wie dem Lehrer wahrscheinlich kulturelle Ausrutscher passieren werden, so werden auch die Ausländer ihren Anteil daran haben.

Ich hatte schon die Auslagen kommentiert, doch ich möchte noch mal kurz darauf zurückkommen. Man sollte immer im Gedächtnis behalten, dass der Gastgeber und dessen Schüler versuchen werden dem Lehrer größtmögliches Vergnügen zu bereiten. Dies ist zwar löblich, doch gleichzeitig muss man sich Klaren darüber bleiben, dass die geleisteten Auslagen für teure Hotels oder Mahlzeiten sich höchstwahrscheinlich negativ auf die Bezahlung am Ende der Reise auswirken. Ich kann einen solchen Fall bezeugen, in dem das Geldgeschenk aufgrund hoher Restaurantrechnungen mehr als halbiert wurde.

Das letzte Thema lässt mich etwas zögern, doch ich denke dieser Artikel wäre unvollständig ohne es zu erwähnen. Rauchen, Alkohol zu trinken und andere auf Männer zugeschnittene Aktivitäten sind in Japan üblich. Dies gilt im Ausland nicht gleichermaßen. Viele - insbesondere junge - Leute betrachten Aikido hier als höchst spirituelle Disziplin, ähnlich wie Meditation, Yoga und andere asketische Aktivitäten. Solche Leute reagieren (wie ich selbst sehen konnte) mit Schock, Betroffenheit oder sogar Abscheu auf diese Aktivitäten ihrer ehemals verehrten Aikido-Helden. Man mag dies für naiv ihrerseits halten, jedoch sollte dies während der Reise ins Ausland bedacht werden.

Ich bin sicher mit meinen Kommentaren dieses Thema nicht erschöpfend behandelt zu haben und es gibt zweifellos weitere wichtige Überlegungen. Meine Leser werden sicherlich von ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen berichten können. Sie sind eingeladen mir diese zuzusenden. Auf jeden Fall hoffe ich in diesem Artikel genügend Material zusammengetragen zu haben, um Ihnen behilflich zu sein, wenn Sie das nächste Mal ihren bevorzugten Lehrer zu sich einladen.