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Die Erkundung des Aikido des Begründers

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von Stanley Pranin

Published Online

Übersetzt von Stefan Schröder

Aikido Gründer Morihei Ueshiba
Während meiner Untersuchungen zu den Ursprüngen des Aikido ist mir schon früh aufgefallen, dass nur wenigen Aikido-Lehrern die Besonderheiten der Kunst des Begründers bewusst sind. Die Aikido-Pioniere der Vorkriegszeit Kenji Tomiki, Gozo Shioda, Kisshomaru Ueshiba, Koichi Tohei, Morihiro Saito, Seigo Yamaguchi, Michio Hikitsuchi und andere waren noch vor Morihei Ueshiba die Schlüsselfiguren, die großen Einfluß auf die Kunst genommen haben, die wir heute üben.

Morihei Ueshibas Unterrichtsmethode stand nicht mit der japanischen Nachkriegsgesellschaft im Einklang; seine Religiösität, seine häufigen Reisen und unregelmäßige Stundenpläne erschwerten es seinen Schülern einen vertieften Unterricht des Gründers zu erlangen. Hinzu kommt, dass Aikido sich in einer Zeit des Friedens entwickelte und verbreitete, die später in eine Zeit des bis dahin ungekannten wirtschaftlichen Wohlstands mündete. Ein derartiges gesellschaftliches Umfeld, dem jede Bedrohung durch Krieg oder eine andere physische Gefahr fehlt, führte dazu, dass das Aikido-Training nicht mehr die Intensität der beunruhigenden Vorkriegszeit erreichte. Vor dem Krieg waren Judo und Kendo weit verbreitet und wurden sogar an Schulen unterrichtet. O-Senseis Schüler der Vorkriegszeit waren also verglichen mit den Schülern der Nachkriegszeit viel besser auf ihr Training vorbereitet - körperlich wie geistig.

Es hat in den frühen Jahren des Aikido-Wachstums, beginnend in den 1950er Jahren, sicherlich exzellente Techniker und inspirierende Lehrer gegeben. Es gab auch jene, welche über die moralische Dimension des Aikido sprachen und wie es ein Fahrzeug für die Besserung von Individuen und der Gesellschaft sein kann. Die extreme Aufmerksamkeit, Schärfe und ungezügelte Ausgelassenheit, die der Begründer bei seinen Demonstrationen der Kunst zeigte, kann jedoch kaum irgendwo anders beobachtet werden. Gleichermaßen ist die religiöse Perspektive und das Selbstverständnis des Gründers, der sich als Werkzeug des “Kami” betrachtete, dessen Zweck die Herbeiführung von Frieden und Brüderlichkeit ist, eine zu großartige Vision für die meisten Aikido-Lehrer, die sich selbst eher als Anbieter von Selbstverteidigung und körperlicher Ertüchtigung sehen.

Niemand wird bestreiten, dass langjähriges entschlossenes Training durch nichts zu ersetzen ist - der Gründer ist hier das beste Beispiel. Doch was sind darüberhinaus die Besonderheiten von O-Senseis Kunst, die ihn von den folgenden Generationen seiner Schüler unterscheiden. Anhand von Standbildern aus einigen der Filme, die von ihm erhalten geblieben sind, möchten wir einige der Schlüsselelemente einfangen, welche die dynamischen Prinzipien des Aikido illustrieren.

Haltung

Beginnen wir mit der Haltung: Die Bilder des Gründers offenbaren jederzeit eine exzellente Haltung. Eine gute Haltung ist in den Kampfkünsten (und in beinahe jeder sportlichen oder körperlichen Aktivität) selbstverständlich unerläßlich. Die Übung mit dem Schwert hilft eine gute Haltung zu entwickeln, und wir haben schon an anderer Stelle das immense Interesse des Begründers an der Schwertkunst dokumentiert, welches sich bis in die Mitte der 1930er Jahre zurückverfolgen lässt.

Eine gute Haltung ist offensichtlich untrennbar mit einem guten Gleichgewicht und der Fähigkeit zur Entspannung verknüpft. Die freien und fließenden Bewegungen des Gründers gehen immer von einer aufrechten Haltung aus, denen jede Starrheit fehlt. Er kann sich so zur Ausführung einer Technik in jede Richtung bewegen, eintreten oder sich drehen

Awase

Vereinigung mit dem Uke
Das Konzept des “Awase” wird häufig von Aikido-Lehrern verwendet, wenn sie die Mechanik einer Technik erklären. [A.d.Ü.: Der Autor verwendet im vorangegangenen Satz statt “Awase” den englischen Begriff “to blend”, der soviel bedeutet wie “vermischen, vermengen, zusammenführen”. Im Deutschen wird an dieser Stelle nicht von “vermischen” gesprochen, sondern z.B. von “zusammenführen”, “parallelisieren”, “mitgehen”.] Damit ist üblicherweise gemeint, dass die eigene Bewegung in Richtung und Geschwindigkeit mit der Angriffsbewegung von Uke zusammenfällt. Ist dies erreicht, bringt Nage den Uke aus dem Gleichgewicht und führt daraufhin einen Wurf aus.

Tatsächlich ist dies nur eine oberflächliche Erklärung des “Zusammenführens”, so wie es der Gründer verstand. In diesem Szenario kontrolliert nämlich der Uke den Angriff, während der Nage in seinem Versuch die Führung zu übernehmen nur reagiert. Gegen einen kompetenten Angreifer, der sich schnell bewegen kann, reicht dafür die Zeit einfach nicht.

Auf einem höheren Niveau übernimmt Nage die Initiative und zwingt Uke seine “geistige” Führung auf. Uke kann dem psychologischen Druck Nages keinen sinnvollen Angriff entgegensetzen. Die hier erklärte Strategie äußert sich in einem natürlichen Stand mit geringfügigen Gewichtsverlagerungen, Metsuke (Blickkontakt) und der Veränderung des Atemrhythmus, um nur einige Beispiele zu nennen. Uke muss sich einem ständig ändernden Energiefeld anpassen und seinen Angriff daraufhin verändern.

Kiai / Atemi

Kiai - Kampfschrei
Der Ausdruck Kiai kommt im Aikido-Training hin und wieder vor und bezeichnet einen “Kampfschrei”, der den Angriff eines Gegners unterbricht oder neutralisiert. Diese kraftvolle verbale Technik fällt zusammen mit dem Ausatmen und konzentriert den Körper und Geist Nages auf einen spezifischen Punkt. Ein gut ausgeführter Kiai unterbricht Ukes Ki-Fluss und der Angriff zerstreut sich. Oftmals wird Ukes Bewegung durch den Kiai für einen kurzen Moment eingefroren, so dass sich für Uke die Gelegenheit ergibt, eine Technik anzubringen.

O-Sensei verwendete den Kiai als ein Werkzeug, um Kontrolle über seinen Uke auszuüben, besonders wenn er Schwerttechniken zeigte. Der Gründer wendete diese Technik derart effektiv an, dass die Angriffe seiner Ukes häufig nur noch halbherzig erscheinen, da dieser durch den mit gutem Timing vollführten Kiai unterbrochen wurde.

Der Gründer setzte Atemi oder “präemptive Schläge oder Stöße” bis zu seinem Lebensende ein. Heute jedoch sind Atemi unüblich geworden. Ich glaube, dies ist auf ein Missverständnis hinsichtlich ihres Zwecks zurückzuführen. Ein Atemi kommt der aggressiven Absicht des Uke zuvor und ist ein Ablenkungsmanöver in Form eines Stoßes. Der Sinn des Atemi ist nicht zu treffen oder Uke zu “lockern”, bevor eine Technik angewendet wird. Der Atemi gleicht vielmehr dem Kiai, indem auf gleiche Weise Ukes Konzentration unterbrochen wird.

Über “Sensen no Sen” hinaus

“Den Gegner kontrollieren ohne zu versuchen ihn zu kontrollieren”
In den traditionellen Erklärungen der Strategien in den japanischen Kampfkünsten kommen häufig die drei Stufen der Initiative im Kampf vor: “Go no sen”, “Sen” und “Sensen no sen”. Diese Strategien bedeuten folgendes: “Go no sen” bedeutet “später Angriff” und bezeichnet eine Reaktion auf einen erfolgten Angriff. “Sen” bezeichnet eine defensive Initiative im Augenblick des Angriffs. Und “Sensen no sen” bezeichnet eine Initiative, die in Erwartung eines Angriffs, bei dem die Angriffsabsicht des Angreifers auf einer psychologischen Ebene bereits so weit gediehen ist, dass eine Umkehr nicht mehr möglich ist. Die letztgenannte Strategie wird in den klassischen Kampfkünsten gemeinhin als die höchste Stufe angesehen.

Des Gründers Konzept der Aiki-Strategie geht weit über die Dimension der psychisch-physischen Konfrontation hinaus. In einem 1957 geführten Interview drückte er das Konzept in folgenden Worten aus:

“Es ist keine Frage von ‘Sensen no Sen’ oder ‘Sen no Sen’. Wenn ich es beschreiben müsste, so würde ich sagen, dass man den Angreifer kontrolliert ohne zu versuchen ihn zu kontrollieren. Dies ist der Zustand des fortwährenden Sieges. Es ist nicht wirklich eine Frage von Sieg oder Niederlage gegen einen Widersacher. In diesem Sinne gibt es keinen Gegner im Aikido. Selbst wenn man einen Gegner hat, so wird man ein Teil von ihm, ein Partner, den man nur kontrolliert.”

Das Schlüsselkonzept ist die Umwandlung einer physikalischen Konfrontation […] in eine harmonische Interaktion. Ukes Kampfimpuls wird überwunden und mit Liebe umschlossen. Mit anderen Worten, das Ziel ist auf einer anderen Bewusstseinsebene in Harmonie mit seiner Umgebung und den Mitmenschen zu leben. In diesen Begriffen gesprochen wird Aikido eine Metapher für das Leben in Frieden, während gleichzeitig die Fähigkeiten geübt werden, die einen gewalttätigen Angreifer neutralisieren und überwinden können.

Dies ist ein sehr hohes Ideal, welches nur durch langjähriges Training erreicht werden kann: Eine erhöhte Sensibilität für Menschen und die Geschehnisse des Umfelds zu entwickeln, sich die Fähigkeit anzueignen, psychisch und physisch auf jede denkbare menschliche Interaktion spontan zu reagieren. Der Gründer nannte diesen Zustand “Takemusu Aiki” - die höchste Stufe des Aikido, auf der man in die Lage versetzt wird, zu jeder Zeit spontan eine perfekte Technik auszuführen.

Ame no Ukihashi

“Brücke zwischen Himmel und Erde”
Der Gründer betrachtete die Welt aus dem Blickwinkel des Shinto. Er war insbesondere von der Sekte des Omoto beeinflußt. Einer der von ihm verwendeten Ausdrücke, um auf seine Rolle als Gründer des Aikido Bezug zu nehmen, war “Ame no Ukihashi”. Dies bedeutet wörtlich “fließende Himmelsbrücke”. Es ist die Brücke, welche Himmel und Erde verbindet. Daher bedeutet Ame no Ukihashi auf der Brücke zwischen Himmel und Erde zu stehen. In der alten japanischen Chronik Konjiki ist niedergeschrieben, dass zwei Gottheiten auf dieser Brücke standen, als sie mit der Erschaffung des Landes (der Inseln) begannen.

Diese Ame no Ukihashi - die Verbindung zwischen Himmel und Erde - existierte immer zu genau jenem Zeitpunkt, an dem sich O-Sensei befand, der im Namen der Kami oder Gottheiten Taten für eine harmonischere und friedliche Welt vollbrachte. Dies ist die Mission des Aikido. O-Senseis Jo-Kata, die er bei Demonstrationen zeigte, bestand aus Auf-, Ab- und Spiralbewegungen. Sie symbolisierten diese Verbindung mit der göttlichen Energie, die der himmlischen Sphäre entsprang.

Auf und ab, hin und her

Der Gründer war in der Lage einem potentiellen Angreifer seine Bedingungen aufzuzwingen. Er erreichte dies durch Bewegungen perfekten Timings, gerade kurz vor einem Angriff. Durch diese Auf- und Abbewegungen und seitwärts ausweichende Bewegungen war es einem Angreifer unmöglich aus einer stabilen Ausgangsstellung anzugreifen. Ukes geistiges Gleichgewicht wurde durch diese Führung gestört, bis sein Angriffswille verloren ging.

Manchmal hob der Gründer seine Arme hoch oder sprang sogar, während sein angreifender Partner verzweifelt und hilflos versuchte einen Angriff gegen ihn zu Wege zu bringen.

Führen und Umlenken

Uke führen
Der Gründer verwendete oft das Ausstrecken des Arms und kreisförmige Handbewegungen, bevor er Kontakt mit dem Uke aufnahm. Diese Führung diente dem gleichen Zweck wie die Körperbewegungen, die oben beschrieben wurden. Die Aufmerksamkeit des Angreifers wurde auf seine Hände und Armbewegungen gelenkt und jeder Angriffsimpuls wurde vorweggenommen. Diese Führung, wenn vervollkommnet, resultiert in spiralförmigen und Auf- und Ab-Bewegungen, die in einem Wurf, einem Gelenk- oder Bodenhebel münden.

Richtungen ändern
Weitere typische Manöver des Gründers bestanden aus Richtungsänderungen. Diese konnten entweder aus Eigenbewegungen oder subtilen seitlichen Gleitbewegungen kurz vor dem Eintreten bestehen. Seine Taisabaki zwangen seinen Uke eine Bewegung in eine Richtung auf, während O-Sensei von der Seite eintrat, festgelegt auf eine Angriffslinie, die der Gründer längst freigegeben hat.

Aikido und das Schwert

Der Gründer hatte während seiner ganzen Laufbahn als Kampfkünstler ein beträchtliches Interesse am Schwert. Er erhielt 1922 sogar ein Zertifikat des Yagyu Shinkage-Ryu von Sokaku Takeda, obwohl der genaue Umpfang seines Schwertunterrichtes unter Sokaku nicht bekannt ist. Später, 1937, trat er offiziell der klassischen Kashima Shinto-Ryu Schule bei, die seine Experimente mit dem Schwert während seiner Zeit in Iwama (1942 - ca. 1960) beeinflußte.

O-Sensei versuchte nie seine Schwert-Kata niederzuschreiben oder formal in das Aikido-Training aufzunehmen. Das Schwert war für den Gründer ein Verstärker der himmlischen Kraft, die nur verwendet werden durfte, um Leben zu geben. Seine Schwertarbeit - das gleiche gilt auch für die Arbeit mit dem Stock - war nur ein weiteres Werkzeug zum Ausdruck der Aiki-Bewegungen, begründet auf den universellen Prinizipien der Taijutsu-Techniken.

Versteht man das Schwert als Erweiterung des Körpers, so versteht man manche Bewegungen leichter, wenn sie mit waffenlosen Techniken verglichen werden. Der Gründer hat Bewegungen und Prinzipien gelegentlich mit und ohne Schwert gezeigt, um ihren Zusammenhang zu verdeutlichen.

In diesem Lichte besehen sind Vergleiche von O-Senseis Schwertarbeit mit der klassischer Schwertschulen völlig fehl am Platze, da seine Absicht nicht die Techniken für das Schlachtfeld waren, sondern zu zeigen wie himmlische Energie durch den menschlichen Körper kanalisiert werden kann, durch den Raum und durch das gesamte Universum.

Kihaku

“Kihaku” - Geist
“Kihaku”, normalerweise als “Geist” oder “Lebenskraft” übersetzt, ist ein Ausdruck, der das Energieniveau oder den Fokus des Aikido des Gründers beschreibt. Seine Bewegungen hatten eine “elektrische” oder “geladene” Qualität, die so durchdringend waren, dass selbst ein Zuschauer sie spüren konnte. All diese angesprochenen Besonderheiten von O-Senseis Aikido können unter dem Begriff Kihaku zusammengefasst werden. Es ist eine dynamische Größe, geboren aus der Verschmelzung mit der Umgebung.

Die Kunst des Gründers war wahrhaftig magisch. Allein durch das Betrachten der alten Filme, die seine Bewegungen bewahren, ist man von seiner beherrschenden Präsenz eingenommen, seinem Überschwang und seiner völligen Meisterschaft über Energie und Raum. Ein derartiger Grad an Fähigkeit kann nur von jemandem erreicht werden, der einen Zustand erreicht hat, den manche voreilig “Erleuchtung” nennen würden. Ohne Zweifel hat er zumindest das normale menschliche Bewusstsein transzendiert und einen Zustand erhöhter Achtsamkeit und Sensibilität erreicht. Dieser Zustand der Einheit sollte das hell erleuchtete Vorbild aller Aikidoka darstellen, die von seiner zeitlosen Nachricht berührt werden. Warum sollten wir uns in unserem eigenen Training mit weniger zufriedengeben?