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Irimi

von Ellis Amdur

Published Online

Übersetzt von Esther & Bruno Pierling

Neulich las ich einen Beitrag, der den oft verwendeten Leitsatz „geh´ aus der Linie und tritt ein“ beinhaltete. Dieser Leitsatz wird nicht nur dem Konzept des irimi nicht vollständig, gerecht (ich gebe zu, ich habe es selbst schon angewandt), sondern führt zu einem falschen Verständnis der Aikido Technik. Der Fehler ist nicht nur intellektueller Natur, sondern liegt , wenn physisch ausgeführt, an der Wurzel technischer Defizite, die angeblich im Aikido so weitverbreitet sind.

„Aus der Linie herausgehen“ ist, so wie ich es jedenfalls bei den meisten Leuten beobachtet habe, reaktiv. Wir treten zur Seite , gehen dem Angriff aus dem Weg usw.. Man stellt sich irimi dann wie eine Gegen Attacke aus dem Winkel vor….Kampfkunst in der geometrischen Anwendung sozusagen.

Im Japanischen werden reaktive Angriffe oft als „go no sen“ bezeichnet, welches einen Gegenangriff auf die Initiative eines Anderen hin beschreibt, jedoch ist nicht einmal das ganz richtig. Tatsächlich sind reaktive Angriffe gedachte Grabsteine.

In „go no sen“ nimmt man dem Anderen die Initiative weg und beherrscht ihn .Stellen Sie sich eine Unterhaltung vor, in der jemand die Stimme erhebt und inmitten seiner Tirade, hebe ich die Hand und sage:“ Kein Wort mehr! Sei still.“ Und Sie sind still.

Ein Argument ist reaktiv wie in “Mir gefällt Ihr Ton nicht! Sie liegen falsch,“ worauf sie wiederum antworten und ich dann darauf. Ein Argument wird auch verbales Sparring, oder verbales Fechten genannt. Go no sen ist dominant….ein Schnitt, ein Leben.

Man kann dies gut im Kenjutsu sehen und ein Exemplar davon findet sich im Itto-Ryu (erinnern wir uns an die tiefe Verbindung zwischen Itto-Ryu und Daito-Ryu).Wenn der Gegner schneidet, dann schneide auch ich. Nicht entlang des gleiches Weges .AUF DEM SELBEN WEG. Zwei Objekte können nicht zur gleichen Zeit den selben Raum besetzen und ich nehme diesen Raum ein, mit größerer Kraft/ Geschwindigkeit/Timing/Stabilität usw. Der Gegner ist offensichtlich ab-gelenkt, aber NICHT weggestoßen. Dem Gegner wird einfach nicht gestattet den Raum einzunehmen. Oft gibt es nicht einmal ein Tai sabai (Körperverlagerung, Heraustreten aus der Linie), was aber möglich wäre. Falls es zu Tai sabai kommt, findet es simultan und nicht nachfolgend statt. Allerdings ist darüber hinaus, das Tai sabaki nicht Teil der grundlegenden Definition von irimi, sondern einfach eine Fortführung davon.

Irimi besetzt im Aikido auf die ein oder andere Weise den Raum. Dies ist, nebenbei bemerkt, die wahre Essenz von Atemi….nicht das Boxen…..den Körper einsetzen (besonders die Gliedmaßen), um den Raum zu besetzen, den der Angreifer einzunehmen gedenkt. Manchmal tritt man beiseite, aber manchmal geht man auch quer, oder sogar genau auf der Linie. So wie ein Schwimmer gerade in den Bauch einer sich brechenden Welle. So wie Shioda Gozo in einer seiner Lieblingstechniken, wo er nach einem Griff mit zwei Händen, plötzlich mit rigide nach unten weisenden Armen eintritt und der Angreifer hoch und weg springt. Oder so wie Nishio Shoji, wenn er die kleine subtile Drehung mit seinem Handgelenk ausführt, genau in dem Moment, wo er gegriffen wird und die eine kleine, aber unerbittliche Rückstoß-Welle erzeugt (kuzushi), genau in seinen Partner hinein. Auch so wie Kuwamori Yasunori immer mit seiner Hüfte den Raum einnimmt, den dein gerade aufsteigender Oberschenkel besetzen will und seinen wundervollen Koshinage ausführt. So wie Chuck Clark seine fleischige Faust genau dahin hält, wo dein Kopf gleich sein wird. Alles irimi, ohne, wie auch immer die Linie zu verlassen.

Die Aikido Technik, die wir so viel üben und die so offen scheint für Kritiker, die anregen, etwas vom Boxen, oder ein bisschen vom Judo dazuzugeben, ist der EFFEKT, aber nicht die Essenz des Aikido. Die Technik fällt uns sauber in die Hand, nachdem zuvor das Aikido getan ist.

Und Tenkan? Ich habe darüber schon mal irgendwo geschrieben, jedoch in Kürze. Tenkan, in der Vorstellung von sich wegdrehen/von Finesse/in einen Kreis führen, ist nicht Teil von Aikido. Lediglich ein Teil von Fantasiespielen jenseits der Matte. Dem Tenkan geht immer ein irimi voraus. Wenn der Gegner geschult, oder stark ist, sodass er sich , sogar wenn irimi seinen Raum belegt hat, herumwickeln und den Raum zurückholen kann, ver-wickelt man ihn erst dann in eine kreisförmige Bewegung/Technik. Da irimi sein Zentrum, wenn auch nur kurzfristig eingenommen hat, muss der Angreifer „her-um laufen“.

Die kreisförmige Bewegung startet mit ihm. Tenkan ist wie das Einfangen eines Planeten, dem man Geschwindigkeit und Elipsen, Spiralen oder Tangenten für seine drehende Bewegung dazu gibt.

Die Aikido ura (tenkan) Techniken nehmen den Angreifer auf einer Tangente, ein- oder auswärts drehend, mit auf ihrem kreisenden Weg. Tenkan sollte als spiralig, nicht kreisförmig beschrieben werden. Es geschieht eine Umsetzung des ursprünglichen Kreises, wenn wir den Angriff erst übernommen haben. Aber wenn irimi nicht schon die Hälfte des Kampfes, oder mehr gewonnen hat, dann hilft auch kein tenkan mehr, um die Sache zu vervollständigen. Man wird schlicht weg besiegt.

Autor: “Dueling with O-Sensei” und “Old School” ebenso wie die neue Lehr-DVD: “Ukemi from the Ground up”.

www.ellisamdur.com

Anmerkung des Herausgebers: Dieser Artikel wurde ursprünglich als Blog gesandt.