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Kampfkunst im Niedergang?

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von Stanley Pranin

Published Online

Übersetzt von Stefan Schröder

Besuch in einer Buchhandlung

Kürzlich besuchte ich eine große Buchhandlung in Las Vegas. Ich hatte zufällig einige Stunden zur freien Verfügung, während ich auf das Ende des Musikunterrichts meines Sohnes wartete. Eine solch luxuriöse Gelegenheit hatte ich seit Jahren nicht gehabt. Während ich durch die Gänge schlenderte und mal hier, mal da schaute, entschied ich mich einen Blick auf die Kampfkunstbücher und -magazine zu werfen, insbesondere das Aikido interessierte mich. Was ich feststellen musste, erstaunte mich!

Ich muss etwas ausholen. Vor etwa zehn Jahren, als wir noch die Papierausgabe des Aikido-Journal herausgaben, besuchte ich regelmäßig Buchhandlungen in Südkalifornien, um den Verkauf und die Vorräte des Magazins zu prüfen und um auf dem Markt der Kampfkunstpublikationen auf dem Laufenden zu bleiben. Zu jener Zeit waren viele Kampfkunstmagazine erhältlich, beinahe ein ganzes Regal war den Kampfkünsten vorbehalten. Hinzu kam, dass es mehr Bücher über Aikido als über jedes andere Kampfkunstthema gab.

Was ich nun vorfand, traf mich wie ein Schock. Es gab nur eine Ausgabe des Black-Belt-Magazins, keine weiteren Kampfkunst-Magazine. Hinsichtlich der anderen Bücher über Kampfkünste sah es ähnlich dürr aus. Nur ein Regalbrett eines Bücherregals war diesen vorbehalten. In dieser dürftigen Sammlung befassten sich lediglich fünf oder sechs Titel mit Aikido. Falls dieser Mangel an Kampfkunstpublikationen repräsentativ für die derzeitigen Umstände in der Verlagswelt sein sollte, dann scheint das Aikido - und die anderen Kampfkünste nicht weniger - den Kampf um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu verlieren, welche zwischen Tausenden von Möglichkeiten wählen kann ihre Freizeit zu gestalten.

Angeregt durch diese Erfahrung erinnerte ich mich an die Gespräche, die ich in den letzten Jahren mit Aikido-Kollegen geführt hatte, die eigene Schulen führen. Ich habe viele Geschichten gehört, die mich zu der Annahme führen, dass die Kampfkünste sich auf dem absteigenden Ast befinden. Lehrer sprachen über sinkende Schülerzahlen, Mietrückstände, Schließungen von Dojos und den Schwierigkeiten klar zu kommen. In mehreren Fällen wurde mir von den Lehrern ehemals großer erfolgreicher Schulen berichtet, dass sie nun eine schwere Zeit durchmachten. Falls diese Eindrücke die Wirklichkeit der Kampfkunst wiedergeben, frage ich mich, was in den letzten rund zehn Jahren geschehen ist, das uns in diese beklagenswerte Lage gebracht hat.

Kampfkünste: Verloren im Meer der Möglichkeiten

Wie ich schon andeutete, gibt es heutzutage einen Überfluss an Möglichkeiten Sport oder Persönlichkeitstraining zu betreiben. Für diejenigen, die geneigt sind eine Form der körperlichen Betätigung zu wählen, gibt es die westlichen Sportarten und vielerlei neu entwickelte Freizeitaktivitäten, die vor noch nicht einmal zwanzig Jahren nicht existierten. Diejenigen, die sich nicht körperlich betätigen wollen, sondern einen eher sitzenden Lebensstil pflegen, können sich mit ihrem Fernseher 24 Stunden am Tag mit Sportsendungen versorgen, neben der ansonsten üblichen Berieselung. Natürlich kann man auch ein Buch lesen, aber immer weniger Menschen tun dies auch. Aber was die Freizeitlandschaft in den letzten Jahren tatsächlich verändert hat, ist das Aufkommen des Internet.

Noch niemals zuvor gab es solch ein Feuerwerk an neuen Technologien, die Informationen zu jedem erdenklichen Thema im Nu und jederzeit bereitstellen. Jeder, den irgendeine Fragen beschäftigt, kann sich aufmachen und die Antwort auf die Frage suchen. Vielleicht wurde auch schon ein ähnliches Problem gelöst. Die Möglichkeiten sind einfach revolutionär. Desweiteren ist dies eine Technologie, die nicht nur den Reichen oder einer sozialen Elite zur Verfügung steht. Es steht den Menschen aller sozialen Schichten gleichermaßen zur Verfügung, selbst große Anteile der Gesellschaften in Entwicklungsländern verfügen über vernetzte Computer oder werden dies in naher Zukunft tun.

Diese vielfältigen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung bedeuten, dass eine potentielle Aktivität auf die eine oder die andere Weise hervorstechen muss, um überhaupt als Betätigungsfeld eine Chance zu haben. Ich denke, dass die Kampfkünste im Allgemeinen und das Aikido im Besonderen hier einige Defizite aufweisen. Der Glanz des Neuen und Exotischen, den die Kampfkünste in den westlichen Ländern einst trugen, hat sich abgenutzt, seit sie vor mehr als 40 Jahren in das öffentliche Bewußtsein traten. Wir leben nicht mehr in den 1960ern, in denen die Samurai-Streifen von Regisseur Kurosawa mit Männern wie Toshiro Mifune noch Kult waren. Lange vorbei sind die Zeiten in denen Bruce Lee und Karate-Kid in der Öffentlichkeit für Aufregung sorgten. Den vorerst letzten größeren Rummel markieren wohl die Filme von Steven Seagel, die - obwohl sie ein verwegenes und verzerrtes Bild vom Aikido zeichnen - zumindest die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich lenkten und somit für einige Zeit großen Erfolg zeitigten. Das Publikum bevorzugt zur Zeit die komödiantischen und kämpferischen Fähigkeiten von Jackie Chan und die phantastiereichen Darbietungen von Stars wie Jet Li, die uns von chinesischen Filmproduzenten serviert werden.

Es muss auch bedacht werden, dass wir es mit einer Generation von Menschen zu tun haben, die eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne besitzen, zweifellos die Folge einer langjährigen Ernährung mit Werbung, Action-Filmen, Videospielen und ähnlichem, die in schneller Folge Tausende von Bildern über den Bildschirm flimmern lassen. Falls durch ein kleines Wunder eine [solchermaßen vorbelastete] Person einer Kampfkunst-Schule beitritt, so scheint es unwahrscheinlich, dass sie längere Zeit dabei bleibt.

Versagen bei der Lebendighaltung der Wurzeln und Kernprinzipien der Kunst

Auch wenn ich glaube, dass diese Diagnose für die Kampfkünste im Allgemeinen gilt, so scheint gerade Aikido in den letzten Jahren an Boden verloren zu haben, da versäumt wurde die Prinzipien zu artikulieren, die der Kunst zugrundeliegen. Aikido-Lehrer mögen Lippenbekenntnisse bezüglich der Ideen der Begründers Morihei Ueshiba (1883-1969) ablegen, doch selbst erfahrenen Lehrern fehlt das Wissen über die kulturellen und historischen Hintergründe der Kunst und sie ignorieren den schwierigen Prozess, der zu dessen Erschaffung führte.

Um den auf dem Shinto basierenden Glauben von Ueshiba für ein internationales Publikum genießbar zu machen, ist die meiste religiöse Sprache und Metaphorik entfernt worden, die seine Sprache und seine Schriften charakterisierte. Was übrig bleibt ist ein vereinfachter Ausdruck, der - obwohl noch philosophischer Natur - seinen einzigartigen japanischen Kulturzusammenhang verloren hat.

Da in der [Aikido-]Gemeinschaft nur ein spärliches Verständnis für die Wurzeln der Kunst vorherrscht, kann Aikido sich in den Augen der nicht informierten Öffentlichkeit nicht von den alten Jujutsu-Stilen unterscheiden, die sich - wenn auch in veränderter Form - im Westen verbreitet haben.

Ich denke, dass sich dies sehr wohl auf die meisten Kampfkünste übertragen lässt. Es ist üblich, dass sich die Techniken und Prinzipien einer Kampfkunst von denen der Begründer entfernen. Die Kunst entfernt sich so weit von der ursprünglichen Form, dass man sich verbiegen muss, um für sie den gleichen Namen zu verwenden. Die Übenden einer Kampfkunst ignorieren ihre Geschichte zu ihrem eigenen Schaden.

Aikido und die Kampfkünste: Das zweischneidige Schwert des Wettkampfsports

Ein weiterer Faktor, der dazu beiträgt, dass die Öffentlichkeit die grundlegenden Prinzipien nicht nachvollziehen kann, besteht darin, dass die Kunst keinen Wettkampf betreibt. In den Augen der meisten sind die Kampfkünste nur weitere Sportarten. Der durchschnittliche Bürger kann die Unterschiede zwischen den traditionellen kriegerischen Disziplinen, die zur Selbstverteidigung und zur Persönlichkeitsentwicklung entstanden, und dem modernen Sport nicht erkennen.

Betrachen wir zum Beispiel das Judo. Jigoro Kano (1860-1938) gelang erfolgreich die Vereinigung der Elemente der beiden großen Jujutsu-Systeme, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überlebt hatten. Er erzielte diesen Erfolg durch die Schaffung einer Wettkampfform, die - nachdem sie einige Verbreitung gefunden hatte - schließlich Eingang in die Lehrpläne der Schulen fand. Die Wandlung des Jujutsu in eine Sportart und dessen Akzeptanz durch das pädagogische Establishment stellte die Verbreitung des Judo in ganz Japan sicher, später reichte sie sogar über Japans Grenzen hinaus. Kano machte sich auch die olympischen Ideale des Franzosen Pierre Coubertin zu eigen und arbeitete hart daran, Judo als olympische Disziplin anerkennen zu lassen. Traurig nur, dass der Begründer des Judo seinen Traum nicht mehr verwirklicht sehen konnte, denn erst 1964 wurde Judo anläßlich der Olympischen Spiele in Tokyo anerkannt.

Kano hatte nicht mit dem negative Einfluss gerechnet, den die Wettkämpfe auf das Sport-Judo haben würden. Die Wettkämpfer eigneten sich befremdliche Strategien an, um zum Sieg zu gelangen, die sich zwar innerhalb der Regularien bewegten, vom Standpunkt des Kämpfens oder der Verteidigung aber - also ihrem eigentlichen Grundprinzip - sinnlos waren. So gab es in einer früheren Phase der Judo-Geschichte Wettkämpfer, die sich aufgrund ihrer Fähigkeiten in “Newaza” gleich zu Beginn eines Kampfes zu Boden fallen ließen, um ihre Gegner ebenfalls zu Boden zu zwingen, weil sie sich dadurch einen Vorteil versprachen.

In späteren Jahren kritisierte Kano das Wettkampf-Judo und bedauerte einige seiner früheren Entscheidungen, nachdem er mitansehen musste, wie die Sportlermentalität und dessen Kulter seine Kreation beeinträchtigte. Obwohl Judo noch weit verbreitet ist - hauptsächlich aufgrund von dessen Institutionalisierung - so betrachten es doch nur noch wenige als ein Selbstverteidigungssystem, denn größere Athleten werden gewöhnlich kleinere besiegen, selbst wenn sie ungeschickter sind. Minoru Mochizuki pflegte zu sagen, dass “Ju-do” (柔道、der sanfte Weg) für viele zu einem “Ju-do” (重道、der schwere Weg) geworden ist!

Verschiedene Aikido-Stile haben mit unterschiedlichem Erfolg mit Wettkampfformen experimentiert. Das bekannteste Beispiel ist das Tomiki-Aikido, geschaffen von Kenji Tomiki (1900-1979). Er war stark von sowohl Jigoro Kano wie auch Morihei Ueshiba beeinflusst. Ab Ende der 1950er Jahre entwarf er eine Wettkampfform nach dem Vorbild des Judo. Er war nur teilweise erfolgreich und wurde von den Anängern anderer Stile des Aikido dafür gemieden, dass er den Wettkampfgedanken im Aikido eingeführt hatte, im Gegensatz zu Ueshibas Prinzipien. Tomikis Nachfolger experimentieren weiterhin mit seinen Theorien, indem sie die Regeln des Sport-Aikido in dem Versuch verändern, Tomikis Ideale umzusetzen.

Ironischerweise führten sowohl das Yoshinkan von Gozo Shioda, als auch das Shinshin Toitsu-Aikido von Koichi Tohei in den 1990er Jahren einen Sportaspekt in ihre Stile ein. Die Vorführenden treten gegeneinander an, erhalten Punkte und die Sieger werden mit Trophäen oder ähnlichem geehrt.

Selbst das Aikikai Welt-Hauptquartier - obwohl es unerschütterlich daran festhält, dass Aikido eine wettbewerbslose Kampfkunst ist - trat vor einigen Jahren der Internationalen World-Games Association bei, um auf globaler Ebene zu weiterer Anerkennung zu gelangen. Aikido wird in dieser Organisation als “Demonstrations-Sportart” geführt, kann aber, da es über keine Wettkämpfe verfügt, kein vollwertiges Mitglied werden. Kürzlich setzte die IWGA den Aikikai unter Druck eine Wettkampfform zu entwickeln, wenn es in der Organisation verbleiben wolle. Der Aikikai lehnte ab und eine zukünftige Mitgliedschaft scheint fraglich.

Die Umwandlung einer Kampfkunst in einen Sport ist zweischneidig: Es kann ein Mittel zur Popularisierung und zum Überleben der Kunst sein; gleichzeitig besteht das Risiko, dass diese Entwicklung den Kernprinzipien der Kunst zuwiderläuft, Judo und Karate sind hier die besten Beispiele. Gemixte Kampfkünste, UFC, K1, Vale Tudo und andere Zerr- und Prügel-Veranstaltungen machen heute Furore. Diese sind weitere Beispiele dafür, wie die Elemente verschiedener traditioneller Kampfkünste zusammengeflickt werden und ein Sport daraus gemacht wird, so dass am Ende eine praktisch nicht mehr wieder zu erkennende Form der ursprünglichen Kampfkünste entsteht.

Mangel an Geschäftssinn

Ein weiterer Schlüssel zur Erklärung des Niedergangs der Kampfkünste liegt im Mangel an Geschäftssinn, den viele Instruktoren an den Tag legen, wenn sie eine Karriere als Berufslehrer anstreben. Technische und pädagogische Fertigkeiten allein reichen nicht, um den Erfolg einer Kampfkunstschule zu gewährleisten. Management und Buchhaltung, Kommunikationsfähigkeit, Gesetzgebung, Möglichkeiten der Förderung durch die Kommunen und viele andere Fachgebiete müssen beherrscht werden, um Erfolg zu haben.

Ein weiterer Punkt ist - und ich halte dies für ein Zeichen unserer Zeit -, dass viele Dojo-Gründer von einer schwachen finanziellen Basis starten. Sie haben zu wenig gespart und müssen Kredite aufnehmen, um ihre Kampfkunstschule zu eröffnen. Da sie über keine Reserven verfügen, sei es psychologisch oder finanziell, haben sie gleich zwei Probleme gleichzeitig zu bewältigen. So gehen sie dann bei der ersten finanziellen Durststrecke unter. Andere halten länger durch, aber scheinen nicht vorwärts zu kommen und schließen dann doch irgendwann. Das wäre erledigt!

In diesem kurzen Aufsatz habe ich versucht an der Oberfläche der Probleme zu kratzen, mit denen sich die Kampfkünste in der heutigen von Konkurrenzdenken geprägten, gnadenlosen Welt herumplagen müssen. Aikido und verwandte Kampfkünste haben ein gutes Stück Arbeit vor sich, wenn sie im unbarmherzigen Marsch in diesen technologisch fortgeschrittenen Zeiten überleben wollen. Es wird gut ausgebildeter Führer und Profis bedürfen, welche die einzigartigen Aspekte der Kunst artikulieren, die sie repräsentieren, um den Trend umzukehren, gegenüber einem Publikum, welches die Qual der Wahl hat.

Ich denke, wir Aikido-Enthusiasten tun gut daran, uns über die Grenzen von Organisationen hinweg auszutauschen, uns gegenseitig Rat und Ermutigung anzubieten und unsere Erfahrungen zu sammeln, um unsere Botschaft mitzuteilen. Das Internet, welches noch in den Kinderschuhen steckt und beinahe alleinig für die heutige Informationsflut verantwortlich ist, kann auch als ein Werkzeug zur Verjüngung des Aikido und anderer Kampfkünste verwendet werden. Wenn sich die Übenden in wahrhaft demokratischen Gemeinschaften zusammenfinden, welche nationale Grenzen sprengen, haben wir alle Möglichkeiten einen neuen Geist in die Gemeinschaft zu tragen und sie wieder in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Stanley Pranin
30. November 2006
Las Vegas, Nevada