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Stanley Pranin

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von Joran Fagerlund

Source Unknown

Übersetzt von Stefan Schröder

Das folgende Interview wurde in der schwedischen Zeitschrift Iwama Ryu News im Jahre 1998 veröffentlicht und wird hier mit der freundlichen Genehmigung von Jöran Fagerlund wiedergegeben.

Nur wenige Menschen wissen mehr über die Geschichte des Aikido als Stanley Pranin und niemand übertrifft ihn in seinen Bemühungen, eine korrekte und fundierte Geschichte des Aikido zu verfassen. Als Chefredakteur der Zeitschriften Aiki News und Aikido Journal hat er nun schon seit mehr als zwanzig Jahren das Leben des Aikido-Gründers Morihei Ueshiba dokumentiert. Stanley Pranin ist bekannt für seinen Sinn fürs Detail und seine Korrektheit. Auch wenn seine Nachforschungen ihn manchmal in Schwierigkeiten brachten, denn einige seiner Entdeckungen widersprechen den offiziellen Versionen der Aikido-Geschichte, hat sein tiefschürfendes Wissen ihm einen großen Respekt in der Aikido-Gemeinschaft eingebracht.

Stanley Pranin hat seine “kontroversen” Schlussfolgerungen über den Begründer und seine Kunst, die er mit seinen Mitarbeitern im Laufe der Jahre angesammelt hat, im Leitartikel der Aiki News #98 (Frühjahr 1994) zusammengefasst:

Morihei Ueshiba war ein exzentrischer Querdenker, der mit der Entwicklung des Aikido einen sehr persönlichen Weg verfolgt hat. Dies wurde ihm während seiner ersten Lebenshälfte erst möglich durch die Liebe und die Großzügigkeit seines Vaters Yoroku, dem erhebliche Mittel zur Verfügung standen. Ueshibas Schöpfung des Aikido wurde im Daito-Ryu als ein Akt der Rebellion und als Respektlosigkeit gegenüber Sokaku Takeda angesehen. Ueshiba war seinerseits Onisaburo Deguchi loyal ergeben und der größte Teil seiner ethischen Ansichten fussen auf der Lehre des Führers der Omoto-Sekte. O-Sensei verwendete größtenteils Metaphern und Symbole der Omoto-Doktrin, wenn er das Budo als Werkzeug zur friedlichen Lösung von Konflikten darstellte. Diese Botschaft ist im Rahmen der Popularisierung des Aikido vereinfacht und auch verändert worden.

Nach dem Krieg gewannen die ethischen und religiösen Ansichten Ueshibas in seinem Konzept vom Budo an Wichtigkeit, bedingt durch die physische und psychische Vernichtung, die Japan durch den Krieg erlitten hat. Der Begründer entwickelte Aikido in seiner modernen Form in einer Zeit intensiven Studiums in Iwama in der Zeit von etwa 1942 bis in die Mitte der fünfziger Jahre. Ueshibas Einfluss auf das Nachkriegs-Aikido war eher ein spiritueller und symbolischer, weniger ein technischer. Die Techniken, wie auch die weite Verbreitung des Aikido, lagen eher in den Händen von Gozo Shioda, Koichi Tohei, Kisshomaru Ueshiba, sowie auch, allerdings zu einem geringeren Anteil, den älteren Lehrern der zweiten Generation.

Das heute übliche Aikido unterscheidet sich in folgenden Punkten erheblich von dem, welches der Begründer während seiner Jahre in Iwama entwickelt hat: Atemi (Schläge oder Stöße zu Vitalpunkten) sind entfernt worden und ihre Rolle wurde heruntergespielt. Die Anzahl der geübten Techniken wurde verringert. Der Schwerpunkt auf Irimi (Eintreten) und das Anbahnen von Techniken durch Tori (derjenige, der die Technik ausführt) ging verloren. Der Unterschied zwischen Omote und Ura wurde verwischt. Übungen mit dem Aiki Ken, Aiki Jo oder anderen Waffen wurde seltener oder ganz gestrichen. Obwohl Aikido noch von manchen als Budo betrachtet wird, hat es sich nur wenig seiner Effektivität als Kampfsystem erhalten. Die heutige sanfte und zwanglose Übungspraxis haben es in etwas verwandelt, dass man eher ein Gesundheitsprogramm oder Gymnastik nennen könnte. [1]

Iwama Ryu News hat Stanley Pranin im Mai 1998 während der Arbeiten zu Band 5 der Takemusu Aikido-Serie im Iwama-Dojo interviewt.

Warum haben Sie Aiki News 1974 ins Leben gerufen?

Vor einigen Jahren waren mir einige japanische Zeitungsartikel in die Hände gefallen, die in einer Serie über das Leben von O-Sensei berichteten. Da es keine englische Übersetzung gab, machten ein japanischer Freund von mir und ich uns daran, die 17 Artikel zu übersetzen. Ich zeigte sie einigen Freunden und alle wollten sie haben, also vervielfältigten wir die Artikel und gaben sie weiter. Die Leute waren begeistert. Ich mochte es schon immer zu schreiben und es war in Nord-Kalifornien auch einiges los, so dass ich dachte: “Nun, lasst uns einen kleinen Nachrichtenbrief herausgeben.”

Wir benutzten die Artikel über O-Sensei als unseren Aufhänger und fügten ein paar lokale Nachrichten hinzu. Ich schrieb einen kleinen Leitartikel und hin und wieder schickten mir Leute Artikel. Wenn dann ein japanischer Sensei in der Gegend war, führte ich ein Interview und habe das hinzugefügt. Es war nur ein Hobby. Es war eine Möglichkeit Dinge, die ich nur für mich herausgefunden hatte, einem größeren Publikum zur Verfügung zu stellen.

Was haben Sie mit Ihrer Arbeit erreicht?

Ich habe mir viel Ärger eingehandelt (lacht). Ich glaube wir haben überzeugend dargelegt, dass es sowohl eine wichtige Verbindung zwischen dem Daito-Ryu und O-Sensei, wie auch der Omoto-Religion und O-Sensei gegeben hat. Seine Person aus diesen Zusammenhängen herauszulösen erweist dem Aikido einen Bärendienst, denn dann ist es nur sehr schwer zu verstehen, wer O-Sensei war, in welcher Art und Weise er Neues schuf und was er erreicht hat. Wir konnten dies belegen und auch Saito-Senseis Rolle in diesem Kontext geschichtlich dokumentieren. Er war nicht nur sehr talentiert, er war auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Hätte er nicht für die japanische Eisenbahn gearbeitet, wäre er nicht so weit gekommen. Mit einem Bürojob mit regelmäßigen Arbeitszeiten hätte er nicht so ernsthaft trainieren können.

Wir haben einige historische Fakten entdeckt, die wahrscheinlich nur detailversessene Leute interessieren. Es gab eine starke Verbindung zwischen der Inoue-Familie [2] und der Ueshiba-Familie, wir sprechen hier über Geschichte, die 70 oder 80 Jahre zurückliegt. Vor langer Zeit haben sich Dinge abgespielt, die für das Training O-Senseis im Hinblick auf sein Training sehr, sehr wichtig waren. Sie haben ihn gefördert und ihn in vielerlei Hinsicht unterstützt.

Wie würde die Geschichte des Aikido ohne Aiki News aussehen?

In den vom Aikikai und Yoshinkan herausgegebenen Büchern kann man das nachlesen. Doshu hat eine Biographie von O-Sensei geschrieben, die ich dann publiziert habe, ich glaube, das war 1977. Es war für zwei oder drei Jahre erhältlich. Es enthält wirklich eine Menge wichtiger historischer Informationen und erzählt auch von seinen Erfahrungen als Sohn des Begründers.

Man muss aber auch beachten, dass O-Sensei sich mit verschiedenen Leuten gestritten hat und es hin und wieder Ärger gab, manchmal auch mit wichtigen Leuten, die ihn in seinen Aktivitäten unterstützten oder auch mit Mitgliedern der Familie Inoue oder man denke an den Streit mit dem Daito-Ryu. Es gab deshalb nachträglich den Wunsch diese Leute zu ignorieren, auch wenn sie historisch betrachtet eine wichtige Rolle gespielt haben. Im Aikikai wollte man diese Dinge lieber nicht erwähnen. Aus menschlicher Sicht kann man das verstehen. Aber als Historiker erhielte man ein völlig verzerrtes Bild des Aikido und wie es entstand, wenn man das Daito-Ryu oder die Inoue-Familie einfach ignorieren würde. Man muss O-Sensei in diesem historischen Kontext belassen, um seine Größe zu verstehen und um zu verstehen, wie bedeutend seine Erschaffung des Aikido war. War das Aikido? Ist es eine völlig neue Kampfkunst oder ist es nur ein aufgewärmtes Daito-Ryu, was ist es? Man kann das nicht beantworten, ohne die Geschichte zu studieren. Man hat sonst keine Grundlage, auf der man sein Werk bewundern kann.

Hätten Sie sich in den Anfängen von Aiki News vorstellen können, wie wichtig es werden würde?

Nein, ich glaube, ich hatte keine Ahnung, was ich tun würde. Ich hatte eine Zeit lang ein Dojo. Mein Antrieb war mein Wunsch, mehr über O-Sensei zu erfahren. Als ich 1969 das erste Mal nach Japan kam, begann ich nach Informationen zu suchen, habe aber nichts erreicht. Nur sehr wenige Leute wollten mir helfen. Selbst auf Japanisch gab es kaum etwas. Niemand hatte jemals wissenschaftlich Aikido untersucht. O-Sensei war gerade gestorben und die Japaner schienen Wissenschaft nicht für so wichtig zu halten. Als ich einmal angefangen hatte etwas herauszufinden, konnte ich noch mehr herausfinden und alles wurde noch interessanter. Also wollte ich weitermachen.

Was sind ihre Pläne für die Zukunft von Aiki News?

Ich möchte jeden möglichen Aspekt des Lebens von O-Sensei dokumentieren. Das bedeutet, das Daito-Ryu in aller Tiefe zu dokumentieren. Wir werden dieses Jahr eine englische Übersetzung einer Biographie von Onisaburo Deguchi herausgeben. Ich möchte mit Saito-Sensei so viele Bände seiner Handbücher herausgeben, wie er gerne möchte. Eines Tages möchte ich gerne technische Handbücher über das Daito-Ryu herausgeben. Es gibt einige Lehrer, die unterschiedliche Richtungen im Aikido verfolgen, mit denen ich zwar nicht trainiere, die ich aber dennoch bewundere und respektiere. Ich würde gerne gerne ein paar Sachen mit ihnen machen, weil ich denke, das sie wertvolle Dinge tun. Und dann, in ein paar Jahren, möchte ich ernsthaft eine Biographie von O-Sensei schreiben. Da ich sie selbst publizieren werde, wird es also auch keinen Editor geben, der mir sagen könnte, dass ich dies zu lang oder jenes zu detailliert ausführe. Ich mache einfach was ich möchte. Ich denke darüber nach, was von mir bleiben wird, wenn ich einmal sterbe.

Können Sie bitte die Gründe für die Herausgabe der Buchreihe mit Saito-Sensei, für die heute einige Aufnahmen gemacht wurden, etwas erläutern?

Wie ich schon in einigen meiner Leitartikel und auch im Band I der Serie erklärt habe, hatte Saito-Sensei aufgrund eines historischen Zufalls die einzigartige Gelegenheit mehr mit dem Begründer zu trainieren, als irgendjemand sonst. Er hat soviel technischen Unterricht des Gründers genossen und arbeitet darüber hinaus auch noch sehr methodisch, dass er in der Lage ist, die Techniken einzuordnen und sie auf eine Weise zu erklären, die sehr viel leichter verständlich ist. Die Erhaltung von Saito-Senseis Techniken kommt der Erhaltung von O-Senseis Techniken noch am nächsten. Ich kenne keinen mir näherstehenden Meister, dessen Wissen über Aikido so tief ist, der klar erklären kann und der O-Sensei über eine lange Zeit sehen konnte und so auch die Änderungen in den Techniken verfolgen konnte.

Wir befinden uns jetzt im Iwama-Dojo. Welche Rolle spielt dieser Ort für die Entwicklung des Aikido aus ihrer Sicht?

Dies ist der Ort, an dem sich O-Sensei wahrscheinlich am besten entspannen konnte und wo er sich im Alter am wohlsten fühlte. Er reiste zwar nach Tokyo, Osaka, Tanabe und Shingu, aber hier war sein zu Hause. Sein Haus in Tokyo wurde mehr und mehr das Haus seines Sohnes, des heutigen Doshu. Natürlich hielt er sich auch dort auf, aber sein Heim war hier. Während seiner Reisen war auch seine Frau Hatsu hier in Iwama. Sie war nicht oft in Tokyo. Ab etwa 1942 war dies im Wesentlichen sein zu Hause.

Das Dojo hat seinen alten Charakter erhalten. Es ist kein modernes Betongebäude. Die Umgebung ist sehr schön und gegenüber liegt der Schrein; der spiritulle Aspekt war für O-Sensei sehr wichtig. Es ist ein ganz besonderer Ort und nach dem Krieg wahrscheinlich der einzige Ort, wo O-Sensei zu Hause war. Vielleicht sehen die Leute in Tokyo das anders, aber ich sehe das so.

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