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Kisshomaru Ueshiba

von Stanley Pranin

Aiki News #30 (August 1978)

Übersetzt von Stefan Schröder

Der folgende Artikel wurde durch die freundliche Hilfe von Jason Wotherspoon (Australien) ermöglicht.

Das folgende Interview fand am 30. Mai 1978 in Shinjuku, Tokyo, im Haus von Kisshomaru Ueshiba statt. Das Thema des Interviews war die von ihm kürzlich herausgegebene Biographie von Doshus Vater, O-Sensei. Anwesend waren Doshu, der Aiki-News-Redakteur Stanley Pranin und die Übersetzerin Midori Yamamoto.

Aikido Doshu Kisshomaru Ueshiba zu Hause (1978)

Editor: Wann ist die erste Ausgabe Ihres Buches Der Gründer des Aikido erschienen?

Doshu Kisshomaru Ueshiba: Das war Ende September … am 28. September 1977.

Wann begann Sie die Biographie zu schreiben?

Ich kann nicht genau sagen, wann ich begann. Der Tod meines Vaters liegt nun neun Jahre zurück. Zwei oder drei Jahre nach seinem Tod begann ich nach und nach Material zusammenzutragen. Gegen Anfang 1976 habe mich dann ernsthaft dieser Aufgabe gewidmet und bat einen Verlag um Hilfe. Schon vorher war ich in Hokkaido gewesen, in Wakayama und Umgebung, in Ayabe und Kameoka, auch in Tajima. Ich suchte überall dort nach Spuren meines Vaters. Ich reiste nach Hokkaido, wo ich hoch in die Berge ging. Ich besuchte den Schrein in Shirataki. Selbst die Leute im Dorf wussten nicht, dass es eine Verbindung zwischen Morihei Ueshiba und ihrem Schrein gab. Ich bat den Ortsvorsteher den Bretterverschlag um den Schrein zu öffnen, auch wenn es sehr unhöflich war, den Schrein zu stören; niemand lebte dort und der Schrein war geschlossen. Als wir ihn betraten, fanden wir eine Inschrift, die besagte, dass Morihei Ueshiba für den Schrein an diesem und jenem Tag gespendet hatte. So sammelte ich einiges neues Material und das Buch nahm langsam Gestalt an.

Sie schreiben in dem Vorwort des Buches, Sie hätten in Shirataki einen Mann getroffen, der mit Ihrem Vater von Tanabe nach Shirataki gezogen war. Sie haben doch bestimmt viele Anekdoten von ihm erzählt bekommen. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Dieser Mann hieß Takeda. Er starb kurz nach meinem Besuch. Mein Vater hatte eine Siedlergemeinschaft in Tanabe gegründet und diese Gruppe zog nach Hokkaido. Mein Vater war der Führer der Gruppe und Herr Takeda war ein Mitglied. Er war damals ein junger Mann, vielleicht ein Teenager, denke ich. Er erinnerte sich an die alten Zeiten und meinen Vater, wie er mit ihm die frohen und harten Zeiten erlebte. Nachdem Aikido populärer wurde, kamen viele Leute nach Shirataki, um mehr über die Wurzeln des Aikido zu erfahren. Sie besuchten dann Herrn Takeda, der ihnen von damals erzählen würde. Auch wenn die Geschichten Wiederholungen enthielten, waren sie sehr interessant.

Wie war der Vorname von Herrn Takeda?

Er steht im Aiki Shimbun, da können Sie ihn nachlesen. In einer der alten Ausgaben.

Ist Shirataki immer noch ein kleiner Ort oder ist er seitdem gewachsen?

Die Gegend von Shirataki leidet unter Bevölkerungsschwund. Jede Entwicklung wäre dort schwierig. Dort wohnen immer weniger Leute. Der Frost kommt Ende September oder Anfang Oktober, es ist sehr kalt dort. Trotzdem ist es ein schöner Ort. Es gibt sogar heiße Quellen. Ich war im September dort und dank des Ortsvorstehers hielt der Ortsrat mit einigen Würdenträger ein Bankett zu meinen Ehren. Es war wunderbar.

Es war ein großer Empfang, nicht wahr?

Ja, wirklich. Herr Takeda erzählte mir, dass mein Vater einiges an Ländereien von der Regierung gekauft und kultiviert hatte und zeigte sie mir auch. Mein Großvater, der in Tanabe auch zum Ortsrat gehört hatte, war - so Herr Tanaka weiter - recht wohlhabend und so hatte mein Vater, der Gründer des Aikido, mit dem Geld meines Großvater im Rücken viele Freiheiten. Takeda sagte mir: “Ihr Großvater war ein großer Mann. Deswegen konnte Ihr Vater Aiki betreiben, so wie er es tat. Ihr Großvater gab ihrem Vater all das Geld, welches er benötigte.” Ich hatte das schon vorher gehört, aber nun das erste Mal von einem Augenzeugen. Als sie damals von Tanabe nach Hokkaido gingen, sind sie von Aomori aus mit der Kampu-Fähre (heute die Seikan-Fähre) gefahren. Es gab keine Eisenbahnstrecke nach Shirataki. Man muss von Asahikawa in Richtung Abashiri gehen. Man musste mit Pferden und Kutschen reisen. Er erzählte von vielen Erschwernissen. Einmal fiel ein Wagen um, weil die Pferde sich erschrocken hatten. Es muss damals sehr schwer gewesen sein.

Sind sie jemals mit Ihrem Vater in Hokkaido gewesen?

Nein, bin ich nicht. Dieses war mein erste Reise dorthin.

Ich verstehe.

Mein Vater war vor meiner Geburt in Hokkaido. Nachdem er Hokkaido wieder verließ, bin ich in Ayabe (Präfektur Kyoto) geboren. Er ist dann nie wieder nach Hokkaido gegangen. Aber er ging in die Mongolei, etwa 1924 und während des Krieges war er in der Mandschurei. Nach dem Krieg war er auch auf Hawaii, aber nie wieder in Hokkaido.

O-Sensei besuchte die Mongolei und die Mandschurei. War er auch in Peking?

Ja. Er war in Peking, aber damals war es nicht wie heute. Dies war vor langer Zeit, 1940 oder 1941, er war 1924 oder 1925 in der Monoglei. Das ist wirklich lange her. Die Gegend wimmelte von Banditen. Es waren schwere Zeiten.

Das waren sie bestimmt. In ihrem Vorwort erwähnen sie, dass O-Sensei sie schon früher gedrängt hatte seine Biographie zu schreiben. Bitte erzählen sie uns davon.

Es gab schon eine oder zwei Biographien meines Vaters. Aber die Autoren haben einen sehr subjektiven Standpunkt eingenommen. Die Bücher enthalten Passagen, die bis zu einem gewissen Grad dramatisiert wurden. Mein Vater bat mich also, eine akkuratere Biographie zu verfassen. Aber es war für mich schwierig an dieser Biographie zu arbeiten, während mein Vater noch lebte, deswegen verschob ich dies. Nachdem er verstarb dachte ich, nun sei es dringend, aber ich konnte es nicht gleich erledigen. Nun hat es acht oder neun Jahre gedauert. Ich habe soviel Material gesammelt wie ich konnte. Es gibt viele Leute mit unterschiedlichen Ansichten über Morihei Ueshiba, jeder nach seinem eigenen Image. Aber diese Biographie wurde aus vielerlei korrekten Quellen zusammengestellt, mit den Dingen, die die gehört und gesehen habe als Ausgangspunkt.

Es ist wirklich ein hervorragendes Buch. Auch wenn sie vieles Material schon vorher gesammelt und sortiert hatten, haben Sie doch nur knapp über ein Jahr gebraucht, um es zu schreiben. Ich nehme an, dass Sie mindestens ein oder zwei Monate nichts anderes taten, als an dem Buch zu arbeiten.

Ja, die Biographie brauchte wirklich viel Zeit. Ich habe insgesamt elf oder zwölf Bücher über Aikido-Techniken geschrieben. Dies ist wohl das zwölfte Buch. Von den Büchern, die ich geschrieben habe, habe ich für das erste, das ich vor 20 Jahren schrieb und das den Titel “Aikido” trug, und nun das letzte am längsten gebraucht. Das Schreiben meines ersten Buches hat auch solange gedauert.

Warum ist es für die Schüler des Aikido wichtig O-Senseis Biographie zu kennen oder anders formuliert: Den Weg des Begründers?

Es ist immer eine gute Sache Aikido zu erlernen, egal ob man Aikido einfach wunderbar findet oder weil man in Aikido genau das findet, was man gesucht hatte. Ich denke, dass es wichtig und notwendig ist, den Ursprung des Aikido im Gedächtnis zu behalten. Heute begegnet man oft Leuten, die das Aikido aufgeben, nachdem sie nur kurz davon gekostet haben. Sie wissen gar nicht, worum es im Aikido geht. Es ist sehr unglücklich, wenn die Leute glauben, dass es im Aikido nur darum ginge, die Arme und Beine richtig zu bewegen und es sich somit in etwas verwandeln würde, dass kaum noch eine Ähnlichkeit mit dem originalen Aikido hätte. Deswegen ist es auch wichtig, sich die Mühsal vor Augen zu führen, die zur Erschaffung dieser Kunst führte. Keine Frage: Die physischen Aspekte des Aikido sind wichtig. Aber es geht eben nicht nur darum die Arme und Beine zu bewegen. Es ist eine Angelegenheit des Geistes und des Herzens. Wenn sich das geistige Training nicht in den Bewegungen des Körpers wiederspiegelt, dann übt man nicht richtig. Es ist falsch zu glauben, man übe Aikido nur weil man sein Gegenüber werfen oder niederringen kann oder weil man stark ist.

Im Judo oder Karate zum Beispiel gibt es starke Leute. Die gibt es auch im Sumo. Auch im Aikido gibt es starke Leute. Aber das wahre Aiki handelt nicht davon einen starken Körper zu haben, es geht nicht um Muskelkraft. Es geht um die Vereinigung von Körper und Geist. Selbst eine Person, die während aller Krisen ruhig bleibt, kann nicht stark genannt werden, wenn ihr Geist nicht kultiviert wurde. Wenn man also die Schaffung von O-Senseis Weg studiert und welches Menschenbild es voraussetzt, dann wird man nicht missverstehen, wie der wahre Weg des Aikido beschaffen sein sollte. Wenn man sich also zu verstehen bemüht, wie O-Sensei diesen Weg erschuf, welches Menschenbild er hatte, dann wird man den wahren Weg des Aikido verstehen. Darum möchte ich, dass jeder diese Biographie liest.

Ich möchte noch eine andere Sache zur Sprache bringen. Es gibt viele Leute, die Morihei Ueshiba als “allmächtig” oder als “Kami” (ein göttliches Wesen) verehren. Das ist solange in Ordnung, wie es zu hartem Training anhält. Da er aber ein menschliches Wesen war, war er nicht allmächtig. Deswegen denke ich, dass es wichtig ist, seine eigene Individualität zu kultivieren oder besser gesagt, durch das Aiki-Training seinen individuellen Charakter zu verbessern und dadurch ein Verständnis für die Bemühungen des Gründers bei der Erschaffung des Aikido-Weges zu erlangen.

Im ersten Kapitel der Biographie erwähnen Sie, dass es gefährlich sei, O-Sensei als Kami anzusehen und seine Techniken für göttlich zu halten.

Nun ja, in gewissem Maße, waren seine Techniken “göttlich”. Es war wirklich unglaublich. In Japan herrscht der Glaube, dass in allem und jedem Kami leben. Das japanische Shinto ist nicht monotheistisch. In diesem Sinne ist O-Sensei ein Kami der Kampfkünste, ein Aiki-Kami. Das ist in Ordnung, das ist eine Betrachtungsweise. Aber ich halte es für gefährlich, irgend jemanden als “allmächtig” zu betrachten. Das kann extreme Auswüchse erlangen, wie dies im Großen Ostasiatischen Krieg (2. Weltkrieg) geschah, als Japan sich als “göttliche Nation” betrachtete. Wichtig ist nicht diese Geisteshaltung, sondern die wahre Natur des Aikido zu begreifen, während man sich die Erschwernisse vor Augen führt, die der Gründer Morihei Ueshiba bei der Schaffung des Aikido erlitten hat, während er für uns alle den Weg geebnet hat.

Wird fortgesetzt.

(Transkription von Kei Fukushima, Übersetzung vom Japanischen ins Englische von Stanley A. Pranin und Midori Yamamoto.)