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Interview mit Morihei und Kisshomaru Ueshiba

Aiki News #18 (August 1976)

Übersetzt von Stefan Schröder

Morhei Ueshiba

A: Während meines Studiums am College zeigte uns mein Philosophie-Professor einmal das Bild eines berühmten Philosophen und ich bin überrascht, von der Ähnlichkeit dieses Philosophen mit Ihnen.

O-Sensei: Nun ja, vielleicht hätte ich lieber ein Philosoph werden sollen. Meine spirituelle Seite ist betonter als meine körperliche.

B: Es heißt, Aikido unterscheide sich stark von Karate und Judo.

O-Sensei: Ich denke, dass Aikido die wahre Kampfkunst ist, denn es gründet auf der universellen Wahrheit. Das Universum besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen und dennoch ist das Universum als ganzes wie eine Familie vereint und es symbolisiert den ultimativen Zustand des Friedens. Mit diesem Blick auf das Universum, kann Aikido nichts anderes als die Kampfkunst der Liebe sein. Es kann keine Kampfkunst der Gewalt sein. Aus diesem Grund kann man auch sagen, dass Aikido eine andere Manifestation des Schöpfers des Universums ist. Mit anderen Worten, Aikido ist wie Riese. Im Aikido sind der Himmel und die Erde der Platz der Übung. Der Geisteszustand des Aikidoka muss friedlich und völlig gewaltfrei sein. Es ist dies der ganz besondere Zustand, der Gewalt in einen Zustand der Harmonie überführt. Und das, so denke ich, ist der wahre Geist der japanischen Kampfkünste. Uns wurde diese Erde übergeben mit der Aufgabe, sie in den Himmel auf Erden umzuwandeln. Jede Art kriegerischer Aktivität ist hier fehl am Platz.

A: Aikido unterscheidet sich also sehr von den traditionellen Kampfkünsten.

O-Sensei: Genau, es unterscheidet sich völlig. Wenn wir die Geschichte betrachten, dann stellen wir fest, wie sehr die Kampfkünste mißbraucht wurden. Während der Sengoku-Periode (1482-1558 — Sengoku bedeutet “sich bekämpfende Ländereien“) nutzten die Kriegsherren die Kampfkünste als Werkzeug für ihre persönlichen Interessen und um ihre eigene Gier zu befriedigen. Ich denke, dies war völlig unangemessen. Ich selbst habe während des Krieges Soldaten die Kampfkünste mit dem Ziel gelehrt, andere zu töten. Nach dem Krieg hat mich das sehr bekümmert. Dies motivierte mich vor sieben Jahren, den wahren Geist des Aikido zu erforschen. Zu dieser Zeit kam ich auf die Idee, den Himmel auf Erden erschaffen zu wollen. Der Grund für diese meine Entscheidung war, dass obwohl der Himmel und die Erde (d.h. das physikalische Universum) einen Zustand der Perfektion erreicht haben und sich vergleichsweise stabil entwickelt, die Menschheit (und besonders das japanische Volk) sich in einem Zustand des Umbruchs befindet. Die Umsetzung dieser Mission besteht in dem Betreten des Weges hin zu einer universellen Menschlichkeit. Als mir dies klar wurde, schlußfolgerte ich, dass der wahre Zweck des Aikido in Liebe und Harmonie besteht. Das Zeichen “bu” (kriegerisch) muss im Zusammenhang mit Aikido als ein Ausdruck der Liebe betrachtet werden. Ich erlernte Aikido, um meinem Land zu dienen. Also kann der Geist des Aikido nur in Liebe und Harmonie bestehen. Aikido wurde geschaffen in Übereinstimmung mit diesen Prinzipien und im Einklang mit dem Universum. Aus diesem Grund ist es ein “Budo” (Kampfkunst) des absoluten Sieges.

B: Bitte erzählen Sie uns etwas über die Prinzipien des Aikido. In der Öffentlichkeit wird Aikido als etwas mystisches angesehen, ähnlich wie Ninjutsu, da Sie, Sensei, starke Angreifer mit blitzesschnelle niederwerfen und früher Gegenstände gehoben haben, die mehrere hundert Pfund wogen.

O-Sensei: Es scheint nur mystisch zu zugehen. Im Aikido verwenden wir nur die Kraft eines Angreifers. Je mehr Energie er in seinen Angriff steckt, desto leichter ist er zu werfen.

B: In diesem Sinne ist doch auch “Aiki” in Judo, den auch dort synchronisiert man seinen Rhythmus mit dem des Gegners. Wenn er drückt, ziehe, wenn er zieht drücke. Man bewegt ihn auf diese Weise, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und dann die Technik anzuwenden.

O-Sensei: Im Aikido gibt es absolut keinen Angriff. Anzugreifen bedeutet im Geiste schon verloren zu haben. Wir befolgen das Prinzip der Widerstandslosigkeit, wir halten dem Angreifer nichts entgegen. Somit gibt es keinen Angegriffenen. Der Sieg im Aikido besteht nur in ‘masakatsu agatsu’ (der wahre Sieg ist der über sich selbst); da man in Übereinstimmung mit einer himmlischen Mission handelt, gewinnt man und besitzt die absolute Stärke.

B: Ist das die Bedeutung von ‘ato no sen’? (Dieser Begriff bezieht sich auf das erst verzögerte Reagieren auf einen Angriff)

O-Sensei: Keinesfalls. Dies ist keine Frage von ‘sensen no sen’ oder ‘sen no sen’. Wenn ich versuchen wollte es zu beschreiben, so würde ich sagen, ich kontrolliere den Angreifer ohne zu versuchen ihn zu kontrollieren. Dies ist der Zustand des immerwährenden Sieges. Die Frage nach Sieg oder Niederlage stellt sich überhaupt nicht. In diesem Sinne gibt es keinen Gegner im Aikido. Selbst wenn es etwas wie einen Angreifer gäbe, so würde er ein Teil von mir, ein Partner, den es nur zu kontrollieren gilt.

B: Wie viele Techniken gibt es im Aikido?

O-Sensei: Es gibt über 3000 Grundtechniken. Jede hat 16 Variationen; es gibt also viele Tausend. Je nach Situation erschafft man neue.

A: Wann haben Sie mit dem Erlernen der Kampfkünste begonnen?

O-Sensei: Ungefähr mit vierzehn oder fünfzehn Jahren. Zuerst erlernte ich Tenshinyo-ryu Jiujitsu von Tokusaburo Tozawa Sensei, danach Kito-ryu, Yagyu-ryu, Aioi-ryu, Shinkage-ryu, all dies sind Formen des Jujutsu. Aber schon damals dachte ich, es könnte irgendwo eine wahres Budo existieren. Ich versuchte es mit Hozoin-ryu sojitsu und Kendo. Aber alle diese Künste beschäftigten sich nur mit dem Kampf ‘einer-gegen-einen’ und dies schien mir nicht ausreichend. So reiste ich durch das ganze Land auf der Suche nach dem Weg, trainierte hier und da, aber es war vergebens.

A: Betrieben Sie so das asketische Training eines Kriegers?

O-Sensei: Ja, es war die Suche nach dem wahren Budo. Wenn ich andere (Kampfkunst-)Schulen besuchte, habe ich niemals den Meister des Dojos herausgefordert. Ein Vorstand eines Dojos ist mit so vielen Angelegenheiten beschäftigt, dass es schwierig für ihn wird, seine wirklichen Fähigkeiten zu zeigen. Ich würde ihm den angemessenen Respekt bezeugen, von ihm lernen und, sobald ich mich für überlegen hielt, erneut meinen Respekt bezeugen und Heim reisen.

B: Also haben Sie nicht von Anfang an Aikido erlernt. Wann wurde das Aikido erschaffen?

O-Sensei: Wie ich schon sagte, suchte ich das wahre Budo an vielen Orten. Dann, als ich ungefähr 30 Jahre alt war, lebte ich in Hokkaido. Es ergab sich, dass ich während meines Aufenthaltes in der Hisada Herberge in Engaru, Kitami Provinz, einen gewissen Sokaku Takeda vom Aizu-Clan kennenlernte. Er unterrichtete Daito-Ryu Jujutsu. Die dreißig Tage, während derer ich von ihm lernte, waren wie eine Eingebung für mich. Später lud ich diesen Lehrer in mein Haus ein und zusammen mit 15 oder 16 meiner Angestellten wurde ich sein Schüler auf der Suche nach der Essenz des Budo.

B: Haben Sie Aikido entdeckt, während Sie Daito-ryu von Sokaku Takeda lernten?

O-Sensei: Nein, es wäre genauer zu sagen, dass Takeda-Sensei mir die Augen in Hinblick auf das Budo geöffnet hat.

A: Gab es besondere Umstände während Ihrer Entdeckung des Aikido?

O-Sensei: Ja. Es geschah so: Mein Vater wurde 1919 sehr krank. Ich bat Meister Takeda um die Erlaubnis und machte mich auf nach Hause. Auf meinem Heimweg kam ich nach Ayabe, in der Nähe von Kyoto, und dort betete ich für die Heilung aller Krankheiten. Dort traf ich Onisaburo Deguchi. Als ich daheim ankam, war mein Vater schon gestorben. Obwohl ich Deguchi-Sensei nur einmal getroffen hatte, entschied ich mich, mit meiner Familie nach Ayabe zu ziehen und blieb dort bis in die späte Taisho-Periode (etwa 1925). Ja, …, da war ich etwa 40 Jahre alt. Eines Tages trocknete ich mich gerade bei einem Brunnen ab. Plötzlich hüllte mich ein blendendes Feuerwerk aus goldenen Blitzen ein, dass vom Himmel her auf mich einströmte. Mein Körper wuchs und wuchs, bis er so groß war, wie das gesamte Universum. Während ich von dieser Erfahrung noch ganz überwältigt war, wurde mir klar, dass man nicht an das Gewinnin denken soll. Budo muss aus Liebe geformt sein. Man sollte in der Liebe leben. Das ist Aikido und das ist die alte Form der Haltung im Kenjutsu. Nach dieser Erkenntnis war ich überglücklich und konnte meine Tränen nicht zurückhalten.

B: Es ist also im Budo nicht gut stark zu sein. Seit grauer Vorzeit ist die Einheit von “ken” und “Zen” gelehrt worden. Es kann tatsächlich die Essenz des Budo nicht ohne das Leeren des Geistes verstanden werden. In diesem Zustand verlieren die Worte ‘richtig’ und ‘falsch’ ihre Bedeutung.

O-Sensei: Wie ich schon sagte, die Essenz des Budo ist der Weg des ‘masakatsu agatsu.’

B: Ich habe gehört, Sie sind einmal in einen Kampf mit 150 Arbeitern verwickelt gewesen.

O-Sensei: War ich das? Soweit ich mich erinnere … Deguchi-Sensei ging 1924 in die Mongolei, um sein Ziel einer größeren asiatischen Gemeinschaft in die nationale Politik zu tragen. Wir reisten in die Mongolei und die Mandschurei. Während wir uns in letzterem Land aufhielten, trafen wir auf eine Gruppe berittener Banditen und eine Schießerei brach aus. Ich erwiderte das Feuer mit meiner Mauser und rannte daraufhin in die Mitte der Banditen, um sie zu attackieren; sie sprengten auseinander. Ich hatte den Angriff erfolgreich überstanden.

A: Sie, Meister, haben viele Verbindungen mit der Mandschurei. Sind Sie lange dort gewesen?

O-Sensei: Seit diesem Vorfall bin ich ziemlich oft in der Mandschurei gewesen. Ich hatte die Aufsicht über die Kampfkünste innerhalb der Shimbuden-Organisation und in der Kenkoku-Universität in der Mongolei. Aus diesen Gründen bin ich dort immer freundlich aufgenommen worden.

B: Ashihei Hino hat eine Geschichte namens “Oja no Za” für die Zeitschrift Shosetsu Shincho geschrieben, in welcher er die Jugend des Sumo-Rebellen Tenryu Saburo erzählt. Er berichtet von Tenryus Begegnung mit der Kampfkunst Aikido und ihrem wahren Geist. Haben Sie Teil an dieser Geschichte?

O-Sensei: Ja.

B: Sie waren also mit Tenryu für einige Zeit verbunden?

O-Sensei: Ja, er lebte für drei Monate in meinem Haus.

B: War das in der Mandschurei?

O-Sensei: Ja. Ich traf ihn während einer der Feiern anläßlich des zehnten Jahrestages der mandschurischen Regierungsgründung. Dort war ein gutaussehender Mann bei einer Party und viele Leute bedrängten ihn mit Worten an, wie: “Der Meister hat enorme Kraft. Wie wäre es, wenn ihr euch miteinander mäßet?” Ich frug einen bei mir stehenden Gast, wer denn der so angesprochene sei, worauf ich die Antwort erhielt, das sei der berühmte Tenryu, der sich aus der Sumoringer-Vereinigung zurückgezogen hat. Ich wurde ihm vorgestellt. Dann wollten wir gegeneinander antreten. Ich setzt mich und sagte zu Tenryu: “Bitte versuchen Sie mich umzuwerfen. Drücken Sie mit aller Kraft, Sie müssen sich nicht zurückhalten.” Da ich das Geheimnis des Aikido kannte, konnte er mich keinen Zentimeter bewegen. Selbst Tenryu wahr überrascht. Nach dieser Erfahrung wurde er ein Schüler des Aikido. Er war ein guter Mann.

A: Meister, Sie haben auch mit der Marine zu tun gehabt?

O-Sensei: Ja, für lange Zeit. Von 1927 oder 1928 an, für etwas zehn Jahre war ich Teilzeit-Professor an der Marine-Akademie.

B: Haben Sie während Ihrer Zeit an der Marine-Akademie auch Soldaten unterrichtet?

O-Sensei: Ich habe ziemlich oft im Auftrag des Militärs unterrichtet, beginnend mit der Marine-Akademie 1927/28. Etwa ab 1932 oder 1933 unterrichtete in an der Toyama-Schule der Armee die Kampfkünste. Dann, 1941 bis 1942, lehrte ich die Studenten der militärischen Polizeiakademie Aikido. Auf Einladung des General Toshie Maeda, dem Superintendenten der Armeeakademie, habe ich auch einmal eine Vorführung gegeben.

B: Unter den Soldaten, die Sie unterrichteten, waren bestimmt viele harte Burschen und es gibt einiges zu erzählen.

O-Sensei: Ja, einmal bin ich sogar in einen Hinterhalt geraten.

B: Geschah dies, weil man Sie für einen überlegenen Lehrer hielt?

O-Sensei: Nein, das nicht. Meine Stärke sollte getestet werden. Es war während der Zeit, als ich gerade begonnen hatte, die Militärpolizei im Aikido zu unterrichten. Eines Abends ging ich über den Übungsplatz, als ich bemerkte, dass irgend etwas seltsames vor sich ging. Ich merkte, dass etwas im Busch war. Plötzlich stürmten sie aus allen Richtungen auf mich ein. Hinter Büschen und aus anderen Verstecken kamen sie hervor und umzingelten mich. Sie begannen mit hölzernen Schwertern und Gewehren nach mir zu schlagen. Da ich derartige Angriffe zur Genüge kannte, machte mir das gar nicht aus. Während sie nach mir schlugen, drehte ich mich hierhin und dorthin und einer nach dem anderen fiel nach kurzen Stößen von mir. Am Ende waren sie alle erschöpft. Die Welt ist nun einmal voller Überraschungen. Vor kurzer Zeit traf ich einen der Männer wieder, die mich damals angegriffen hatten. Ich bin Ratgeber einer Studentenvereinigung der Militär-Polizei in der Wakayama Präfektur. Neulich fand dort eines ihrer Treffen statt und dort erkannte mich einer der Anwesenden; er kam grinsend auf mich zu. Wir redeten ein paar Minuten und er erzählte mir, dass er damals bei diesem Angriff vor vielen Jahren dabei gewesen war. Er kratzte sich am Kopf während er mir folgendes erzählte: “Der Vorfall tut mir sehr leid. An jenem Tag sprachen wir darüber ob Sie, der neue Aikido-Lehrer, wirklich so stark wären. Einige von uns, heißblütige Militärpolizisten, diskutierten diese Frage und wir entschlossen uns, den neuen Lehrer zu prüfen. Dreißig Leute lauerten Ihnen auf. Wir waren total verblüfft, dass dreißig selbstbewusste Männer nichts gegen Ihre Stärke ausrichten können.”

C: Gibt es auch etwas über die Toyama-Schule zu erzählen?

O-Sensei: Kraftproben? Es gab einen Vorfall, ich glaube, es war noch vor der Episode mit der Militärpolizei. Einige Captains, Instruktoren an der Toyama Schule, luden mich ein, mich mit Ihnen zu messen. Sie rühmten sich aller Ihrer Fähigkeiten mit Worten wie: “Ich kann dieses oder jenes Gewicht heben,” oder “ich kann einen Holzscheit mit so-und-soviel Zentimeter Durchmesser zerbrechen.” Ich erklärte Ihnen: “Soviel Kraft besitze ich nicht, aber ich kann Leute mit nur meinem kleinen Finger werfen. Es würde mir leid tun, einen von Ihnen zu werfen, also machen wir etwas anderes.” Ich streckte meinen rechten Arm aus und legte die Spitze meines Zeigefingers auf die Kante eines Schreibtisches und lud sie ein, sich mit ihren Bäuchen auf meinen Arm zu legen. Erst einer, dann zwei, dann drei legten sich über meinen Arm, große Augen haben alle gemacht. Ich lud am Ende sechs Männer auf und bat dann um ein Glas Wasser. Während ich das Wasser austrank waren alle still geworden und tauschten Blicke aus.

B: Auch wenn man vom Aikido absieht, müssen Sie ungewöhnliche physische Kraft besitzen.

O-Sensei: Nicht wirklich.

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