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Interview mit Moriteru Ueshiba

von Stanley Pranin

Aikido Journal #118 (Fall/Winter 1999)

Übersetzt von Stefan Schröder

Aikido Doshu Moriteru Ueshiba

Editor Stanley Pranin: Sie sind der Erbe der Aikido-Tradition. Wann begann sich dies auf Ihr Aikido-Training auszuwirken?

Doshu: Erst nachdem ich als Student an die Universität ging, verfolgte ich das Training mit Nachdruck. Ich ging noch zur Schule, deswegen hatte ich nur wenige Stunden am Tag zum Trainieren, entweder morgens oder abends, je nach meinem Stundenplan. Im Mittel habe ich wohl zwei Stunden täglich trainiert. Während der Frühjahrs- oder anderer Ferien auch mal die eine oder andere Stunde mehr. Auch nach meinem Abschluss, bis ich ungefähr 30 war, blieb es bei diesem Umfang. Etwa 1979 wurde mein Vater für eine Weile krank und von da an nahmen meine Lehrverpflichtungen nach und nach zu.

Würden Sie sagen, dass Ihr Vater Kisshomaru den größten Einfluss auf Sie hatte?

Er hat jeden Morgen und am Freitagabend unterrichtet, dort bin ich immer gewesen. Ich habe auch den Unterricht anderer Lehrer besucht, aber ich habe mein ganzes Leben mit meinem Vater unter einem Dach gelebt und sein Training hat mich zweifellos am stärksten beeinflusst.

Gab es etwas, dass Ihr Vater im Hinblick auf die Geschichte des Aikido besonders betont hat?

Er hat mit mir nicht wirklich viel über solche Dinge gesprochen. Ich hörte das meiste von ihm zu diesem Thema, als ich begann regelmäßiger zu trainieren und ihn zu Seminaren, Unterricht und Demonstrationen begleitet habe. Er hat sich nie zu Hause neben mich gesetzt und gesagt: “Moriteru, es ist so …” oder “Moriteru, ich möchte das Du dieses und jenes weißt …”

Moriteru Ueshiba, links, als
Junge im alten Hombu-Dojo ca. 1961

Ich habe auf jeden Fall seit meiner Geburt mit meinem Großvater, dem Gründer des Aikido und meinem Vater, dem ehemaligen Doshu, zusammengelebt. Deswegen haben sie mich sicherlich beeinflusst, auch wenn sie nicht ausdrücklich mit mir über diese Dinge gesprochen haben. Ich bin in eine Aikido-Umgebung hineingeboren und dort aufgewachsen, mit allen seinen technischen und anderen Aspekten.

Auf welche Art und Weise hat Sie Ihr Vater unterrichtet?

Ich habe trainiert wie alle anderen auch, er hatte nie genügend Zeit, um mich beiseite zu nehmen, um mir irgendwelches Sondertraining zukommen zu lassen. Er hat mir immer wieder bestimmte Ratschläge gegeben, zum Beispiel meine Techniken sauber und korrekt auszuführen, die Hüften tief zu halten und großräumige Bewegungen auszuführen. Aber ich habe nie detaillierte Anleitung bekommen, wie Sankyo, Nikyo oder andere Techniken auszuführen seien. Ich habe diese Techniken von klein auf beobachtet und kannte und verstand sie also schon. Das meiste was ich gelehrt bekam bezog sich auf die übergeordneten Punkte, wie schon erwähnt.

Auch wenn mein Vater auch mein Lehrer war, so glaube ich doch, dass wir ein ganz normales Vater-Sohn-Verhältnis hatten, sobald wir das Dojo verließen (lacht).

Hatten Sie — wie viele Teenager anderswo — auch eine “rebellische Phase” in der einen oder anderen Weise?

Nun, nein, ich habe mich nie in dieser Weise gegen meinen Vater gewendet, aber in der Grundschule war ich wohl ziemlich schrecklich (lacht). Ich bin in allerlei Unfug verwickelt gewesen und meine Mutter musste oft deswegen in die Schule kommen. Ich habe wohl alle rebellischen Bedürfnisse irgendwie außerhalb befriedigt, statt sie gegen meinen Vater zu richten.

Wie sehen Sie die Rolle Ihres Vaters für die Aikido-Geschichte?

Aikido existiert, weil es von jemandem geschaffen wurde. Das Aikido in seiner heutigen Ausprägung wurde in großen Teilen durch die andauernden Anstrengungen meines Vaters geformt, basierend auf seinem Verständnis der Absichten des Gründers. Ich glaube, diese Anstrengungen haben das Aikido dahin gebracht, wo wir heute stehen und sind der Grund für das hohe Ansehen und die Popularität des Aikido in der ganzen Welt.

Wenn man noch weiter in die Vergangenheit schaut und den Entstehungsprozess des Aikido betrachtet, so fallen einem die ausgiebigen Reisen ein, die der Gründer unternahm und die verschiedenen Trainingsarten denen er sich unterzog. Die Möglichkeit dazu verdankte er zu einem großen Teil der Unterstützung meines Urgroßvaters Yoroku, der ihn unterstützte und ihn so seinen eigenen Weg finden ließ. Meine Großmutter unterstützte ihn ebenfalls auf ihre Weise, wie es ihr als Ehefrau möglich war. Das Aikido, das wir heute haben, ist also das Ergebnis der Anstrengungen vieler verschiedener Menschen.

Doshu im Budokan, ca. 1995

Gleichzeitig lagen mehrere glückliche Umstände vor. Das Hombu-Dojo ist während des Krieges nicht zerstört worden. Auch die Anstrengungen der Vielen, die vor und nach dem Krieg daran gearbeitet haben, die Anerkennung des Aikido-Hombu-Dojo als Non-Profit-Organisation (zaidan hojin) zu erreichen möchte ich hier würdigen. Diese Anerkennung erfolgte erstmalig 1940 als Zaidan Hojin Kobukai, und basierend darauf erfolgte dann 1947 die Anerkennung durch das Bildungsministerium unter dem Namen Zaidan Hojin Aikikai (Aikikai Stiftung).

Aikido existiert heute also aufgrund des Zusammentreffens aller dieser Faktoren: Der Erschaffung durch den Gründer, den Anstrengungen meines Vaters als Doshu, dem Überleben des Dojos während des Krieges, der Etablierung des Aikikai als gemeinnütziger Organisation, ebenso wie die Unterstützung, die der Gründer von seinen Eltern, seiner Ehefrau und vielen anderen erhielt.

Ich habe Geschichten darüber gehört, wie Ihr Vater Kisshomaru während des Krieges verzweifelt versuchte das Dojo vor den Flammen zu retten, die in Tokyo während des Krieges viele Opfer forderten.

Ich glaube nur etwa fünf Gebäude in der Gegend blieben stehen. Selbst das Nachbargebäude zur Rechten brannte. Da wurde eine Eimerkette gebildet und in einer gemeinsamen Kraftanstrengung konnten die Flammen vom Gebäude ferngehalten werden.

Wäre das Dojo zerstört worden, hätte alles von Grund auf neu begonnen werden müssen. Die Rettung des Dojos war also ein wichtiger Punkt für die Entwicklung des Aikido.

Ja, ich denke schon. Als ich klein war, war im Hombu-Dojo noch nicht so viel los. Für eine Zeit war mein Vater auch in Iwama. Dort heiratete er und ab etwa 1949 arbeitete er für eine Firma namens Osaka Shoji. Er hatte keine andere Wahl. Selbst wenn man ein Dojo hat, kann man nicht davon leben, wenn keiner zum Trainieren kommt, wie es nach dem Krieg der Fall war. Also hat er tagsüber als normaler Angestellter gearbeitet und nur morgens und am Abend unterrichtet. Als sich die Dinge einpendelten, brachten ihn einige Leute dazu die Firma zu verlassen und Aikido Vollzeit zu unterrichten. Es wurde für das Richtige gehalten, dass der Sohn des Gründers die Führung übernimmt, insbesondere da dies die Mitgliederzahl steigen lassen würde.

Doshu mit seinem Vater Kisshomaru während der
All-Japan Demonstration, 1998

Vor kurzem fand (im Nippon Budokan) die 37. jährliche Aikido-Demonstration statt, aber damals fand sie an Orten wie dem Dach des Takashimaya-Kaufhauses statt. Ich erinnere mich mit meiner Großmutter zum Zuschauen dort gewesen zu sein.

Mein Vater hat viele der Universitätsstudenten im Hombu-Dojo enthusiastisch ermutigt an ihren Heimatschulen Aikido-Clubs zu gründen und so eröffneten nach und nach an vielen Orten des Landes Aikido-Dojos, wenn die Studenten graduierten und dann in Ihre Heimatorte zurück kehrten.

Aikido durch die Förderung der Gründung von Aikido-Clubs an Universitäten zu verbreiten war offenbar ein wichtiges Element. Haben Sie selbst jemals in einem Universitäts-Dojo trainiert?

Nein, ich war mit dem Training im Hombu-Dojo ausgelastet, so dass ich kein weiteres Interesse an Universitäts-Clubs hatte. Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass ich sehr damit beschäftigt war mich mit anderen Dingen zu vergnügen (lacht).

Ich hörte, Sie waren statt dessen ein Mitglied des Kalligraphie-Clubs Ihrer Universität.

(Lacht) Ah, das war ich… Ich wollte meine Handschrift verbessern, aber ich muss zugeben, dass ich dies nicht sehr ernsthaft betrieben habe. Ich war zwar Mitglied im Kalligraphie-Club, aber tatsächlich habe ich mehr Zeit mit meinen Freunden verbracht, so wie die anderen Studenten auch (lacht).

Wann begannen Sie mit den Reisen, um Aikido zu verbreiten?

Das allererste Mal war 1975, als ich mit Mamoru Suganuma-Shihan Doshu nach Europa begleitete. An jedem Ort herrschte eine andere Trainingsatmosphäre, geprägt von dem ausrichtenden Lehrer. Auf jeden Fall war ich sehr beeindruckt von zum Beispiel unserem Hotel in Rom, in das altertümliche Ruinen in den Bau integriert wurden. Ich erinnere mich auch an die Schönheit des Meeres in Cannes. Um ehrlich zu sein, beschäftigen sich die meisten meiner Erinnerungen und Eindrücke an diese Reise mehr damit auf meiner ersten Auslandsreise gewesen zu sein, als mit dem Aikido-Training. Wir waren 25 Tage dort, aber hatten einen ziemlich vollen Terminplan.

Ich hörte Ihr Englisch sei ganz gut…

Das würde ich nicht sagen! Früher konnte ich etwas, aber ich glaube, es ist schlechter geworden! (lacht)

Manche sagen, die waffenlosen Techniken seien die Basis des Aikido, während andere behaupten Aikido sei ein sogenanntes “umfassendes Budo” (Sogo Budo), das auch Waffentechniken beinhaltet. Was ist Ihre Ansicht?

Es ist sicherlich richtig, dass der Gründer oft mit Waffen trainiert hat, wie dem Ken (Schwert) oder dem Jo (kurzer Stab) und auch erklärte, dass dies Aikido sei; aber der größte Teil meines Trainings fand bei meinem Vater, dem vorherigen Doshu, statt, so dass ich geneigt bin, die von ihm unterstützte Interpretation zu vertreten, dass nämlich die waffenlosen Techniken die Grundlage des Aikido bilden.

Doshu bei seiner Inauguration, September 1999

Das bedeutet nicht, dass irgendetwas am Waffentraining mit Ken und Jo falsch ist. Leute, die sich dafür interessieren, sollten sich damit befassen. Es macht keinen Sinn dies zu verbieten. Es völlig in Ordnung, wenn diese Leute die Waffen bei einem Teil Ihres Trainings verwenden, aber ich halte es für einen Fehler darauf zu beharren, sie formten (die Grundlagen des) Aikido.

Haben Sie die Gelegenheit gehabt, unter dem Gründer zu trainieren?

Viele Leute fragen mich das. Ich weiß, es klänge gut und würde zu meinem Image passen, wenn ich sagen könnte: “Ja, ich habe viel spezielles Training unter dem Gründer erhalten”, aber das war nicht der Fall (lacht). Ich war als kleiner Junge manchmal bei ihm und sah ihm zu. Ich lebte unter dem gleichen Dach wie er und sah ihn trainieren, ich bin auch bei seinem morgendlichen Training gewesen, aber daran war nichts besonderes. Manchmal unterrichtete der Gründer die ganze Stunde, aber mindestens genau so oft unterrichtete mein Vater und der Gründer kam für einige Zeit dazu, um seine eigenen allgemeinen Erklärungen zu dem abzugeben, was die Klasse gerade übte. Das war ungefähr das Ausmaß meines Trainings unter ihm. Manchmal während des Unterrichts am Morgen rief er mich zu sich und plauderte etwas mit mir, wie Großvater und Enkel, aber er hat mich nie aufgefordert auf die Matte zu gehen und zu üben.

Fanden Sie ihn jemals Angst einflößend?

Nicht wirklich. Ich kann mir vorstellen, dass seine Schüler dies so empfunden haben, bedenkt man die Schüler-Lehrer-Beziehung zwischen ihnen, aber ich war nur sein Enkel und er hat niemals die Beherrschung mit mir verloren, so wie bei anderen. Ich glaube sogar, er ist nicht ein einziges Mal ärgerlich meinetwegen gewesen, selbst als ich klein war und neben ihm saß und ihm aus Spaß auf den Kopf schlug. Ich erinnere mich nicht daran, aber andere sagen, dass ich das getan habe (lacht).

Die Ueshiba-Familie hat seit 80 Jahren Beziehungen zu der Omoto-Religion. Welche Bedeutung hat der Omoto für Ihre Familie heute?

Mein Großvater war offensichtlich stark von der Omoto-Sekte beeinflusst, als er Aikido schuf, insbesondere von Onisaburo Deguchi-Sensei. Mein Vater ist in diesem Umfeld aufgewachsen, aber ich denke er war niemals so beeinflusst wie sein Vater. Er hat gewissenhaft alle Riten und Funktionen in diesem Zusammenhang beachtet, aber hat den Omoto nicht ständig besucht, so wie mein Großvater dies tat, und ich tue dies auch nicht.
Der Gründer ließ einen Omoto-Schrein erbauen und als er starb, wurde dort traditionsgemäß eine Locke seines Haares verwahrt. Wenn wir das Taisai (wörtlich “großes Fest”, eine jährliche Zeremonie zur Erinnerung an den Todestag des Gründers) abhalten, vollziehen die Priester des Omoto die Riten, aber diese Tradition gründet sich auf die besondere Beziehung, die der Gründer zum Omoto hatte, nicht auf die Beziehungen der Ueshiba-Familie. Der Tempel der Familie Ueshiba ist tatsächlich immer noch Kozanji in Tanabe in der Wakayama-Präfektur; dort ist auch die Asche des Gründers begraben. Morihei Ueshiba war bei der Formulierung des Aikido stark vom Omoto beeinflusst, diese Beziehung besteht also bis zu einem gewissen Grad; aber die Beziehung mit dem Kozanji als dem Familientempel unserer Vorfahren wiegt schwerer.

Doshu bei der All-Japan Demonstration, ca. 1998

Während der 1970er Jahre verließen einige Leute den Aikikai aus verschiedenen Gründen, aber wollten dann später zurückkehren und dies wurde ihnen auch gestattet. Es scheint mir, als wäre diese Aufgeschlossenheit dem ehemaligen Doshu Kisshomaru sehr wichtig gewesen. Als jemand der ihm sehr nahe war, können Sie uns Näheres über seine Einstellung erzählen?

Der Gründer sagte immer: “Es gibt keinen Ausschluss (hamon) vom Aikido.” Es gibt jene, die den Aikikai verlassen haben, aber niemand hat sie dazu aufgefordert. Mein Vater vertrat diese Einstellung. Wenn Ausgetretene zurückkehren wollten, so gab es keinen Grund sie daran zu hindern. Das einzige Problem könnte sein, dass die Zurückkehrenden unweigerlich Einfluss auf diejenigen bekommen werden, die geblieben sind. Aber Aikido handelt nicht vom gegenseitigen Ausschalten und Ausmerzen, es geht um die Schaffung von Harmonie, darum, Menschen zusammen zu bringen. Das ist die Grundlage des Aikido und es war unbezweifelbar diese Haltung, die meines Vaters Antworten in solchen Fällen leitete.

Aikido wird nun schon seit mehr als 40 Jahren außerhalb Japans praktiziert und unter diesen Aikidoka sind nicht wenige, die ihr Training bei Aikikai-Lehrern in Japan begannen, die dann aber ihre eigenen unabhängigen Gruppen gründeten. Es gibt aber auch solche, die nach Japan kommen, um engere Kontakte mit dem Aikikai zu knüpfen. Wie sollte mit solchen Situationen umgegangen werden?

Würde man den traditionellen japanischen Weg wählen, so müsste man sich an den japanischen Lehrer wenden, der einen ursprünglich unterrichtete, aber für einige Gruppen ist dies aufgrund zurückliegender Umstände unmöglich.

Der Aikikai hat jetzt eine Abteilung für Internationale Angelegenheiten eingerichtet. Leute, die mit dem Aikikai Beziehungen aufnehmen oder wiederaufnehmen wollen, können eine Anfrage mit den wichtigen Unterlagen an diese richten; dann werden wir sehen was wir tun können. Jeder Fall ist natürlich einzigartig, aber solange die korrekten Verfahrensweisen eingehalten werden, sollten die meisten dieser Gruppen zum Aikikai zurückkehren können.

Welche Bedeutung hat die 1975 gegründete Internationale Aikido Föderation für den Aikikai?

Die Leute, welche die Internationale Aikido Föderation gegründet haben, leben noch, deshalb sollte Sie besser die fragen, aber allgemein gesagt war wohl der Hauptzweck die internationale Verbreitung des Aikido zu fördern. Das war vor 24 Jahren und die Aikido-Welt ist seit damals erheblich größer geworden. Zwischenzeitlich hat sich der Informationsaustausch erheblich vereinfacht, zum Beispiel durch das Internet, aber auch der Ausbau der jedermann zugänglichen Verkehrsnetze hat den sozialen Hintergrund seit damals erheblich verändert.

Die Internationale Aikido Föderation ist nach dem westlichen Verständnis von Demokratie aufgebaut und stärkt horizontale Beziehungen. Der Aikikai dagegen ist eine Non-Profit-Organisation, die auf eher traditionellen Familien- oder Erbregeln (Iemoto) beruht, betont also eher vertikale Strukturen. Wie kann man diese verschiedenen Organisationsstrukturen — die horizontale und die vertikale — versöhnen, so dass sie erfolgreich zusammenarbeiten können?

Die von Ihnen genannten Unterschiede verursachen tatsächlich einige Probleme, aber selbst wenn es manchmal Verstimmungen gibt, so denke ich doch, dass die beiden Organisationen recht gut miteinander zurecht kommen und dass es nicht wirklich viele ernsthafte Streits gibt.

Es gibt viele Nicht-Japaner, die von einer “demokratischen” Organisation das Bild haben, dass wichtige Angelegenheiten von jedermann mitbestimmt werden können. Wäre es im Hinblick auf die Internationale Aikido Föderation nicht korrekter diese als Tochterorganisation des Aikikai zu betrachten? Hat der Aikikai über Iemoto nicht doch die Kontrolle über die Föderation, ganz so wie über die Dan-Vergabe?

Der Aikikai ist — natürlich — die Grundlage. Aber das heißt nicht, dass er immer alle Entscheidungen trifft, egal was die jeweilige andere Partei wünscht. Der Aikikai ist im Wesentlichen ein Kollektiv von Leuten, die sich aufgrund ihrer gemeinsamen Interpretation vom Aikido Morihei Ueshibas zusammen schlossen. Diese Leute waren Mitglieder der Organisation, die sich unter ihm entwickelt hat. Diese Gruppe von Leuten ist letztlich von der japanischen Regierung als Gesellschaft unter dem Namen Aikikai anerkannt worden.

Die Aktivitäten des Aikikai erstrecken sich auch ins Ausland und die Internationale Föderation ist eine Institution darin, die eine horizontale Struktur hat, mit eigenen Regeln, Bestimmungen und Offiziellen. In einer solchen horizontalen Organisation werden die Entscheidungen natürlich durch die Wahl der Mehrheit bestimmt und ihre Statuten bestimmen, dass dies so sein muss. Es führt unausweichlich zu Einzelfällen, in denen die Dinge anders gehandhabt werden, als der Aikikai dies für angemessen empfindet. Wenn man eine Organisation schafft und ihr eine eigene Satzung gibt, dann passiert so etwas natürlich.

Wie dem auch sei, wie ich schon erklärte ist der Aikikai noch immer im Wesentlichen eine Organisation von Leuten, die das gleiche Verständnis vom Aikido des Gründers haben und die zusammen gekommen sind, um es zu respektieren und zu erhalten.

Aikido ist eine der wenigen modernen Budo-Disziplinen, die noch das Iemoto-System aufrecht erhält. Es ist auch eine der wenigen, in der tatsächlich der offizielle Nachfolger des Systems die Kunst weiterführt. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Besonderheit des Iemoto-Systems für das heutige Aikido?

Aikido ist eine Kampfkunst in der es keine Wettkämpfe gibt in denen es darum geht herauszufinden wer der Überlegene ist. Statt dessen strebt man nach einem elementaren Ideal der Schaffung des Respekts zwischen [allen] Menschen. Die Frage ist: Wie koordinieren wir die Organisation und Verbreitung dieses Ideals? Die Antwort darauf — und das habe nicht ich persönlich entschieden — ist, dass den natürlichsten Ansatz für eine solche Organisation das Iemoto-System darstellt, welches in Japan eine lange Tradition besitzt. Ich bezweifle, dass es viele Japaner gibt, die dieses in Frage stellen oder seltsam finden; für uns ist das ganz natürlich. Wenn mich ein Nicht-Japaner fragt, warum dies so sei, kann ich nur antworten, dass dies ein Teil unseres Erbes ist, ein Teil von uns, wie DNS. Vermutlich kann man derartige Dinge nicht zufrieden stellend erklären (lacht).

Ja, es ist wie Sie sagen für Japaner offenbar sehr natürlich und akzeptabel. Wie steht es mit Ihrem ältesten Sohn? Zeigt er Interesse Ihnen als Doshu nachzufolgen?

Er ist in die gleiche Umgebung hineingeboren wie ich und auch darin aufgewachsen. Er ist bei der 37. Jährlichen All-Japan Aikido Demonstration dabei gewesen, bei der in diesem Jahr auch eine Trauerfeier für meinen Vater stattfand. Derzeit ist er im dritten Jahr an der Hochschule, aber ich denke er hat mehr Interesse am Aikido als ich in seinem Alter. Er scheint sein Training recht zielstrebig zu verfolgen (lacht).

Doshu bei der All-Japan Demonstration 2000

Aikido erhielt in der Vergangenheit nicht nur starke Unterstützung durch das Omoto-Kyo, sondern genoss auch erhebliche Unterstützung durch einige Einzelpersonen mit hohem sozialen Status. Während der Gründer in Ayabe lebte, hatte er Kontakt mit Seikyo Asano und Admiral Isamu Takeshita; später, durch das geknüpften Netzwerk, auch zu Gombei Yamamoto und anderen politischen Führern jener Zeit. Viele dieser Verbindungen bestanden bis zu einem gewissen Grad über den Krieg hinaus — Kenji Tomita und Kin’ya Fujita wurden kurz nach dem Krieg Direktoren des Aikikai. Der frühere Premierminister Toshiki Kaifu wäre auch noch zu nennen. Bitte erzählen Sie uns von der Rolle dieser Leute für die Entwicklung des Aikido.

Die Zeiten vor und nach dem Krieg waren für das Aikido verschiedene Epochen. Vor dem Krieg war Aikido weitgehend unbekannt und nur durch die von Ihnen genannte Unterstützung war es dem Gründer möglich nach Tokyo zu kommen. Dass diese Leute Morihei Ueshiba unterstützten, beweist in meinen Augen, dass sie der Meinung waren, dass er wirklich etwas Wunderbares zu bieten hatte. Wie Sie schon sagten, bestanden diese Verbindungen auch noch nach dem Krieg. Herr Kaifu kam zum Aikido durch die Bekanntschaft zwischen meinem Vater und Herrn Yoshimasa Mayazaki.

Hat Herr Kaifu selbst Aikido trainiert?

Ja, als wir noch das alte Holz-Dojo hatten. Heute ist er natürlich mit seinen Verpflichtungen in der Regierung beschäftigt, so dass er wohl keine Zeit mehr für das Training findet. Vor und nach dem Krieg wurde das Direktorat des Aikikai von Mitsujiro Ishii [ein ehemaliger Leiter der Asahi-News-Organisation, der Aiki-Budo und Daito-Ryu-Aikijujutsu vor dem Zweiten Weltkrieg gefördert hatte] geleitet. Sunao Sonoda, ein ehemaliger Kabinettsminister, kam von 1955 bis in die späten 1960er jeden Tag zum Training. Ich glaube, er ist auch Vorsitzender der All-Japan Aikido-Föderation gewesen. Wenn man sich die alten Programme der Demonstrationen ansieht, dann findet man diese Namen: Ishii-Sensei und Sonoda-Sensei. Ishiis Enkel hat hier auch lange Zeit trainiert.

Dass Aikido diese Unterstützung hatte, liegt natürlich größtenteils an der wunderbaren Persönlichkeit von Morihei Ueshiba und an dem Aikido, das er schuf. Durch Beziehungen wurden viele positive Dinge erreicht und haben, so denke ich, auch einen positiven Einfluss in der Gesellschaft. Ich würde auch erwähnen, dass die andauernden Bemühungen meines Vaters die Absichten das Aikido zu verstehen und zu verbreiten dem Aikido halfen, von dort an fortzuschreiten. Dadurch konnte es so viele Menschen erreichen.

Shigenobu Okumura Shihan sagte einmal in einem Interview mit dem Aikido Journal, dass Kisshomarus drei große Beiträge folgende seien: Organisation, Weitergabe und Theoretisierung.

Dem würde ich zustimmen. Aikido existiert heute nicht nur wegen der Person, die es schuf, sondern auch aufgrund der stetigen Anstrengungen vieler anderer, die über viele Jahre zu der Weiterentwicklung des Aikido beigetragen haben. Dies ist der Grund, warum mein Vater sogar von der japanischen Regierung für seine Arbeit als Doshu ausgezeichnet wurde.

Welche Ziele streben Sie als dritter Doshu der Aikido-Tradition an? Welche Träume hoffen Sie für die Zukunft des Aikido umsetzen zu können?

Ah, das werde ich oft gefragt (lacht)! Aikido wurde von einem Mann erschaffen und von einem anderen verbreitet; was bleibt da noch für mich? Meine Antwort darauf ist, dass mein Beitrag für das Aikido nicht so groß sein kann. Viele Menschen haben dazu beigetragen das Aikido dahin zu bringen wo wir heute stehen. Ich denke meine Rolle hat mehr damit zu tun, einen Weg zu schaffen und zu erhalten, den diese Menschen — und jene, die Aikido gerade erst entdecken — gemeinsam weitergehen können, einen Weg der ihnen erlaubt gemeinsam im Geiste der Freundschaft und Solidarität zu üben.

Doshu mit Stanley Pranin, dem Redakteur des Aikido Journal,
nach dem Interview

Als ich klein war kannte kaum jemand Aikido, aber das hat sich geändert und heute gibt es beträchtlich mehr Menschen, die zumindest davon gehört haben. Da wir nun so weit gekommen sind, ist es nun unsere Aufgabe [Aikido] weiterzuführen und in einer klaren und geordneten Form weiterzugeben, welche ihre Essenz erhält. Also ist mir wichtiger als zu sagen, Aikido solle so oder so sein oder sich auf diese oder jene Weise entwickeln, eine Umgebung zu schaffen, in der wir das weiter betreiben, was wir schon mit Erfolg tun.

Hat sich Ihr Leben seit Sie Doshu wurden geändert?

Nicht sehr. Schon bevor sich die Gesundheit meines Vaters verschlechterte hatten wir die Lehrverpflichtungen in Japan und im Ausland aufgeteilt. Aber in den letzten beiden Jahren seines Lebens konnte er nicht mehr reisen, so dass ich die Auslandsreisen übernahm. In diesem Sinne hat sich für mich nicht viel geändert, da ich diese Pflicht schon übernommen hatte. Doch obwohl sich an dem was ich tue wenig geändert hat, ist das Gefühl von Verantwortung als Doshu doch schwerwiegender geworden. In dieser Hinsicht fühlt es sich ganz anders an.

Das kann ich mir vorstellen. Aber angesichts Ihrer Persönlichkeit bezweifle ich, dass Sie die Art Führer sind, der in seinem Elfenbeinturm sitzt, sondern eher die freundliche Sorte, mit der man reden kann und auf die man leicht zugehen kann.

(Lacht) Ja, das hoffe ich doch! Das Gesicht meines Vaters war mit 48 Jahren viel ernster als meines nun im gleichen Alter ist. Tatsächlich war er viel lockerer als sein Ausdruck nahe legte, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass er in einer anderen, härteren Zeit aufwuchs.

Die Bedingungen während der Kriegsjahre haben sicherlich viel damit zu tun. Es scheint einen Unterschied zwischen den Leuten zu geben, die diese Zeit erlebten und jenen, die sie nicht kennen.

Menschen dieser Generation haben sicherlich eine gewisse Ernsthaftigkeit an sich.

Ich glaube kaum, dass ich Ihnen die Antworten liefern konnte auf die Sie gehofft hatten. Es gibt bestimmt Leute, die von mir Sätze erwarten wie: “Ja, als Enkel des Gründers habe ich von klein auf ernsthaft trainiert!” Aber ich bin mit solchen Behauptungen nie durchgekommen (lacht).

Im Gegenteil. Ich begrüße Ihre Offenheit, wie die meisten meiner Leser sicherlich auch und die anderen Mitglieder der Aikido-Gemeinschaft ebenfalls. Vielen Dank, dass Sie Ihre Zeit und Gedanken mit uns geteilt haben!

Übersetzt vom Japanischen ins Englische von Derek Steel