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Morihiro Saito (2)

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von Stanley Pranin

Aiki News #33 (March 1979)

Übersetzt von Franziska Hochwald

Der folgende Artikel wurde mit freundlicher Unterstützung von Volker Hochwald aus Deutschland ausgearbeitet.

Der folgende Text ist die zweite Folge eines dreiteiligen Interviews mit Morihiro Saito, 8. Dan und Sensei des Ibaraki Dojos in Iwama, Japan. Saito Sensei setzt seine Beschreibung von O-Senseis Unterrichtsmethoden in der Nachkriegszeit in Iwama fort.

Saito Sensei: Während des Trainings unterrichtete O-Sensei die Techniken, die er entwickelt hat, in einer Weise, als wolle er sie für sich selbst systematisieren und organisieren. Wenn wir mit Suwari waza begannen, machten wir auch ausschließlich damit weiter, eine Technik nach der anderen. Die Sempai und Kohai trainierten miteinander, und die Kohai machten das Ukemi (harte Fallschule). Wenn die Sempai die rechte und linke Seite einmal gemacht hatten und die Kohais dran waren, war es schon wieder Zeit für die nächste Technik. Trainieren war nicht leicht in dieser Zeit. Ich pflegte das Training des Tages mit Herrn Goro Narita zu wiederholen, Yuichis Onkel, das war auf der Straße mitten in den Reisfeldern auf unserem Weg zur Joban Linie (Eisenbahnlinie in der Ibaraki Präfektur). Wenn wir lange übten, brauchten wir ganze zwei Stunden bis wir am Bahnhof waren. Das war mein freies Training. Wenn wir eine Technik übten, lernten wir auch systematisch die damit verwandten Techniken. Ich denke auch, dass das die richtige Vorgehensweise ist. Ich unterrichte nicht meine Lieblingstechniken in unsystematischer Weise. Ich unterrichte immer nur Techniken, die miteinander in Beziehung stehen. Auf diese Weise können auch die Schüler die Techniken auf systematische Weise erlernen, und wenn sie selbst unterrichten, sind sie dann auch effektiv. Wenn sie unsystematisch üben, können sie nicht auf durchdachte Weise unterrichten. Ebenso unterrichtete O-Sensei zwei, drei oder vier Schwierigkeitsgrade. Er begann mit kata, und dann stufe um stufe, und schließlich wurde es einfach so … und nun unterrichte ich in exakt derselben Weise. Es ist nicht gut, nur blitzschnelle Techniken zu unterrichten, damit man als großartiger Lehrer angesehen wird. Es ist nicht wichtig, ob du blitzschnell bist. Diejenigen, die nicht üben wollen, müssen auch nicht kommen. Aikido ist nichts, wozu man Leute überreden sollte, indem man sagt: „Komm und mach mit.“ Es ist nichts, was man öffentlich anpreisen sollte. Die, die üben wollen, kommen, und wir alle trainieren zusammen. Deshalb sage ich, man sollte es nicht übertreiben, Leute zum Training zu drängen. Diejenigen, die keinen starken Willen haben, werden die anderen behindern. Sie behindern diejenigen, die ernsthaft trainieren. Weil O-Sensei uns systematisch unterrichtete, muss ich ebenfalls auf durchdachte Weise unterrichten. In der Vorkriegszeit unterrichtete er ohne jede Erklärung. Die Schüler konnten keine Fragen stellen. Er demonstrierte nur Würfe. Aber mich unterrichtete er vom Morgen bis zum Abend, und er sagte immer: „So geht es nicht. Jedes winzige Detail muss stimmen. Sonst ist es keine Technik. Schau, so … und so!“ Das ist die „kuden“ (mündliche Lehre), die ich auf geschrieben habe. Wenn ich also bei einer bestimmten Technik ein Problem habe, erinnere ich mich daran was mir O-Sensei beigebracht hat und es klappt. Deshalb betrachte ich diese Worte als außerordentliche Geheimnisse, in anderen Worten „kuden“. Also schrieb ich auch meine Bücher als mündliche Lehre.

Früher war der Unterricht geheim und wurde im Geheimen weitergegeben. Es war richtig so, dass das geheim blieb. Geheimnisse waren notwendig. Jedoch im heutigen Aikido sind Geheimnisse nicht notwendig. Seit der Begründer sagte, dass er sein Aikido – das korrekte Aikido – verbreitet sehen will, möchte ich so schnell wie möglich besser werden, sogar von einem Tag auf den anderen. Auch pflegte O-Sensei, obwohl er damals nicht sehr viele Schüler hatte, jeden mindestens ein Mal zu werfen. Also rufe ich auch jeden auf, zumindest bei Tai no henko und Kokyu ho, obwohl das unmöglich wäre, wenn es zehntausende von Schülern gäbe. Ich denke nicht, dass das gut klappt, wenn ein Lehrer von oben herab sagt: „Mach es so!“ oder „Das ist nicht gut! In meinem Fall sind meine Erklärungen während des Unterrichts recht langatmig. Obwohl alle anderen intelligent waren, ich war es nicht und Lernen fiel mir schwer. Wenn ich folglich einen Schüler sehe, der sich falsch bewegt, lasse ich ihn innehalten und sage ihm. „Deine Bewegung ist nicht ganz richtig. Auf diese Weise ist es besser.“ Oder „Du solltest es so machen.“ Und ohne Erklärungen während des Unterrichts wird jeder müde. Weil ich ihnen die Möglichkeit geben will sich ein bisschen auszuruhen und weil ich auch will, dass ihre Technik in absehbarer Zeit perfekt wird, erkläre ich während des Trainings viel. Ich bin kein großer Redner und habe da keine große Begabung, deshalb kann ich das nicht so gut leisten wie ich es mir wünschte. Ich hatte das große Glück, dass O-Sensei mich gründlich und detailliert unterrichtet hat und ich folge seinem Beispiel. Wenn ich O-Sensei auf einer Reise begleitete, hat mich jeder auf die Probe gestellt, obwohl sie dem Begründer gegenüber nicht unhöflich waren. Einmal, als wir in Osaka waren, bestand die ganze Klasse aus Judoka mit viertem oder fünftem Dan. Wissen Sie, meine Arme waren so dünn. Deshalb neckten sie mich und stellten mich auf die Probe.

Herausgeber: Ihre Arme waren dünn? (Gelächter)

Saito Sensei: Nach dem Krieg, als Herr Minoru Mochizuki ein Dojo in der Shizuoka Prefektur eröffnete, wurde O-Sensei eingeladen und ich habe ihn begleitet. Dort ging ich ins Badezimmer um O-Senseis Rücken zu waschen, und er schaute mich an und sagte: „Saito, du bist dünn.“ Danach ging ich zur Instandhaltungs-Abteilung der JNR (Japanische Nationale Eisenbahn bei welcher Saito Sensei damals arbeitete) und lieh mir eine Bahnschiene aus, die einen Meter lang war und 81 Pfund wog. Weil es keine Hanteln gab, benutzte ich die Schiene … Aber heute habe ich Schmerzen in den Beinen und kann nichts mehr machen. Wie auch immer, die Lehrmethode des Begründers war perfekt. Er lehrte so, dass es jeder verstehen und sich merken konnte. Das Vorkriegs-Aikido war nicht das tatsächliche – man bedenke, dass er vom Militär den Befehl hatte, das zu tun was er tat – er pflegte zu sagen, dass sein Nachkriegs-Aikido das wahre Aikido war … Jedenfalls, da O-Senseis Belehrungen makellos waren, bewahre ich sie in meinem Unterricht. Aber ich denke, ich sollte mehr trainieren und freundlicher und höflicher unterrichten. Ich werde mich bemühen …

Es wird erzählt dass O-Sensei, als er während des Krieges nach Iwama kam, einen grundlegenden spirituellen Wandel durchmachte. Würden Sie uns erzählen wie O-Sensei sich während dieser wichtigen Periode veränderte und auch welchen Einfluss das auf die Entwicklung von Aikido hatte?

Saito Sensei: Ich weiß nichts über solche Details. Was ich weiß, ist folgendes: Gegen Ende des Krieges wurde dem Militär schließlich klar, dass Japan den Krieg nicht gewinnen konnte, wenn es (den Soldaten) Judo beibrachte. Dr. Soichi Sakuta, Präsident der Kenkoku Universität in der Mandschurei sagte: „Wir können den Krieg mit Judo nicht gewinnen. Unterrichtet stattdessen Aikido.“ Dann wurde Herr Kenji Tomiki der Aikido Shihan der Kenkoku Universität. Auch in der Schifffahrtsakademie in Edajima beschlossen sie, dass Judo ungeeignet war und wechselten zu Aikido. Sie diskutierten, wer dort ein passender Shihan wäre, und dachten dass Akasawa-no-sabu (Spitzname) gut wäre. Herr Akasawa kämpfte zu dieser Zeit an der Pazifik Front auf dem Schiff „Akishima“. O-Sensei hatte genug Einfluss um ihn mit einem Telegramm des militärischen Hauptquartiers zurückzurufen. So kam Herr Akasawa zurück nach Edajima und ich hörte, dass er nur aß und schlief und aß und schlief um seinen Körper wieder in Form zu bekommen. Bald darauf ging der Krieg dem Ende zu. O-Sensei hatte gesagt: „Aikido wurde endlich anerkannt. Die jungen Offiziere in Armee und Marine sind schlaff. Wir müssen sie umerziehen. Aber wir haben dafür keinen passenden Ort. Wir sollten ein Freiluft-Dojo bauen. Wir haben keine Chance den Krieg zu gewinnen wenn wir die jungen Offiziere nicht in einem Freiluft-Dojo umerziehen. Wir können nicht gewinnen, wenn wir von ihnen verlangen Judo und Kendo zu lernen. Sie müssen Aikido Grundlagen nach der Aikido-Methode lernen.“ Als er diesen Ort (Iwama) für sein Freiluft-Dojo fand und das Dojo gebaut war, endete der Krieg. Das ist alles was ich weiß. Darüber hinaus habe ich keine Ahnung von dem psychischen Wandel von O-Sensei, den die soziale Situation hervorrief. Was ich gerade erzählt habe ist was ich weiß und ich habe es (von O-Sensei) deutlich gehört. Kurz vor Kriegsende schätzte das Militär die Situation dahingehend ein, dass unser Land verlieren würde, wenn wir Judo praktizierten. Schließlich dachten sie auch an der Marineakademie so. Davor hatte O-Sensei an der Nakano Militärschule, der Armeeuniversität, der Marineuniversität, der Toyama Universität und der Militärpolizeischule unterrichtet, für mehr als zehn Jahre. Nach der Entscheidung, dass Judo ungeeignet war, wechselte die Kenkoku Universität in der Mandschurei auch zu Aikido. Aber als der Krieg endete war es verboten, Kampfkünste zu trainieren, ein Schwert zu besitzen oder ein Gewehr, ein Messer oder eine Klinge, die länger war als sieben Zentimeter. Unter solchen Umständen versuchte O-Sensei sein bestes um den Samen des Aikido hier am Leben zu erhalten. Zufällig wurde ich sein Schüler. Er hatte eine Menge Sempai, aber alle wurden erwachsen und gingen weg. Sie gingen alle zurück zu ihren Herkunftsorten, traten in Firmen ein, kehrten zu ihren Familien zurück oder fanden einen Beruf. Wenn ihre Familie ein Dojo hatte, erbten sie es und so weiter. Am Ende waren nur eine kleine Anzahl von Sempai aus der Gegend und ich selbst übrig. Aber alle Sempai aus der Gegend hier konnten schließlich als sie verheiratet waren nicht mehr ins Dojo kommen, weil sie arbeiten mussten und ihre Beschäftigungen hatten. Wenn O-Sensei hier war, konnten wir nie sagen, wann er uns rufen würde. Selbst wenn wir unsere Nachbarn um Hilfe beim Reis dreschen gebeten hatten, wenn O-Sensei genau an dem Tag sagte: „Komm!“ und wir nicht kamen, war das Ergebnis schrecklich. Also konnte schließlich niemand mehr ins Dojo kommen, weil alle ihre Familien ernähren mussten. Ich konnte weitermachen, weil ich tagsüber frei hatte, auch wenn ich jeden zweiten Abend zur Arbeit ging. Ich konnte leben ohne Geld von O-Sensei zu bekommen, weil ich von der JNR bezahlt wurde. O-Sensei hatte Geld, aber die Schüler hier aus der Gegend hatten keines. Wenn sie zu Sensei gekommen wären, hätten sie kein Einkommen gehabt und keinen Reis pflanzen können für ihre Familien, und sie wären gestorben indem sie ins Dojo gingen. Alle kamen irgendwann nicht mehr. Ich konnte weiterhin kommen weil ich genug Geld zum Leben hatte. Weil ich für ihn einigermaßen nützlich war, unterrichtete O-Sensei mich bereitwillig in allem. Es war sehr streng. Das gab es nur für die Schüler, die ihm unter Lebensgefahr dienten, sogar obwohl es nur für Budo war, die ihm von morgens bis abends auf den Feldern halfen und schmutzig wurden und ihm seinen Rücken massierten; ihnen öffnete O-Sensei sein Herz.

Fortsetzung folgt

(Schriftlich festgehalten von Kaori Fujisaki, ins Englische übersetzt von Stanley A. Pranin und Midori Yamamoto)