Aikido Journal Home » Articles » Modernes Lernen: Kein Stehlen mehr? Aiki News Japan

Modernes Lernen: Kein Stehlen mehr?

von Peter Goldsbury

Published Online

Übersetzt von Stefan Schröder

Der Begründer des Aikido soll seinen Schülern dann und wann gut gelaunt erklärt haben: “Ich werde euch die Technik nicht lehren. Ihr müsst sie von mir stehlen.” Dieser Diebstahl der Techniken wird — gemeinsam mit dem Prinzip des Shu-Ha-Ri — als einer der traditionellsten und angemessensten Wege zum Erlernen der traditionellen japanischen Künste angesehen. Dabei finden Veränderungen auf zweierlei Weise statt. Es gibt eine schrittweise Transformation im Lernprozess, da der Schüler die Technik zu stehlen lernt, während sich gleichzeitig die Schüler-Meister-Beziehung verändert. Am Ende dieses Prozesses hat der Deshi (Schüler) die Kata des Lehrers gemeistert, die dahintersteckenden Prinzipien verstanden und darüber hinaus etwas eigenes geschaffen. Das angemessene Werkzeug oder auch das Vehikel dieser doppelten Transformation ist in den traditionellen japanischen Künsten das regelmäßige Üben.

In welchem Maße hängen dieser Diebstahl und Shu-Ha-Ri zusammen? Oder mit anderen Worten gefragt: Muss man die Techniken stehlen, aufgrund dessen was sie sind (Kata) oder liegt es daran, von wem man die Techniken stiehlt? Können sie vielleicht nicht anders erlernt werden? Ein Meister akzeptiert einen Schüler und jenem eröffnet sich ein genauer Blick auf des Meisters tägliche Anwendung der Kunst. In gewissem Sinne kann dieses enge Verbindung zwischen Lehrer und Schüler nicht durch ein formelles Lernen ersetzt werden. Der Schüler kommt dem Lehrer so nahe, dass er selbst die Dinge lernt, die der Meister nicht oder nicht bewusst zeigt. Die Möglichkeit des Diebstahls scheint von der Vertrautheit der Verbindung abzuhängen.

Vor kurzem diskutierte ich diese Frage mit einem Kollegen an der Universität und er behauptete, dass es nur sehr schwierig möglich sei, das Shu-Ha-Ri-Modell auch auf die Lehrer-Schüler-Beziehung an der Universität zu übertragen. Der Grund dafür liegt nicht in dem Mangel an Kata, sondern die Studenten werden einfach von ihren Professoren nicht dazu ermutigt, die Shu-Stufe zu übersteigen. Falls sie weitere Fortschritte machen, dann nicht, weil sie dies vom Lehrer gelernt haben, sondern weil sie es für sich selbst herausgefunden haben.

Japanische Universitäten operieren seit kurzem wie wissenschaftliche Firmen, die sich den Kräften des Marktes ausgesetzt sehen. Die Universitäten brauchen nun nicht nur eine Marketing-Strategie, sondern müssen das zu vermittelnde Wissen auch noch nett verpacken. Das ist noch weit entfernt davon einen Meister zu bitten sein Schüler sein zu dürfen, um dann seine Techniken zu stehlen; die Türen stehen hier weit offen, die zu stehlenden Güter sind attraktiv verpackt und liegen gut sichtbar für alle offen mit der Aufschrift: “Stiehl mich”, oder auch “Bedien dich”. Aber selbst dann nehmen nur wenige Studenten dieses Angebot an. Er meinte, es gäbe zu viel sklavische Imitation der Lehrer und dies nur auf einem oberflächlichen Level. Es wird nicht einmal an das Stehlen gedacht.

Zwei Dinge müssen hier bedacht werden, die ich später betrachten will. Haben akademische Institutionen, Dojos und Kampfkunst-Organisationen eine ökonomische Dimension, welche die Art wie sie arbeiten beeinflußt? Und zweitens: Kann man in den Budo, wie z. B. Aikido, überhaupt eine klare Trennlinie zwischen dem Stehlen und dem Selbstherausfinden ziehen? Die Frage ist, anders formuliert: Ist das Training ‘Lehrer-zentrisch’?

Copyright © 1974 - 2004 Aikido JournalAlle Rechte vorbehalten.